Willich: „In Willich leben wir Inklusion bereits“

Willich : „In Willich leben wir Inklusion bereits“

Christian Pakusch, Vorsitzender des Willicher Schulausschusses, sieht das Inklusionsgesetz mit Skepsis. Er mache sich vor allem Sorgen um die pädagogische Arbeit. Die Pestalozzi-Schule in Schiefbahn dürfe nicht gefährdet werden.

Herr Pakusch, ist der Eindruck richtig: Überall wird über Inklusion gesprochen, in Willich aber recht wenig?

Christian Pakusch Ja, in den politischen Gremien wie im Schulausschuss ist darüber bislang wenig gesprochen worden. Das ist richtig. Inklusion ist in der Stadt aber Thema seit Beginn der Legislaturperiode, seit bekannt ist, was die Vereinten Nationen und damit auch die Bundesrepublik Deutschland umgesetzt haben wollen und was dann irgendwann einmal Gesetz würde.

Was ist Inklusion?

Pakusch Inklusion gibt es in vielen Bereichen, nicht nur in der Schule. Inklusion ist die Teilhabe des behinderten Menschen am ganz normalen Leben. Und da kommt schon die nächste Frage: Was ist denn normal? Was ist da gewollt? Der Zugang in Gebäude ist für mich eine Frage, die in diesem Zusammenhang immer wieder gestellt wird. In der Schule kommt der ganze Bereich der Pädagogik hinzu. Da kommt es ja auch sehr auf den Förderbedarf an oder die Art er Behinderung.

Warum ist Inklusion in der Schule in Willich bislang so wenig Thema gewesen?

Pakusch Es ist immer schwierig über Dinge zu sprechen, von denen wir nicht genau wissen, was kommt. Es ist ja auch bekannt, wie oft das neue Inklusionsgesetz schon kommen sollte. Dann hatten wir eine Landtagswahl, dann hat der Landtag sich aufgelöst, es gab Neuwahlen, und wir haben gedacht, in diesem Jahr läge das Gesetz vor. Dann kam der Referentenentwurf in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres. Der Deutsche Städtetag und alle anderen Verbände haben ja erst einmal laut aufgeschrien. Wir als Kommunen stochern also im Leeren herum, auch wenn sich da jetzt ein wenig zu bewegen scheint. Und deshalb konnte es in Willich auch noch nicht konkret werden.

Aber dass das Gesetz kommt, ist klar. Hätte die Stadt Willich bezogen auf den Bereich Schule nicht schon irgendetwas tun können?

Pakusch In Willich leben wir Inklusion bereits. Angefangen von der Hubertusschule in Schiefbahn, über die Pestalozzischule, die Johannesschule bis zur Gesamtschule, die ja dann, als es zur Veränderung in der Schullandschaft in Willich kam, gesagt hat: Ja, wir übernehmen die Förderklassen der Johannesschule. Deshalb wird Inklusion in Willich schon gelebt. Persönlich sage ich: Ich finde es genau richtig, wie da Inklusion gelebt wird, dass man individuell schaut, was für jedes Kind das Richtige ist. Der Elternwille an sich wird ja erst einmal noch zählen. Ich glaube auch, dass viele Eltern den Rechtsanspruch auf Inklusion im Unterricht an einer Regelschule, den es dann bestimmt geben wird, auch in Anspruch nehmen.

Mit Konsequenzen für die Förderschulen wie die Pestalozzi-Schule in Schiefbahn?

Pakusch Dann müssen wir schauen, wie es mit der Förderschule weitergeht. Heute haben wir unsere Zahlen für diese Schule. Ich bin auch stolz auf die Kooperation, die der Rat mit der Förderschule in St. Hubert beschlossen hat. Das Land hat jetzt gesagt: Das Inklusionsgesetz wird nicht zum nächsten Schuljahr kommen, frühestens zum übernächsten Schuljahr. Also müssen wir abwarten, ich bin da sehr gespannt.

Sind alle Regelschulen in Willich so aufgestellt, dass sie überall Inklusion praktizieren könnten?

