Stadt Willich: Die Friedensstifter vom Lise-Meitner-Gymnasium

Stadt Willich: Die Friedensstifter vom Lise-Meitner-Gymnasium

Seit Jahren gehört das Angebot von Streitschlichtern an der Anrather Schule fest zum Schulprogramm dazu. Nach einer Ausbildung können Neuntklässler in den Einsatz für ein friedvolles Miteinander gehen.

"Keine Beleidigungen", "Ausreden lassen", "Ehrlich sein" und "Keine Gewalt" - die vier Aussagen, die unübersehbar auf den großen bunten Tafeln stehen, begleiten Julia, Vittoria, Fabienne und Lara jeden Tag durch den Schulalltag. Die 14-jährigen Schülerinnen sind nämlich vier von acht Streitschlichtern am Anrather Lise-Meitner-Gymnasium.

Mit Beginn der neunten Klasse haben die Schüler die Möglichkeit, Streitschlichter zu werden. Ein Angebot, das viele Neuntklässlerinnen interessierte, zumal sie auch alle vier Klassenpaten bei den "Fünfern" sind und für diese Tätigkeit eine Ausbildung als Streitschlichter vorgeschrieben ist. "Man weiß ja selber noch, wie das war, als man als Fünftklässler startete und für welche Kleinigkeiten man sich gestritten hat. Daher wollte ich gerne Klassenpate und Streitschlichter werden, um zu helfen, damit kein Streit größere Ausmaße bekommt", sagt Vittoria.

Für die zukünftigen Friedensstifter hieß es zunächst einmal, selber zu lernen, wie man in der neuen Funktion agieren muss. Ein zweitägiges Seminar stand an, bei dem Birgit Boukes, die am Gymnasium als Ausbilderin und Betreuerin für die Streitschlichter im Einsatz ist, unter anderem viel mit Rollenspielen arbeitete. Gerade bei den Fünftklässlern kommt es oft vor, dass sich die Mädchen von den Jungen geärgert fühlen. Da heißt es genau hinschauen, wo eigentlich der Knackpunkt des Streites liegt und wer letztendlich daran beteiligt ist. "Es ist wichtig, dass wir jeden einzelnen ernst nehmen und ihm genau zuhören", berichtet Lara von der Arbeit.

Dem anderen zu vermitteln, wie sich der seelisch Verletzte fühlt und sich klar machen, was mit unüberlegten Äußerungen oder einer Handlung eigentlich angerichtet wird, steht zunächst einmal an. Die Sichtweisen aller müssen erkennbar sein. Einen gemachten Fehler danach erkennen und einsehen, ist unabdingbar. Einig sind sich alle vier, dass sich die Ausbildung und die Arbeit als Streitschlichter auf die eigene Streitkultur ausgewirkt haben. "Wir erfahren regelmäßig, wie man sich bei einem Streit seelisch verletzen kann, dass sogar Tränchen kommen. Das muss bei einem eigenen Streit nicht sein. Man versucht, logisch zu argumentieren und sucht nach einer Lösung", sagt Julia.

Was die vier freut ist, wenn Schüler, denen sie geholfen haben, eine Unstimmigkeit beizulegen, nochmals vorbeikommen und sich bedanken. Einen solch ernsten Fall, dass Boukes hätte eingeschaltet werden müssen, hatten die Mädchen noch nie. "Bislang haben wir alles lösen können", berichtet Fabienne. Wichtig ist ihnen, dass die beiden Parteien sich eine Lösung mit Anleitung selbstständig erarbeiten. "Sie sollen ja auch lernen, wie man mit solchen Situationen umgeht. Sollte dann eine Problemlage nochmals eintreten können sie ganz alleine an einer Lösung arbeiten", sagt Lara.

In jeder zweiten Pause sind jeweils zwei Personen des achtköpfigen Teams im Streitschlichterraum anzutreffen, der ansonsten auch als Mittagspausen- und Spielraum genutzt wird. "Uns fällt auf, dass überwiegend Schülerinnen kommen. Sind Schüler involviert, holen wir sie dazu", erzählt Fabienne. Ganz wichtig: Alles, was den Streitschlichtern erzählt wird unterliegt der Schweigepflicht. Alle vier sind sich sicher, dass es Schülern leichter fällt zu Schülern zu gehen als zu Lehrern. "Wir sind näher dran, haben es selber erlebt. Ich denke, das alles macht es den Jüngeren einfacher, zu uns zu kommen", bemerkt Vittoria. Aber auch bei gleichaltrigen Schülern merken die Streitschlichter, dass sie hier ebenfalls positiv einwirken können. "Obwohl es schwieriger ist, jemanden im gleichen Alter ein Fehlverhalten aufzuzeigen", sagt Julia. Boukes erinnert daran, dass es nicht darum geht, einen Konflikt abzubügeln, sondern auszutragen und konstruktiv damit umzugehen. Kein erhobener Zeigefinger für die Streitparteien, sondern mit Verständnis für die einzelnen Sichtweisen lösungsorientiert arbeiten. Sie ist indes voll des Lobes für ihr Team. "Sie sind alle mit Herz bei der Sache", betont Boukes.

(RP)