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Tönisvorst: Handel stellt Schreckensszenario nach

Tönisvorst : Handel stellt Schreckensszenario nach

Die St. Töniser Einzelhändler haben in einer beispiellosen Aktion gegen Beratungsklau und Billigangebote im Internet demonstriert. Mehr als 50 Geschäfte klebten ihre Schaufenster mit schwarzer Folie zu. Die Reaktionen waren gemischt.

"Ohne Fachgeschäfte fehlt ein Lächeln und ein freundliches Wort" und "Beratung ohne Fachgeschäfte — Fehlanzeige". Sprüche wie diese flankierten am Wochenende die Schaufenster von mehr als 50 Geschäften in der St. Töniser City. Schwarze Plastikfolien verdeckten zusätzlich die Auslagen der Einzelhändler. Mit der breit angelegten Aktion des Werberings wollten die Geschäfte auf die wachsende Bedrohung durch die Billigkonkurrenz im Internet und den sogenannten "Beratungsklau im Internet" aufmerksam machen.

"Unser Statement ist so deutlich wie klar: Die Jagd nach dem letzten Euro ist nicht besser, als vor Ort im Fachgeschäft einzukaufen", bekräftigte Stefan Robben als Vorsitzender des Werberings. Der Bekleidungsverkäufer hat nach eigenen Angaben schon oft Kunden über mehrere Minuten hinweg beraten, die dann aber auf dem Absatz kehrt gemacht und für weniger Geld im Internet zugeschlagen hätten. "Es ist vor allem die Generation World-Wide Web der 20- bis 40-Jährigen, die wir ansprechen wollen. Sie sollen begreifen, dass es ohne Geschäfte keine Innenstadt zum Flanieren gibt und auch keine Spenden an Kultur- oder Fußballvereine", sagte Robben.

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Tatsächlich zeigte sich der Großteil der Geschäfte zwischen Hochstraße, Krefelder Straße und einem Teilstück der Gelderner Straße solidarisch, die meisten Läden verhängten ihre Auslagen. Filialen überregionaler Konzerne wie NKD oder Rossmann enthielten sich hingegen des Protests. Schreibwarenhändler Jens Schwirtz hofft, "dass der eine oder anderen sein Kaufverhalten überdenkt". Erick Arnold von Pohl Moden verhängte sein Schaufenster, "weil mir vor einer trostlosen und leeren Innenstadt graut".

Renate Holthausen schaute sich gemeinsam mit ihrer 14-jährigen Tochter Katharina die verdunkelte City an. Dem Protest der Händler kann sie nur Positives abgewinnen. "Das ist ganz klar unanständig, sich beraten zu lassen und dann woanders einkaufen zu gehen. Wenn ich in der Innenstadt die Dinge finde, die ich brauche, kaufe ich sie auch hier." In die gleiche Kerbe schlägt Uschi Glass. "Ich bin jeden Samstag hier und kaufe auch meistens etwas. Der Weckruf der Händler ist klasse."

Heike Lüdecke von der Paracelsius-Apotheke erlebte hingegen auch negative Reaktionen der Passanten. "Einige Leute machen sich gar keine Gedanken über unseren Protest und das mögliche Szenario einer leer gefegten Innenstadt." Inhaberin Heike Hölzl veranschaulichte den Stellenwert einer lokalen Arzneiversorgung. "Bei einem Nachtdienst verdienen wir teilweise nur 15 Euro. Trotzdem muss gewährleistet sein, dass sich die St. Töniser auch im Notfall mit Medikamenten versorgen können. Wie sollen Internetapotheken das leisten?"

Kurios mutet die Beschwerde eines Kunden über die verdunkelte Scheibe im Dekorationsgeschäft von Marion Breuer-Te Heesen an. "Der hat sich beschwert, dass man die Öffnungszeiten nicht lesen konnte." Dies sei aber ein Einzelfall gewesen. Womöglich wird die Aktion tatsächlich zu einer Renaissance des St. Töniser Einzelhandels führen.

(HM03)