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Interview mit dem Hausarzt Dr. Henning Huth aus Anrath zur Corona-Pandemie

Interview Dr.Henning Huth : „Wir können leider noch nicht jeden testen“

Der Anrather Internist spricht über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf seinen Arbeitsalltag.

Dr. Henning Huth ist hausärztlicher Internist in Anrath. Die Corona-Pandemie hat auch seinen Arbeitsalltag und den seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verändert. Wir sprachen mit dem 42-Jährigen über die aktuelle Situation.

Herr Dr. Huth, wie sehr bestimmt das Corona-Virus derzeit Ihren Tagesablauf?

Henning Huth Ich biete das gesamte Spektrum der Inneren Medizin an, aber Corona ist natürlich auch bei vielen meiner Patienten das beherrschende Thema, weshalb wir die Arbeitsabläufe umstrukturiert und die Schutzmaßnahmen erhöht haben. Da mein Kollege Dr. Christoph Molls und ich in Anrath und Willich insgesamt drei Praxen betreiben, haben wir die Praxis in Willich umfunktioniert, dort alle Termine abgesagt und bieten dort jetzt jeden Tag eine offene Sprechstunde für Patienten mit Erkältungssymptomen und für Corona-Verdachtsfälle an. Dort behandeln wir mindestens 20 Patienten pro Tag.

Welche Vorteile hat das?

Huth Auf diese Weise sind die Patienten mit anderen Symptomen in den beiden Praxen in Anrath besser vor Corona geschützt. Wir haben viele ältere und chronisch kranke Patienten, die wir so schützen können. Auf diese Weise sparen wir außerdem ohnehin knappe Schutzausrüstung, da wir nicht in allen drei Praxen immer welche tragen müssen. Zudem eignet sich die Praxis in Willich baulich sehr gut, da man sie über einen Innenhof betreten kann und Patienten, die als Verdachtsfall gelten, nicht durch die ganze Praxis laufen müssen. Dort können wir dann auch im Freien mit entsprechender Schutzkleidung den Abstrich für den Corona-Test nehmen, wenn dies denn angezeigt ist.

Wann testen Sie überhaupt auf das Corona-Virus?

Huth Wir halten uns an die Kriterien des Robert-Koch-Instituts und erstellen ein Risikoprofil des Patienten, wonach man zum einen Symptome zeigen und zum anderen Kontakt zu einer infizierten Person gehabt haben muss.

Was bedeutet denn in diesem Zusammenhang „Kontakt“?

Huth Von „Kontakt“ spricht man beim Austausch von Körperflüssigkeiten oder dann, wenn man 15 Minuten lang mit einem Corona-Infizierten zu tun hatte und ihm näher als anderthalb Meter gekommen ist. Natürlich muss man immer auch den Einzelfall abwägen, da sich nicht jeder genau erinnert, mit wem er wie lange Kontakt hatte.

Wie hatten sich die Patienten, die zu ihnen in die Praxis kamen, infiziert?

Huth In unseren Praxen hatten wir bisher drei Patienten, deren Ergebnis positiv ausfiel. In allen drei Fällen handelte es sich übrigens um Urlaubsheimkehrer. Und da mittlerweile die meisten deutschen Touristen wieder zu Hause sind, hat sich der Ansturm inzwischen meiner Beobachtung nach ein wenig gelegt. Dennoch halte ich die Maßnahmen wie Kontaktverbote und Testungen von Verdachtsfällen für sinnvoll.

Wie reagieren denn Patienten, die nicht die RKI-Kriterien erfüllen, aber trotzdem getestet werden möchten?

Huth Wenn man ihnen die Situation richtig erklärt, haben die meisten Patienten Verständnis dafür, dass man nicht jeden, der Erkältungssymptome zeigt, testen kann. Wir sind verpflichtet, uns an die RKI-Vorgaben zu halten. Natürlich kann so schon mal jemand „durchrutschen“, der infiziert ist, aber es sind nun mal nicht unendlich viele Tests vorhanden. Daher sollte man ressourcenschonend damit umgehen. Deswegen rate ich auch Patienten, die auf eigene Kosten einen Test machen wollen, eher davon ab.

Wie läuft ein solcher Test ab?

Huth Wir testen etwa fünf Patienten pro Tag auf das Corona-Virus. Dabei nehmen wir jeweils mit einem langen Wattestäbchen einen Abstrich aus dem Rachenraum des Patienten und schicken diesen ins Labor. Das Ergebnis kommt nach etwa zwei bis drei Tagen, wobei sich die Bearbeitungszeit bereits verlängert hat und dies wohl auch noch weiter tun wird. Wer positiv getestet ist, muss sich in Quarantäne begeben. Ärzte, die zum Beispiel wegen fehlender Schutzausrüstung keine Tests machen können, überweisen ihre Patienten übrigens an das Mobile Corona-Untersuchungszentrum des Kreises Viersen. Ganz wichtig: Dort wird man nur getestet, wenn man eine Überweisung vom Arzt hat! Und was man auch nicht oft genug betonen kann: Wer Erkältungssymptome hat, sollte nicht einfach zu seinem Arzt gehen, sondern unbedingt vorher anrufen. Es geht schließlich auch darum, seine Mitmenschen zu schützen.

Welche Schutzmaßnahmen haben Sie in ihren Praxen getroffen?

Huth In meiner Praxis am Kirchplatz in Anrath habe ich im Empfangsbereich eine provisorische Wand aus Acrylglas montieren lassen, im Sprechzimmer habe ich eine solche Wand auf dem Tisch stehen. Zudem tragen wir ausreichende Schutzkleidung und achten darauf, dass sich die Patienten untereinander nicht zu nahe kommen. Dafür haben wir beispielsweise die Stühle im Wartezimmer weiter auseinander gestellt. Hausbesuche, vor allem in Alten- und Pflegeheimen, habe ich auf das Nötigste beschränkt, um gerade die Risikogruppen zu schützen.

Weniger Behandlungen oder Patientenkontakte bedeuten auch weniger Einnahmen. Kollegen von Ihnen klagen über finanzielle Einbußen oder haben Kurzarbeit angemeldet.

Huth Ich denke, das trifft vor allem die Kollegen, die als Fachärzte arbeiten und teure Geräte vorhalten oder nicht lebensnotwendige Operationen vornehmen, die jetzt verschoben werden, um genügend Kapazitäten für Corona-Patienten bereitzuhalten. Ich als Hausarzt muss meine Patienten ja auch in diesen Zeiten weiterbetreuen. Aber natürlich werde ich die abgesagten Termine zu spüren bekommen, doch das ist derzeit nicht meine vordringliche Sorge. Wie gesagt: Facharztkollegen können jetzt durchaus in die Bredouille geraten.

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