Pakusch Ich möchte eine Gegenfrage stellen: Warum dreht man den Spieß nicht einmal um? Könnte man nicht sagen, Regelschüler werden jetzt in einer Förderschule beschult. Das wäre doch auch Inklusion, oder? Wir sollten uns nichts vormachen: Es wird in unsere Schulstruktur von außen eingegriffen werden, und ich frage mich, ob das vor Ort nicht besser gesteuert werden könnte.

Welche Eingriffe befürchten Sie?

Pakusch Ich möchte nicht, dass Kinder, die vom Elternwillen her keine Regelschule besuchen sollen, mehrere Kilometer weit zum gewünschten Schultyp fahren müssen, weil es möglicherweise die Pestalozzischule in Schiefbahn nicht mehr gibt. Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Die CDU und ich in besonderer Weise sprechen sich ganz klar für die Pestalozzischule aus. Wir werden uns immer für den Erhalt mit allen Möglichkeiten einsetzen. Aber wer sagt mir, wie viele Förderschulen es im Kreis Viersen in fünf Jahren noch gibt? Wir regen uns in Willich zurecht auf, wenn die Schulbussituation schwierig ist, dass Kinder in Willich bis zu eineinhalb Stunden zur Schule unterwegs sind. Aber Kinder mit einer Behinderung 40 oder mehr Kilometer auf Reisen zur Förderschule zu schicken, kann dann nicht sein. Das halte ich für grundlegend falsch.

Hätten Sie denn irgendwelche Ideen, was die Stadt im Schulbereich in Richtung Inklusion tun könnte?

Pakusch Es gibt ja bei der Stadt schon das Team Inklusion. Inklusion betrifft ja nicht nur Schule, sie betrifft alle Bereiche des Lebens. Wir haben ja auch mit dem Behindertenbeauftragten, den der Rat installiert hat, ein Zeichen gesetzt. Dass es das Team Inklusion bei der Stadt gibt, ist gut, aber wir brauchten einen Ansprechpartner für Behinderte, und den haben wir nun. Wenn das Gesetz dann da ist, wäre es nach dem heute bekannten Stand möglich, jedes behinderte Kind an jeder Schule in der Stadt Willich anzumelden. Das würde bedeuten, wenn ich beispielsweise an das St. Bernhard-Gymnasium denke, das ich selber besucht habe: Wenn sich dort jemand mit einer körperlichen Behinderung anmeldet, müssen wir dort auch die Rahmenbedingungen bieten. Ich hatte mein Klassenzimmer in Gebäude 2 der Schule, das ist der Trakt, in dem auch das Sekretariat ist. Um in das Gebäude hinein zu kommen, muss man erst einmal Treppen hinaufgehen. Wenn ein Schüler mit Rollstuhl da rein will, müssen die Gerätschaften dafür beschafft werden. Dann reden wir über Aufzüge und einiges an baulichen Maßnahmen, die auf die Stadt zukommen.

Das kostet Geld.

Pakusch Für mich persönlich sind diese baulichen Maßnahmen nicht das große Fragezeichen. Sanierung von Schulen, Neubau von Schulen, Ausbau von Schulen, Neubau von Mensen, haben wir in Willich immer hinbekommen. Das ist auch wichtig und richtig. Viel größere Sorgen mache ich mir darüber, was das Pädagogische angeht: Die Förderung, die derzeit in Förderschulen läuft, stelle ich mir unter den Rahmenbedingungen einer Klasse mit 30 Schülern in einer Regelschule doch etwas anders vor als in kleinen Gruppen, wo wir Sonderpädagogen haben.

Aber das sind Dinge, die eine Kommune nicht beeinflussen kann.

Pakusch Richtig, aber ich halte es für wichtig, dass wir als Kommunen solange, wie das Gesetz noch nicht beschlossen ist, etwa über den Städtetag sagen, was wir uns vorstellen. Wir müssen solche Bedenken weiterhin anbringen. Auch die Lehrerverbände müssen sich da einbringen. Ebenso sollten die betroffenen Eltern angehört werden. Wir haben nichts davon, wenn wir nachher ein Inklusionsgesetz haben, das keiner leben kann.

