In Willich könnte es eine autofreie Wohnsiedlung geben. Ein Standort wird gesucht

Planungsausschuss : Eine Siedlung ohne Autos in Willich

Auf Antrag der CDU hat die Willicher Stadtverwaltung ein Konzept für eine autofreie Wohnsiedlung erarbeitet. Nun soll nach einem geeigneten Standort gesucht werden. Ein Vorbild gibt’s in Freiburg.

Die Willicher Stadtverwaltung soll eine geeignete Fläche für eine emissionsarme, also autofreie Siedlung finden. Das beschlossen die Politiker des Planungsausschusses jetzt einstimmig. Angesichts der Auswirkungen der Klimaschutzbewegung auf die Europawahl traute sich wohl niemand, gegen den Antrag der CDU zu stimmen. Vor gut einem Jahr hatte die FDP die Idee der Union noch scharf kritisiert und als Schnapsidee bezeichnet. Im Februar 2018 hatte die CDU mit ihrem Antrag Erfolg, dass die Verwaltung ein Konzept zu einem autofreien Wohngebiet erarbeiten soll. Dieses Konzept liegt jetzt vor.

Laut Stadtverwaltung hat ein Wohngebiet, in dem keine Autos fahren, auch in Willich Chancen – wenn man es an die hiesigen Gegebenheiten anpasst. Denn die wenigen autofreien Wohngebiete, die es bereits gibt, befinden sich meist in Großstädten, in denen allein schon der öffentliche Personennahverkehr besser ist. Und so geht man in Willich nicht davon aus, ein Wohngebiet für Menschen zu schaffen, die allesamt überhaupt kein Auto haben. Vielmehr sollen die Fahrzeuge in einer Tiefgarage oder am Rand der Siedlung abgestellt werden. Zu überlegen sei, den Bewohnern den Kauf eines Elektroautos schmackhaft zu machen, indem solche direkt am Haus abgestellt werden dürfen. Um mögliche Bewohner nicht gleich abzuschrecken, solle man daher auch lieber die Formulierung „emissionsarm“ statt „autofrei“ wählen. So sollten denn auch konsequenterweise die Gebäude in einer solchen Siedlung so umwelt- und klimafreundlich wie möglich sein. So gäbe es eine gute Ergänzung zur bereits bestehenden Klimaschutzsiedlung in Willich. Und: Das Gebiet sollte durchaus auch Mehrfamilienhäuser beinhalten, da es in Willich ohnehin Nachfrage nach günstigem Wohnraum gibt.

Die Vorteile einer autofreien Siedlung sieht die Stadtverwaltung unter anderem in der besseren Luft durch weniger Abgase, weniger Lärm, gefahrlosem Spielen, höherer Aufenthaltsqualität und mehr Platz für Grünflächen. Die größte Herausforderung zur Verwirklichung eines solchen Projektes sei die Wahl eines geeigneten Standorts, so die Verwaltung. Denn Ziel soll es auch sein, die Bewohner dazu zu bringen, auch außerhalb der Siedlung möglichst wenig mit dem Auto zu fahren. Eine Mobilitätsstation in der Siedlung, an der es Lastenfahrräder, E-Bikes und Elektroautos zu leihen gibt, könnte dazu beitragen. Eine gute Anbindung an Ortszentren und den öffentlichen Nahverkehr sind aber ebenso entscheidend. Gezwungen werden, aufs Auto zu verzichten, soll aber niemand, zumal dies juristisch schwierig wäre.

„Wir sind der Auffassung, dass es ein gutes Konzept ist. Automobile sichern Mobilität, aber wir wollen ein Zeichen setzen, dass es Wohngebiete geben kann, in denen das Auto nicht im Vordergrund steht. Querdenken ist gut“, sagte Sascha Faßbender, CDU-Obmann im Planungsausschuss. Christian Winterbach (Grüne) unterstützte – wenig überraschend – den Antrag: „Wir sind nicht so realitätsfremd zu glauben, dass man in Willich heute schon komplett auf das Auto verzichten kann.“ Allerdings gab er zu bedenken, dass Willich, was den öffentlichen Nahverkehr angeht, „nur ein Anhängsel“ an die umgebenden Großstädte sei. Das sah auch Karl-Heinz Koch (FDP) so: „Wir brauchen den ÖPNV, um das Auto öfter in der Garage stehen zu lassen.“ Und er mahnte: „Tiefgarage gleich autofrei: So geht’s nicht.“ Seine Parteikollegin Angelika Baumbach bezeichnete das Konzept als „blauäugig“ und „nicht zu Ende gedacht“.

Der Technische Beigeordnete der Stadt Willich, Gregor Nachtwey, betonte, dass das vorgelegte Konzept die „gesamte Bandbreite von Möglichkeiten“ aufzeige. Es komme nun auf einen geeigneten Standort an, denn: „Man kann nicht überall alles machen.“ Zu klären sei nun, wie weit die Autofreiheit gehen soll, welche Häusertypen gebaut werden sollen, wie groß das Gebiet sein soll und wie die Anbindung an den ÖPNV aussehen kann. „Es ist sinnvoll, sich an das Thema ranzutasten, statt von null auf hundert zu gehen. Von einem Rohrkrepierer hat niemand was“, so Nachtwey. Der Ausschuss-Vorsitzende Christian Pakusch appellierte an die FDP, dem Antrag zuzustimmen: „Wenn wir nicht mal um die Ecke denken, werden wir keine Vorreiter sein.“ Und Heinz Joebges (SPD) meinte: „Wir sollten nicht so ängstlich sein. Die Nachfrage wird uns überraschen.“

Und so stimmten dann schließlich alle Ausschussmitglieder dafür, dass sich die Verwaltung nun auf den Weg machen soll, einen geeigneten Standort für eine emissionsarme Wohnsiedlung zu finden. Wenn dies geschehen ist, wird im Ausschuss weiterdiskutiert.

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