Stadt Willich: Die Neufindung von Raum

Stadt Willich: Die Neufindung von Raum

Als Schülerin führte Birte Horn gelegentlich Aufsicht in der Galerie Schloss Neersen. Heute lebt die Künstlerin bei Ulm. Beim Gastspiel in der alten Heimat stellt sie ab Sonntag in der Reihe "Volumina" aus.

Die Ausstellungsfläche der Motte im Schloss ist Birte Horn bestens vertraut. Hier hat sie in jungen Jahren Aufsicht geführt, um Kunst zu schützen. Ab Sonntag stellt die Künstlerin hier eigene Werke aus. Sie ist die erste an diesem Ort, deren Präsentation Teil einer Kooperation mit einer anderen Kommune, mit Neuss, ist. So kann Horn in Neersen großzügigen Einblick in ihr Schaffen gewähren, während eine Woche später im Kulturforum Alte Post eine Gemeinschaftsausstellung zum gleichen Thema eröffnet wird.

"Ich freue mich, hier zu sein", sagt Horn, die 1972 in Düsseldorf geboren und in Willich aufgewachsen ist. Nach einem Germanistikstudium in Düsseldorf und einem Kunststudium in Essen liegt ihr Lebensschwerpunkt jetzt in Ulm.

Die aktuellen Arbeiten basieren hauptsächlich auf Eindrücken, gesammelt an Orten, die dem Tagebau gewichenen sind. In Alt Garzweiler zum Beispiel hat sie ihrer Funktion beraubte Gebrauchsgegenstände, private und öffentliche Räume - oder das, was davon übrig blieb - fotografiert. Das Fotomaterial ist Basis der Malerei, ohne zwingend konkret umgesetzt zu werden. "Ich fange an, eine Raumsituation zu skizzieren, und dann entgleitet sie mir", sagt die Künstlerin.

Sie ist die einzige Malerin, die innerhalb der von Skulpturen dominierten Ausstellungsreihe "Volumina" ausstellt, und ist doch hier bestens aufgehoben. "In der Illusion kann Malerei den Raum dehnen, stauchen und verschwinden lassen", sagt Kuratorin Jutta Saum. Sie wählte das Thema "Entschwinden - Entgleiten - Erinnern", das von Horn spannungsreich umgesetzt wird.

Die Künstlerin bevorzugt die langsam trocknende Ölmalerei und damit den langwierigen Prozess. Sie skizziert, trägt Farbschichten auf, übermalt, lässt Elemente verschwinden. Es bleiben Fragmente, die mit Räumlichkeit und Fläche jonglieren, eine räumliche Neuordnung und Entmaterialisierung sichtbar machen. Wegen der Trocknungsphasen arbeitet die Malerin immer an mehreren Bildern parallel. "Im langwierigen Arbeitsprozess gleiten zwischen den Phasen immer wieder Assoziationen dazwischen", sagt Horn. Sie betont, zu Beginn nie ein fertiges Bild im Kopf zu haben, um frei zu sein für den Dialog mit der Arbeit. "Für mich ist das eine Neufindung von Raum", sagt sie.

Zu den in Fotos festgehaltenen Dingen gehört auch Stoffliches, wie Teppiche, Tapeten, Gardinen, die sie als eigene Flächen und Körper einbezieht. Die Künstlerin lässt hier und da unkontrollierte Farbverläufe als Arbeitsspuren stehen, die wiederum Prozesse sichtbar machen.

In Arbeiten der Werkgruppe "Stücke" ist die Malerei ergänzt um die Collage von aufgenähten Leinwandstücken, die anderen Bildern entnommen sind und verhaltene Reliefierung einbringen. Die Schnittkanten sind durch den Aufsatz härter ausgeprägt als in der reinen Malerei, die Fragmentierung ist betont, während die Nähte grafisch anmuten. "Leinwände sind Stoff, den sollte man nicht aufkleben", erzählt Horn, die auch wegen der Lösungsmittel auf einen Kleber verzichtet. Die älteste Arbeit im Raum ist das Bild "Doppelhaus". Die Formen sind hier gegenstandsbezogener als in jüngeren Werken. In der Übermalung und der Verwirrung von Raum aber ist die Entwicklung zur aktuellen Schaffensphase ablesbar.

(RP)