1. NRW
  2. Städte
  3. Willich

Corona lässt den Reitunterricht ausfallen, Petition an den Bund

Petition an die Bundesregierung : Corona lässt den Reitunterricht ausfallen

Reitschulbetriebe leiden unter den Corona-Auflagen. Der Schulbetrieb musste eingestellt werden, es fehlen die Einnahmen. Die Kosten für Futter, Hufschmied und Tierarzt laufen aber weiter. Eine Petition ist unterwegs.

„Langsam wird es eng!“ Das ist das Fazit von Birgit Simon, die seit 15 Jahren den Reitstall Simon an den Darderhöfen 31 in Tönisvorst betreibt. Mit „eng“ beschreibt die lizensierte Trainerin den finanziellen Zustand, in dem der Reitstall aufgrund der Verordnungen zu Corona steckt: Seit dem 17. März darf in Reitschulen kein Unterricht mehr stattfinden.

Die Kosten für die Pferde und Mitarbeiter laufen aber unvermindert weiter. Die Tiere brauchen Futter und Einstreu, benötigen in regelmäßigen Abständen den Hufschmied und auch den Tierarzt. Denn selbst wenn keine akuten oder chronischen Erkrankungen vorliegen, sind Impfungen und Wurmkuren ein Muss. Zudem müssen die Ställe gemistet und die Pferde nicht nur gepflegt, sondern auch bewegt werden. Beim Reitstall Simon machen die Einnahmen über den Reitschulbetrieb 50 Prozent aus. Die anderen 50 Prozent kommen durch die Einstaller, das heißt die Privatpferdebesitzer, die ihre Tiere bei Simon im Stall stehen haben. „Aber wenn die Hälfte der Einnahmen fehlt und die Kosten dabei unvermindert weiterlaufen, ist die entstehende Lücke irgendwann so groß, dass man sie nicht mehr überbrücken kann“, sagt Simon.

Sie hat sich daher der bundesweiten Petition „Einzel- und Gruppenunterricht spätestens ab dem 8. bzw. 11. Mai wieder erlauben“ angeschlossen. Im gesamten Stall gibt es bereits entsprechende Maßnahmen für die Betreiber an sich sowie die Privatpferdebesitzer, die Corona geschuldet sind. Mit Hilfe von selbsthergestellten, unübersehbaren Achtung-Schildern zeigt der Reitstall an der Sattelkammer, dass sich zur Entnahme von Sattel und Trense nur eine Person in dem Raum aufhalten darf. Die 1200 Quadratmeter große Reithalle ziert ein Schild, das die Zahl sechs verkündet. Sechs Reiter mit ihren eigenen Pferden dürfen sich nämlich gleichzeitig in der Halle bewegen. Für den etwas kleineren Außenplatz liegt die Zahl bei vier Reitern. Der große Springplatz kann indes wieder von mehr Reitern genutzt werden. Das Reiterstübchen ist per se geschlossen, und die Tribüne entlang der kurzen Reithallenseite hat Simon mit rot-weißem Flatterband samt einem „Durchgang verboten“-Schild abgesperrt. Die Stallgasse ist breit, und ebenso geräumig sind die Möglichkeiten, ein Pferd zum Striegeln anzubinden, ohne in Kontakt mit einem anderen Menschen zu kommen.

Im Stall hängt ein Bewegungsplan, den Simon nach den Vorgaben der Privatreiter erstellt. Dort ist genau eingetragen, wann sich wer im Stall aufhält, damit nicht zu viele Personen vor Ort sind. Über eine eigene WhatsApp-Gruppe läuft die Koordination. „Wir könnten einen gesicherten Schulbetrieb mit Einzel- und Gruppenstunden gewährleisten. Letztere in einer entsprechend reduzierten Gruppengröße“, versichert Birgit Simon.

Insgesamt zehn Schulpferde und -ponys sind es, die sich derzeit ihre Unterhaltungskosten nicht erarbeiten können. Normalerweise ist jedes Pferd oder Pony drei bis vier Stunden lang am Tag im Einsatz. Anfänger machen dank der Schulpferde ihre ersten reiterlichen Erfahrungen, Fortgeschrittene verfeinern ihr Reiten. Nicht jeder kann sich ein eigenes Pferd leisten oder hat die Zeit dafür. Dank der Schulpferde steht der Sport aber allen offen.

Birgit Simon möchte keines ihrer Tiere verkaufen. Zum einen stellt sich die Frage, wer jetzt ein Pferd kaufen würde. Zum anderen braucht sie die gut geschulten Schulpferde, wenn der Reitschulbetrieb wieder einsetzt. Aber es muss wieder losgehen, sonst weiß Simon nicht, ob sie den Schulbetrieb halten kann. Sie hat zwar die Soforthilfen beantragt und auch bewilligt bekommen, aber bis heute sei kein Cent eingegangen. „Ein Pferd ist kein Sportgerät, das man in die Ecke stellen kann und wieder rausholt, wenn es losgeht. Es ist ein Lebewesen und braucht seine Pflege und Versorgung. Die Kosten laufen“, sagt Simon.

Das Ganze betrifft nicht nur den Tönisvorster Reitstall, sondern auch die Kollegen in Willich. „Es ist eine sehr bedrohliche Situation, die an die Substanz geht und uns vor die Wand stellt“, sagt Rüdiger Urbig vom Charlottenhof in Willich, wo er 19 Schulpferde durchfüttert. Selbst wenn es wieder losgeht, wird dies nicht zu 100 Prozent sein, sondern lediglich langsam anlaufen. Aktuell ist es zudem ein Problem, die Schulpferde und -ponys in Form zu halten. Sie können nicht einfach nur in den Boxen oder auf den Paddocks beziehungsweise Koppeln stehen, wobei die Weidesaison gerade angelaufen ist. Sie müssen bewegt werden. Im Reitstall Simon machen dies derzeit die Privatreiter mit. Im Charlottenhof läuft die Longiermaschine. „Viele meiner Reitschüler rufen an und fragen, wie es ihrem Lieblingspferd oder -pony geht, und wollen wissen, wann sie wieder kommen dürfen. Die Kinder und Jugendlichen vermissen ihre vierbeinigen Sportfreunde“, sagt die Trainerin, die ihre Reitschüler nicht minder vermisst. Denn im Reitstall Simon wie auch im Charlottenhof ist man eine große Reiterfamilie.