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Stadt Willich: Hunger und Selbstgestricktes zum Fest

Stadt Willich : Hunger und Selbstgestricktes zum Fest

Vor 70 Jahren: Weihnachten 1944 war für die Deutschen kein Fest der Freude mehr. In unserem Gebiet war man an den Festtagen häufig im Luftschutzkeller - es sei denn, man war weit weg von zu Hause.

Die Propaganda bemüht sich zwar unermüdlich, das Volk bei Stimmung zu halten. Doch die Gesichter der Menschen, besonders die der Frontsoldaten, sprechen eine andere Sprache. Für die, die immer noch an den "Endsieg" geglaubt haben, zerschlägt sich Weihnachten 1944 die letzte Siegeshoffnung, denn die Ardennen-Offensive, die am 16. Dezember in der Eifel begann und Engländer und Amerikaner bis nach Antwerpen zurückwerfen sollte, ist jetzt gescheitert. Am 21. Dezember hat Hitler noch im Radio verkündet: "Das deutsche Volk wird Weihnachten mit einem großen Sieg beschenkt werden". Aber zwei Tage vor Weihnachten klärt das Wetter auf, und in strahlendem Sonnenschein beginnt Heiligabend die Hetzjagd der alliierten Jagdbomber auf die zurückflutenden Verbände.

An der Niedergeschlagenheit, am ständigen Hungergefühl können auch kleine Geschenke und ein spärliches Mahl nichts ändern: Als Sonderzuteilung gibt es für Kinder und Jugendliche jeweils 125 Gramm Süßwaren, für jeden Erwachsenen zwei Eier, auch Portiönchen Zucker und Mehl. Zu Hause mengen die Hausfrauen daraus Teig, können ihn auf ihrem Kohleherd aber nicht backen und bringen ihn, einen Namenszettel mit Spucke aufgeklebt, im Handtuch zum Bäcker. Der formt den Teig und "schießt" ihn mit langem Schieber in einer Form in seinen Ofen, weshalb man das Ergebnis "Einschießweißbrot" nennt.

 Glücklich mit Baum: Die Kinder der Familie Förster 1944.
Glücklich mit Baum: Die Kinder der Familie Förster 1944. Foto: Kreisarchiv
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Vorgänger des heutigen Kreises Viersen ist damals der Landkreis Kempen-Krefeld. Knapp die Hälfte seiner Einwohner ist Weihnachten 1944 gar nicht zu Hause. Sie dienen als Soldaten bei der Wehrmacht oder in anderen Funktionen. Oder sie sind in anderen Teilen des Reiches, sind schon im September/Oktober vor der Gefahr durch alliierte Flugzeuge, vor den vorrückenden alliierten Truppen geflohen. Vom 22. bis zum 25. November sind die Orte im Westen des Kreises, Brüggen und Bracht, Kaldenkirchen, Waldniel und Lobberich, zwangsgeräumt worden. Nur wenige Anwohner bleiben heimlich zurück - von Erschießung bedroht.

In Willich hat die Familie Förster noch ein echtes Weihnachtsbäumchen aufgetrieben, und Schmuck zum Behängen ist auch noch da. Der Vater, der Lehrer Hans Förster, wird erst 1947 aus russischer Gefangenschaft zurückkommen. Als ab dem ersten Feiertag alliierte Jagdbomber jede Bewegung auf dem Boden beschießen, gellen die Sirenen immer wieder Luftalarm, und die Menschen stürzen in den Keller.

In der Kempener Propsteikirche sind durch einen Luftangriff vom 8. November 1944 sämtliche notverglasten Fenster erneut zerstört worden. Bei den Sonntags-Gottesdiensten dürfen die männlichen Besucher wegen Windzug und Kälte den Hut auf dem Kopf behalten. Erst nach sechs Wochen sind die Fensterhöhlen mit Wellblech und Brettern verschalt, und zum Heiligen Abend erstrahlt der Raum notdürftig in weihnachtlichem Schmuck.

In Kempen feiert Elisabeth Zerwes mit ihren sechs Kindern, neun bis 15 Jahre alt. Ohne ihren Mann, denn Robert Zerwes ist noch in letzter Stunde zur Wehrmacht eingezogen worden. Er steht nun in Dänemark. Aber eine Verwandte ist zu Weihnachtsbesuch: Ilse, geborene Emmerich, aus Aachen mit ihren Töchtern Rosemarie (10) und Ilse (7). Deren Vater, Bernhard Terluhnen, ist auch an der Front, aber anders als Robert Zerwes wird er nicht aus dem Krieg zurückkommen. Geschenkartikel kann man schon lange nicht mehr kaufen. So gibt's für die Kinder Selbstgestricktes und -gehäkeltes.

Das älteste der Zerwes-Kinder, der 16-jährige Wolfgang, steht als Flakhelfer zum Schutz des Hydrierwerks Pölitz in Pommern. Im November 1944 ist er an der Oder eingetroffen; seine Kameraden sind größtenteils Schüler des Kempener Gymnasiums Thomaeum. Im Dezember 1944 stößt zum Unterrichten ihr Studienrat Josef Michel zu ihnen, ein überzeugter Nationalsozialist. Nachdem Ende Oktober Aachen von den Amerikanern genommen worden ist, sagt er seinen Schülern kurz vor Weihnachten: "Ich hoffe, dass der Herrgott unserm Führer die Reichsstadt wieder auf den Gabentisch legt." Das Fest selbst begehen die Jugendlichen ohne jeden besonderen Aufwand, dürfen nur in stundenlangem Fußmarsch nach Pölitz in den katholischen Gottesdienst. Ende März wird ihr Klassenkamerad Herbert Glasmachers aus Grefrath durch einen Lungensteckschuss verwundet. Er wird auf die andere Oderseite gebracht, stirbt im Lazarett.

In St. Hubert hat der Bauer Dietrich Anlahr auf Vermittlung des evangelischen Pfarrers Heinrich Petrus Hamer aus Krefeld kurz vor Weihnachten die Eheleute Hans und Fanny Frink mit ihrer 19-jährigen Tochter Charlotte aufgenommen. Fanny Frink ist Jüdin, ist zwar zur evangelischen Konfession ihres Mannes übergetreten, aber sie ist in Gefahr. Bereits am 17. September 1944 sind in Krefeld die jüdischen Ehepartner und ihre Kinder in KZ verschleppt worden. Über Zwischenstationen sind die Frinks in das Kendeldorf gekommen. Hier leben, kochen und essen sie genau über den Generalstabsoffizieren des II. Fallschirmjägerkorps, die die Operationen der deutschen Truppen an der Maas planen und in der Wohnstube unter ihnen ihre Mahlzeiten einnehmen. Anlahr hat den Gefährdeten ein möbliertes Zimmer neben seinem Schlafzimmer zur Verfügung gestellt. Er versorgt sie mit Lebensmitteln wie Kartoffeln und Milch. So überlebt Fanny Frink die Weihnachtszeit und das "Dritte Reich". Einen Tag nach dem Einmarsch der Amerikaner, am 4. März 1945, verlässt die Familie den Hof.

(RP)