Blindenführhund „Willi“ besuchte Gottfried-Kricker-Schule in Anrath

Gottfried-Kricker-Schule in Anrath : Blindenhund „Willi“ besucht Kinder

Im Rahmen der AG „Bücherbande“ von Lese- und Literaturpädagogin Anja Kuypers besuchte Blindenführhund „Willi“ die Erst- und Zweitklässler der Gottfried-Kricker-Schule. Der Blinden- und Sehbehindertenverein Krefeld war zu Gast.

„Oh, ist der süß“, ist gleich mehrfach von den neun Erst- und Zweitklässlern zu hören, kaum hat Beate Pogorzelsay mit „Willi“ den Klassenraum in der ersten Etage der Gottfried-Kricker-Grundschule betreten. Doch die Begeisterung der Grundschüler, die allesamt der AG „Bücherbande“ im Rahmen des OGS-Angebotes angehören, bringt den Golden Retriever nicht aus der Ruhe. Gelassen führt er seine Besitzerin zu einem Stuhl, nachdem diese ihm das Kommando gegeben hat. Geschickt löst Pogorzelsay das Arbeitsgeschirr mit dem Haltegriff, das der Rüde trägt, und legt es neben sich. Für „Willi“ ist dies das Zeichen, es sich bequem zu machen. „Willi weiß jetzt, dass er nicht mehr arbeiten muss. Wenn ich ihm hingegen das Geschirr anlege, weiß er, dass er arbeiten muss und es auf ihn ankommt“, erklärt die 59-jährige Krefelderin.

Sie ist blind, und seit gut einem Dreivierteljahr gehört Blindenführhund “Willi“ zu ihrem Leben. Mit dem Hund besucht die Vorsitzende des Blinden- und Sehbehindertenvereins Krefeld (BSV) mit der ebenfalls blinden Susanne Hennings vom BSV und Werner Schibalski, der als sehender Helfer dem Verein angehört, die Grundschüler der AG, die von Lese- und Literaturpädagogin Anja Kuypers geleitet wird.

„Wir haben uns im Rahmen der Semikommunikation spielerisch mit den fünf Sinnen auseinandergesetzt. Den Fokus habe ich dabei auf das Nicht-sehen-Können gelegt“, berichtet Kuypers. Als Abschluss des Themas kam nun der BSV zu Besuch. Inzwischen hat Hennings zu einem Kinderbuch über die Wolke Clementine gegriffen. Mit den Fingern fährt sie über die Ausstanzungen, die sogenannte Braille-Schrift, und liest vor. Die sechs- und siebenjährigen Schüler sind fasziniert, wie schnell Hennings die aus Punktmustern bestehenden Buchstaben mit den Fingern lesen kann. Schibalski greift zu einem weiteren Kinderbuch, das er Hennings anreicht. Diesmal sind es nur ganz kurze Texte, dafür spielen große Tierbilder eine Rolle. „Fällt euch an den Bildern etwas auf?“, möchte Kuypers wissen. Ellas scharfe Augen haben sofort entdeckt, dass die Bilder höher sind. „So können blinde Kinder die Tiere erfühlen“, erklärt Hennings.

Dann aber rückt „Willi“ in den Mittelpunkt. Die Kinder sind mehr als neugierig und haben jede Menge Fragen zu dem Hund. Wobei vor allen Dingen interessiert, was „Willi“ alles kann. Pogorzelsay beginnt zu erzählen: „Willi hat ein Jahr eine spezielle Schule besucht, in der er alles gelernt hat, um einem blinden Menschen zu helfen“, berichtet sie. „Willi“ kann unter anderem Ampeln suchen, seine Besitzerin zu einer Bank zum Sitzen führen, zeigt ihr Bordsteine an, warnt sie vor Abgründen, wie sie zum Beispiel an einem Bahngleis auf dem Bahnhof anzutreffen sind, und macht klar, wenn eine Treppe kommt.

„Wie macht er das denn?“, möchte Philipp wissen. Mit großen Augen hören die Kinder zu, wie Pogorzelsay die Vorgehensweise beschreibt: Vor einer Treppe bleibt der Hund stehen und setzt seine Vorderpfoten auf die erste Treppenstufe. „Da sich der Griff vom Geschirr, das Willi trägt, entsprechend verändert, merke ich, dass ich vor einer Treppe stehe. Ganz viele Dinge zeigt Willi mir über entsprechende Bewegungen an, die ich über den Geschirrgriff spüre“, sagt die Krefelderin.

Dass „Willi“ einen eigenen Ausweis mit Foto hat, der ihn berechtigt, seine Besitzerin überallhin zu begleiten, wo normalerweise Hunde verboten sind, löst weitere Neugier aus. Der Ausweis wird von allen bestaunt. „Willi“ darf so mit in Lebensmittelgeschäfte, zum Arzt oder ins Museum. Die AG-Stunde mit dem besonderen Besuch verfliegt im Nu. Zum Abschluss zeigt „Willi“ auf dem Schulhof, was er kann. Er führt Pogorzelsay an Hindernissen vorbei und bringt sie zu einem Sitzplatz. „Willi macht mir das Leben leichter, und ich möchte ihn nicht mehr missen“, betont Pogorzelsay. Mit „Willi“ hat sich für die 59-Jährige eine andere Welt aufgetan. Das Leben habe sich gedreht, „und zwar in Richtung schön“, beschreibt sie es. „Seit ich Willi habe, benutze ich den Langstock nicht mehr, mit dem blinde Menschen sonst gehen. Ich verlasse mich völlig auf den Hund. Er gibt mir viel mehr Sicherheit, als es der Stock je getan hat“, sagt sie.

„Willi“ genießt indes die Streichel­einheiten, die er von den Kindern bekommt. Der liebe und kluge Hund begeistert sie alle.