Im Tauschring Will-ich kann man ohne Geld Dienstleistungen und Produkte erhalten

Tauschring : Bezahlen mit der Willi-Währung

Ohne Geld Dienstleistungen und Produkte erhalten: Der Tauschring Will-ich macht es seit über zehn Jahren möglich – und das mit großem Erfolg.

Auf den zusammengeschobenen Tischen im alten Rathaussaal an der Hochstraße 67 in Schiefbahn wird es immer voller. CD-Player, ein Navigationsgerät, Register für Ordner, Gartenpflanzen, Kartons mit Grußkarten und eine Fass-Anstich-Garnitur liegen übersichtlich angeordnet nebeneinander. Immer wieder stellt jemand etwas Neues dazu, das von anderen neugierig beäugt wird. Kaum hat Ilona zwei Kleider und eine Bluse ausgebreitet, rollen auch schon die ersten „Willis“. Monika hat sich für die Bluse entschieden, und nach einer kurzen Verhandlung einigen sich die beiden Frauen auf zehn „Willis“. Es geht an das Ausfüllen des Tauschbelegs, bei dem festgehalten wird, wer was getauscht hat und wie viel der speziellen Währung dafür den Besitzer wechselte.

„Das wird nachher in unser Computersystem eingegeben. Monika bekommt zehn ,Willis’ abgezogen und Ilona zehn ,Willis’ gutgeschrieben, die sie danach wieder für andere Dinge ausgeben kann“, sagt Udo Grüters, der den Tauschring Will-ich leitet. Aber nicht nur die Gegenstände sind es, die über die Willi-Währung getauscht werden. In erster Linie geht es beim Tauschring Will-ich um Dienstleistungen. Jeder kann bestimmte Dinge gut und macht sie einfach gerne. Der eine backt für sein Leben gerne, dem anderen liegt das Aufräumen am Herzen, der nächste ist handwerklich geschickt, einer liebt Gartenarbeit, und ein anderer hat einfach viel Zeit, die er Menschen in Form von Begleitungen und Fahrdiensten anbietet. Mit seinen persönlichen Angeboten kann sich jeder im Tauschring einbringen.

Wer mitmachen möchte, gibt an, welche Dienstleistungen er gerne erbringen möchte, wobei das Ganze in einem System festgehalten wird, auf das nur Mitglieder zurückgreifen können. Auf den Internetseiten des Tauschrings werden zwar alle Angebote nach den verschiedenen Rubriken sortiert aufgelistet, aber ein Außenstehender kann in keiner Weise darauf zurückgreifen oder erfährt, wer hinter dem jeweiligen Angebot steht. Das gilt natürlich auch für die Rubrik Gesuche. Wer zum Beispiel einen Tiersitter für die Katze sucht, wenn er selber in Urlaub fährt, oder Hilfe beim Rasenmähen braucht, der gibt dies einfach an.

„Wir nutzen im Prinzip das grundlegende System der erweiterten Nachbarschaftshilfe. Du hilfst mir, ich helfe dir. Wir haben es uns dabei zur Aufgabe gemacht, Kaufen und Konsum durch ein Tausch-System zu ergänzen, bei dem Geld keine Rolle spielt. Unser Ziel ist es, Fertigkeiten, Dienstleistungen und Gegenstände ohne finanzielle Vergütungen auszutauschen. Durch diese gegenseitige Hilfe gewinnen beide Tauschpartner“, informiert Grüters.

Was die Willi-Währung betrifft, sieht es so aus, dass eine Stunde Arbeit mit sechs Willis zu Buche schlägt, das heißt: Zehn Minuten sind ein Willi. Alle Arbeiten sind dabei gleichwertig. Egal, ob bei Computerproblemen geholfen wird oder jemand für eine Stunde einen Rollstuhl schiebt. Über die Währung, die entsprechend der Tauschbelege auf den Konten der Mitglieder auf- und abgebucht wird, kann auch verhindert werden, dass jemand nur nutzt und nicht gibt. Denn ein Willi-Konto darf nicht schamlos überzogen werden.

Neben den Dienstleistungen findet einmal im Monat der Tauschtreff statt, bei dem jeder das mitbringt, was er gerne tauschen möchte. „Oft bieten wir bei den Tauschtreffs auch einen Vortrag zu einem bestimmten Thema an“, sagt Grüters. Wobei die Themen von Vogelwarte bis hin zum Verkauf bei Ebay reichen. Egal, ob Tauschtreff oder Dienstleistungsaustausch: Über den Tauschring ist auch ein soziales Netzwerk entstanden, das zur Kommunikation von Menschen beiträgt. „Es ist eine tolle Sache“, sagt Steffi Milius, die dem Tauschring seit Jahren angehört und immer, wenn sie Zeit hat, auch den Tauschtreff besucht, weil „es einfach ein schönes geselliges Miteinander ist und man nicht nur Gegenstände tauscht, sondern sich auch austauscht“, fügt Milius an.

Stefanie Leufgen, die zum ersten Mal vorbeigekommen ist und einfach einmal schauen wollte, was es mit dem Tauschring auf sich hat, ist ebenfalls begeistert. „Bei einem Upcycling-Kurs habe ich vom Tausch­ring erfahren. Ich denke, es gibt einiges, mit dem ich mich einbringen kann, und auf der anderen Seite jede Menge Angebote, die ich sicherlich einmal nutzen werde“, sagt Stefanie Leufgen.

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