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Für das „Miteinander Theater“ ist Inklusion keine Theorie. Am 8. September kommt „Peter und der Wolf“ auf die Bühne.

Theater : Miteinander in die Probe

Für das „Miteinander Theater“ ist Inklusion keine Theorie. Jeden Mittwoch treffen sich Schüler des Lise-Meitner-Gymnasiums und Menschen aus dem Haus Anrode, um zu proben. Am 8. September kommt „Peter und der Wolf“ auf die Bühne.

„Alle auf die Bühne, flotti, flotti“, ruft Christine Schierbaum quer durch die Aula des Lise-Meitner-Gymnasiums. Auf der Bühne flammt das Licht auf. Schüler nehmen Menschen mit Handicap an die Hand, und gemeinsam geht es auf die hell erleuchtete Spielfläche, auf der sich alle in einer Reihe aufstellen. „Ich kann laut und deutlich artikulieren“, gibt Lotta vor, die die Regie innehat. Der Satz macht bei den sechs Schülern und den elf Bewohnern des Hauses Anrode die Runde. Ein jeder in der altersgemischten Reihe von acht bis 82 Jahren spricht ihn nach. Was dem einem leichter fällt, kommt anderen schwerer von den Lippen, wobei es das Wörtchen „artikulieren“ ist, das für Zungenbrecher sorgt. Daher gibt es jede Menge Lob und Zuspruch vom ganzen Team, wenn es klappt.

Dann geht es aber auch schon los. „Bitte den mittleren Gang nicht mehr benutzen. Da müssen wir die Requisiten durchtragen“, informiert Paul und stellt ein Warndreieck inmitten des breiten Ganges zwischen den Stuhlreihen in der Aula auf. „Wo ist mein Wolfskostüm? Ich kann es nicht finden“, schimpft indes eine Stimme aus den hinteren Stuhlreihen. Hans-Dieter ist auf der Suche nach seinem Kostüm in Richtung Bühne unterwegs, die zu einem Requisitenlager mutiert ist. „Ich helfe dir suchen“, sagt Josie, die bereits auf der Bühne inmitten von diversen Gegenständen zu sehen ist.

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Die Probe für „Peter und der Wolf – wie der Wolf nicht dazu kam, die Ente zu fressen“ ist angelaufen. Das Stück spielt diesmal in einem Requisitenlager. Es ist eine Stunde vor der Aufführung, und eigentlich ist noch eine kurze Probe angesetzt, aber irgendwie geht alles schief. Jeden Mittwoch verwandelt sich die Aula in einen Probenraum für das „Miteinander Theater“. Schüler des Gymnasiums und Menschen mit Behinderung spielen hier zusammen Theater. Seit 2013 kooperiert die Anrather Wohnstätte „Haus Anrode“ der Lebenshilfe mit dem benachbarten Lise-Meitner-Gymnasium. Unter der Leitung von Lebenshilfe-Mitarbeiterin Schierbaum arbeiten die Schüler ab der achten Klasse und die Anwohner von „Haus Anrode“ für je zwei Stunden zusammen, wobei es für die Schüler gleichzeitig das Schulangebot „Soziale Kompetenz“ ist.

Die Idee zu der Kooperation hatte Schierbaum, die die Nachbarschaft mit dem Gymnasium gern vertiefen wollte. Eine Idee, die aufgeht. „Es macht Spaß, gemeinsam Theater zu spielen. Es ist ein gutes Gefühl zu sehen, wie glücklich die Menschen von Haus Anrode bei unseren Proben sind. Zudem machen wir noch andere Sachen zusammen. Wir backen gemeinsam und bauen auch unsere Requisiten gemeinschaftlich“, berichtet Annika.

Max findet Theaterspielen eh cool, wie er es beschreibt. Mit den Menschen mit Handicap erhalte das Ganze eine besondere Note, fügt der Gymnasiast an. Ganz stolz ist das „Miteinander Theater“ darauf, dass es im vergangenen Jahr den Sonderpreis „Gesunde Nachbarschaft 2017“ der AOK Rheinland/Hamburg gewonnen hat.

Auf der Bühne sind inzwischen Brigitte als Peter und Luca als Großvater in einer ersten Probensequenz zu sehen, die allerdings ein Stück weit von Max sabotiert wird, der es sich vor der Bühne für ein Schläfchen bequem gemacht hat. Luca, der das Gedicht „Herbst“ von Theodor Storm zitieren will, bleibt im Text stecken. „Schon ins Land der Pyramiden, flohen die Störche übers Meer. Schwalbenflug, Schwalbenflug?“, deklamiert der Gymnasiast, dann geht es nicht mehr weiter. Willi, der mit seinen 82 Jahren der älteste Schauspieler ist und im Ohrensessel sitzt, wird um Hilfe gebeten. Leise zitiert der Bewohner von Haus Anrode das lange Gedicht, ohne ein einziges Mal ins Stocken zu kommen. Eine Szene, die anrührt. „Das ist so schön“, bemerkt Lebenshilfe-Mitarbeiterin Melanie Carolus, die mit dem Textbuch vor der Bühne sitzt und im Notfall weiterhelfen könnte.

Ihr Sohn Paul, der mit seinen acht Jahren der jüngste Mitspieler ist, hat während des Gedichts sogar seine Arbeit als Reinigungskraft im Theater unterbrochen. Dann aber geht es mit Besen und Staubwedel weiter. Schließlich dauert es noch eine Stunde bis zur Aufführung, wie Inge gerade mit einem großen Schild auf der Bühne verkündet hat, und da muss alles sauber sein. „Ich denke, die gespielte Probe von Peter und der Wolf mit all ihren Pannen wird unsere Zuschauer begeistern“, ist sich Schierbaum sicher.