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Anne Kaiser bemängelt zu viel Betonflächen in Willich

Umweltschutz : Zu viel Beton in der Stadt Willich

Blumenbeete statt Betonkästen, Grünflächen statt Schottergärten: Annegret Kaiser fordert für Willich Lebensqualität durch nachhaltige Begrünung. Steinbelag und Schottergärten versperrten Igeln, Vögeln und Insekten den Zugriff auf ihre natürliche Nahrung.

Sie hat ein Herz für die Natur. Annegret Kaiser (58) ist Diplompädagogin. Als Mitarbeiterin der Selbsthilfe-Plattform NRW Koskon unterstützt sie Selbsthilfegruppen in Nordrhein-Westfalen. Von Kindesbeinen an lebt sie in ihrem Elternhaus an der Martin-Rieffert-Straße, pflegt dort mit viel Liebe und Sachkenntnis ihren großen Garten. Die Entwicklung des Stadtgebiets beobachtet die Naturfreundin mit Sorge: „Willich versiegelt sich. Grauer Beton und triste Schottergärten sind auf dem Vormarsch. Grünflächen, Bäume und Pflanzen werden zurückgedrängt.“ Die Auswirkungen seien spürbar für jeden: „In meinem üppig bunten Garten ist es auch im Hochsommer stets auszuhalten. Das ändert sich, wenn ich die Straße betrete: Die Luft flirrt vor Hitze, die versiegelten Flächen strahlen die Sonnenwärme ab.“ So würden Leben und Gesundheit von Menschen und auch Tieren gefährdet.

Denn Steinbelag und Schottergärten versperren, so Anne Kaiser, Tieren wie Igeln, Vögeln und Insekten den Zugriff auf ihre natürliche Nahrung, ruinieren ihre Lebensmöglichkeiten. Was zum Artenschwund beitrage. In Alt-Willich gebe es jetzt schon zahlreiche sterile Schotterbrachen: Beispielsweise an der Krefelder und der Osterather Straße, in Klein-Kempen und an der Kreuzstraße. Aber es gehe auch anders. Seit Juli 2019 gilt in der Gemeinde Brüggen eine Satzung, wonach bei einem Neubau der Vorgarten zu mindestens einem Drittel bepflanzt werden muss. Diese Grünfläche muss auch erhalten werden. Willich, meint Kaiser, sollte solchen Beispielen folgen.

Dürren und Starkregen: Die Folgen des Klimawandels sind für jedermann spürbar. Das aber, so Anne Kaiser, erfordere eine Zukunftsgerichtete Städteplanung. Die dafür sorgt, dass vorhandenes Regenwasser im Boden bleibt und ausreichende Bepflanzung für Kühle und Schatten zur Verfügung steht. Stattdessen, so die Willicherin, mache sich in der Stadt eine Verödung breit. Die letzten großen Stadtgestaltungen in Alt-Willich, am Kaiserplatz und am Markt, hätten die versiegelte Fläche vergrößert. Die alten Bäume wurden gerodet und durch eine geringere Baumzahl ersetzt. Weitere Negativ-Beispiele: Auf dem Willicher Friedhof, im Adenauerpark und an der Brauereistraße wurden gerodete Bäume nicht ersetzt. Wieder ging Grün verloren.

Ein Teil der Grabenstraße wurde konzeptlos gestaltet und versiegelt. Ergebnis: ein hässliches Straßenbild. Auf dem Parkplatz vor dem Rewe-Discounter wurden Linden mit viel zu kleinen und komplett unzureichenden Baumscheiben gesetzt, mit einem höheren Niveau als der Platz. Dadurch läuft das Regenwasser vor allem in die Kanalisation, nicht zu den Bäumen. Als Folge sind die Linden verkrüppelt. Sie haben keine Chance, ihre natürliche Größe und Pracht zu entfalten. Zukunftsgerichtete Stadtplanung sei das alles nicht.

Zu allem Überfluss wurden am Kaiserplatz und im Gewerbegebiet Münchheide zahlreiche Pflanzkästen platziert, statt Bäume, Sträucher und Stauden ins Erdreich zu pflanzen. Anne Kaiser: „Pflanzkästen ziehen beständig Arbeit nach sich. Da kein Bodenkontakt besteht, müssen sie viel häufiger als Freiflächen gegossen werden. Das bringt den städtischen Gärtnern aufwändige Mehrarbeit.“

Anne Kaisers Alternativvorschlag: Statt das Stadtgebiet zu versiegeln und Beton auszubreiten, könne die Stadt die Bürger beraten und unterstützen, ihre Gärten naturnah zu gestalten, Hausfassaden und Dächer zu begrünen. Eine lohnende Aufgabe für das Grünflächenamt. Im Sinne des Konzepts „Essbare Stadt“, wie es Andernach anbietet, könnte Willich öffentliche Flächen entsiegeln und mit Obstbäumen und Beerenobst bepflanzen, zur Nutzung für alle Bürger. Mit Prämien für Dachbegrünungen – maximal 2000 Euro pro Dach – habe die Stadt Willich einen guten Weg eingeschlagen. Dieses Angebot müsse aber von fachlicher Beratung und wirksamer Öffentlichkeitsarbeit begleitet werden.

Vorbildlich seien Initiativen wie „Willich blüht“, eine Aktion, die von 40 Unternehmen, Organisationen und Bürgern initiiert wurde, an der Spitze von der Kommunikationsagentur-Inhaberin Christina Guth. Aber, so Kaiser: „Nistkästen anzubringen und Saatgut für Blühwiesen auszustreuen, das ist eine gute Idee. Erfolg versprechend ist das aber nicht, wenn das Stadtgebiet gleichzeitig zubetoniert und zugeschottert wird. Ich habe letztes Jahr in einer Wildvogelpflegestation erfahren müssen, dass zahlreiche Vögel es in ihrer zubetonierten Umwelt nicht mehr schaffen, ihre Jungen zu ernähren und wegen fehlender Nahrung immer weitere Wege fliegen müssen. Wobei sie durch Erschöpfung Unfälle erleiden oder Raubtieren zum Opfer fallen. Die Jungtiere springen dann, bevor sie verhungern, oft aus dem Nest.“

„Bitte erklären Sie mir“, hat die Pädagogin sich jetzt in einem Brief an Bürgermeister Heyes gewandt, „warum die Stadt Willich Zeit und Geld investiert, um Böden zu versiegeln und Pflanzkästen aufzubauen, statt auf zukunftsfähige Lösungen zu setzen.“ Eine Antwort ist erfolgt: Anne Kaisers Bedenken und Vorschläge würden an die zuständigen Stellen weitergegeben. Jetzt wartet sie auf konkrete Ergebnisse im Stadtbild.