Halten Sie es für denkbar, dass die Politik in Willich eine Resolution beschließt, aus der hervorgeht, wie sich die Stadt das Thema Inklusion zum Beispiel bezogen auf Schulen vorstellt?

Pakusch Der Schulausschuss hat in den vergangenen Monaten viele Themen abgearbeitet: die Sanierung am St. Bernhard-Gymnasium, die Situation der Mensa in Schiefbahn, die Umstrukturierung der Schullandschaft, auch die Offene Ganztagsschule war Thema, und so wie es aussieht, werden wir im Februar grundlegend beschlossen haben, wie es da weitergeht. Ich würde es für wichtig halten, wenn wir uns im Schulausschuss einmal mit dem Referentenentwurf zum Inklusionsgesetz befassen. Wir sollten auch jemanden einladen, der uns aus erster Hand dazu Rede und Antwort stehen kann. Wir müssen wissen, was da so perspektivisch auf uns zukommt. Und wenn das Gesetz kommt, sollten wir gut aufgestellt sein. Ich denke, dass im Gang des Gesetzgebungsverfahrens nur noch Nuancen verändert werden. Ich gehe davon aus, das wir im Schulausschuss noch im ersten Halbjahr über das Thema Inklusion reden werden. Ich kann ja als Ausschussvorsitzender mit über die Tagesordnung entscheiden. Ich verspreche mir von einem Gespräch mit einem Fachmann vom Land auch, dass das Land sieht, was vor Ort in Sachen Inklusion geschieht, zum Beispiel die Kooperation mit Kempen in der Förderschule. Das ist ja nicht alltäglich.

Sie sagen, Inklusion wird in Willich schon gelebt. Welche Willicher Ideen könnte man denn in das Gesetz noch hineinschreiben?

Pakusch Wir sind als Stadt Willich gerade dabei, dass wir einen Kindergarten in den Räumen der Förderschule in Willich einrichten. Beide Einrichtungen haben getrennte Eingänge und Räume, sind aber unter einem Dach. Das beide Einrichtungen keine Angst haben, aufeinander zuzugehen, ist ganz wichtig. Solche Dinge kann man in kein Gesetz hineinschreiben. Sie können Inklusion nicht verordnen oder erzwingen. Ich mache mir große Gedanken über die Größe der Klassen. Da muss einfach sichergestellt sein — und ich bin mir nicht sicher, ob es heute im Referentenentwurf schon so ist, dass es ausreichend Sonderpädagogen gibt. Ist der Markt so voll, dass wir dem Anspruch, jedes Kind mit Förderbedarf in einer Regelschule optimal zu fördern, gerecht werden können? Da reden wir über den Personalschlüssel. Es kann nicht sein, dass die Kinder allein gelassen werden. Beim Thema Personalschlüssel kommt auch das Thema Geld ins Spiel, und da muss das Land seiner Verantwortung gerecht werden. Dann muss es sagen: Gut, wir wollen das Inklusionsgesetz, dann stellen wir auch die ausreichende Zahl an Lehrkräften bereit, damit wir individuell weiter betreuen und unterrichten können. Die Schulministerin hat hierzu in der vergangenen Woche Unterstützung angekündigt. Wir sind gespannt.

Höre ich da ein wenig Skepsis heraus?

Pakusch Die ist meiner Meinung nach auch angebracht. Ich glaube nicht, dass man einen Knopf drücken kann so nach dem Motto: Hier ist das Gesetz, und jetzt leben wir die Inklusion. Das ist so eine große und individuelle Aufgabe, die man mit der bloßen gesetzlichen Regelung alleine nicht fassen kann. Es ist wie mit dem Rechtsanspruch auf U-3-Betreung ab 1. August diesen Jahres: Vom Gedankengang her ist das richtig, das ist das, was die Gesellschaft heute braucht. Aber wir kennen die Zahlen, wie viele Plätze noch fehlen. Gott sei Dank kommt das Inklusionsgesetz nicht im nächsten Schuljahr.


Christian Heidrich führte das Gespräch.

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