Erinnerung an den Krefelder Künstler Hansgeorg Koch

Der Schiefbahner Dichter Marcell Feldberg in Wien : Erinnerung an den Krefelder Künstler Hansgeorg Koch

Wenn Bücher auf der Durchreise sind, den Besitzer wechseln, dann nehmen sie nicht nur die Geschichten mit, die in ihnen geschrieben stehen. Manchmal bergen sie auch unsichtbare Erzählungen, die etwas über ihre Besitzer und Leser aussagen, das dann eher per Zufall mit einem Male ganz überraschend offen zutage tritt.

Friederike Mayröcker mag keine Blumensträuße mitgebracht haben, wenn man sie besucht. Also bringe ich ihr zu unseren Begegnungen lieber ein Buch statt Blumen mit. Dabei darf es dann gerne auch auch etwas seltenes sein. Denn die Neugier der Grande Dame der deutschen Lyrik ist auch noch im hohen Alter ungebrochen. Mein „Blumenbuch“ sollte in diesem Jahr ein Gedichtband mit Texten der niederländisch-friesischen Dichter Obe Postma und Tsjebbe Hettinga sein. Über den Band aus der Edition der „Lyrik im Hölderlintum“ hatte ich 1999 für die „Niederrheinseite“ der „Rheinischen Post“ berichtet. Doch nirgends schien dieses längst vergriffene Buch aufzutreiben sein. Und dann fand ich es in der letzten Woche nun ausgerechnet in einem Antiquariat in Wien. Wie bei einem guten und achtsamen Antiquariat üblich, gab es zu diesem Buch auch eine Provenienzgeschichte, die mich mehr als nur aufhorchen ließ.

Das Buch stammte aus dem Nachlass des 1941 in Krefeld geborenen Musikers, Autors und Theatermenschen Hansgeorg Koch. Seine Musikerlaufbahn begann u.a. bei Karajan, später reüssierte er mit eigenen Komposition Zu Theateraufführungen in Bochum und Stuttgart verfasste er die Musik. Ende der 1970er Jahre ging er dann an das angesehene „Burgtheater Wien“. Hier arbeitete er u.a. zusammen mit Granden der Theaterkunst wie Claus Peymann, Hans Neuenfels oder George Tabori . An der „Burg“ begleitete er musikalisch zahlreiche Produktionen. Bekannt war er auch für seine Liederabende. Dabei kamen auch eigene Vertonungen, etwa zu Gedichten von Peter Turini zu Gehör. Während seiner Zeit in Wien riss der Kontakt zum heimischen Rheinland aber wohl nie ganz ab. Davon zeugte nicht zuletzt sein Hörspiel „Mischpoche oder wer ist eigentlich Schapiro?“, das er 2004 für den WDR produzierte.

Im Jahre 2005 kam Koch unter tragischen Umständen in Griechenland ums Leben. In seinem Nachlass fanden sich neben Kompositionen, Materialien auch zahlreiche eigene literarischen Arbeiten, die einen weit schweifenden Blick und einen Sinn für ein Denken in Übergängen verrieten. Seine Bibliothek, die er noch zu Lebzeiten dem Antiquariat in Wien überantwortete, war ein Spiegel seiner breitgefächerten und vom kulturellem Austausch getragenen Interessen.

Mayröcker indes, war ganz fasziniert von diesen Buch, diesem „Blumenstrauß“ aus seltenen Blüten, der die Poesie einer entlegenen Sprache mit der rheinischen Herkunft des Besitzers und seiner Zeit in Wien zusammengebunden hatte. Zum Abschied schrieb sie mir in das ihr Buch „Blumenwerk. Ländliches Journal“ eine schöne Widmung: Für Marcell, den Bewohner der Transitlandschaft“. Während der Heimreise begann mit der Lektüre dieses Buchs dann eine neue Geschichte.

Marcell Feldberg ist Kirchenmusiker und Lyriker in Schiefbahn.

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