Lesetipp Von Carmen Alonso, Leiterin Der Stadtbücherei Tönisvorst: Eine spannende Tour durch alle Wohnungen

Lesetipp Von Carmen Alonso, Leiterin Der Stadtbücherei Tönisvorst: Eine spannende Tour durch alle Wohnungen

Ein turbulenter Weihnachtsabend: Ein Buch und seine glücklich machende Stimmung.

TÖNISVORST Wie gemütlich ist es doch in der Diefenbachstraße Nr. 93! Hauptfigur und Ich-Erzähler Rico steht am Fenster der Familien-Dachwohnung und schaut voller Vorfreude auf das verwirbelsturmte und langsam eingeschneite Berlin herab. Heute ist Heiligabend, und Rico freut sich schon auf ein schönes Fest mit seiner hochschwangeren Mutter und dem neuen Stiefvater, auf das Baumschmücken und auf Geschenke, Geschenke, Geschenke! Vorher möchte Rico aber noch mit seinem Freund Oskar einkaufen gehen, letzte Weihnachts-Überraschungen wollen noch besorgt werden. Die beiden Jungs sind Nachbarn und beste Freunde: Rico, selbstbewusst und bestimmt nicht auf den Mund gefallen, mit einer gewissen "Tieferbegabung", durch die es in seinem Gehirn halt für vieles oft keine passende Abteilung gibt; und Oskar, hochintelligent, aber merkwürdigerweise immer unter einer zu großen Kappe verborgen. Im Hause wohnen zudem noch jede Menge anderer Nachbarn, zum Beispiel die Kesslers mit ihren nervigen Zwillingen: Afra und Nele, Ludwig und Jonathan; der übellaunige Hausmeister Mommsen oder die nette Frau Dahling, die beim Metzger arbeitet und Rico immer köstliche Müffelchen - also Schnittchen - zusteckt. Diese Leckereien lenken den gutmütigen Rico so sehr ab, dass er gar nicht bemerkt, wie sein Freund ihm eigentlich etwas absolut Geheim-Wichtiges erzählen will; im Laufe des Abends kommt es so zu allerlei Merkwürdigkeiten, und es entwickelt sich eine spannende Geschichte, die den Leser durch sämtliche Wohnungen der Dieffe Nr. 93 führen wird. Zudem tauchen zwei Kinder einer Freundesclique auf, mit der - wie Rückblicke verraten - es im vergangenen Sommer einen unschönen Streit gab. Ob es noch ein schönes Fest für alle wird?

Andreas Steinhöfel (Jahrgang 1962) ist eine Buchreihe für Kinder ab zehn Jahren gelungen, die witzig ist, unterhaltsam und dabei sehr anrührend. Der Autor erhielt unter anderem den Deutschen Jugendliteraturpreis und ist als erster Kinder- und Jugendbuchautor Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Perfekt ergänzt wird die Erzählung durch Illustrationen von Peter Schössow, dessen Zeichnungen die auftretenden Figuren bestens charakterisieren und durch die man diese Außenseiter mit ihren schiefen Ohren, großen Mündern und staunenden Blicken einfach ins Herz schließen muss. Genial auch die Einschübe, in denen Rico versucht, dem Leser gewisse Worte, die im Verlauf der Geschichte auftauchen und die ihm wichtig sind, zu erklären, Beispiel Hypnose: "Wenn etwas oder jemand anderes dir seinen Willen aufzwingt. Du musst dann tun, was von dir verlangt wird, und kannst dich nicht wehren. Zum Beispiel guckst du einen Schokoriegel an, und er zwingt dich, ihn sofort zu essen. Vom Schokoriegel ist das natürlich dumm. Denn erstens hat er nach dem Essen keine Macht mehr über dich, und zweitens hättest du ihn ja auch freiwillig verputzt."

Man kann sich die Vorweihnachtszeit versüßen, in dem man Spekulatius nascht oder in dem man die Erlebnisse dieser munteren Nachbarschaft verfolgt, in der Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft so wunderbar gelebt werden.

Andreas Steinhöfel: "Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch" (Carlsen, 2017) 263 Seiten

(RP)