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Andrea Voß: Der Kampf gegen den Krebs und die Behörden

34-Jährige aus Willich : Andrea Voß: Ein Kampf gegen Krebs und Behörden

Fünf Jahre lang und zwei Mal kämpft Andrea Voß gegen Lymphdrüsenkrebs und andere Schicksalsschläge. Doch den Willen, ihr Leben wieder aktiv und selbstbestimmt zu gestalten, konnte niemand brechen. Auch nicht die Behörden.

Andrea ist 29 Jahre alt. Sie holt gerade ihr Abitur nach. Doch dauernd ist sie krank. Bronchitis, Husten, Rückenschmerzen. Ein halbes Jahr und viele Arzt- und Klinikbesuche später dann die Nachricht: Morbus Hodgkin — Lymphdrüsenkrebs. Für Andrea bricht eine Welt zusammen. Das war 2009.

"Ich habe mich gefühlt wie im Kino"

Man habe ihr die Diagnose sehr einfühlsam beigebracht, berichtet Andrea rückblickend. Ihre erste Reaktion war trotzdem Ungläubigkeit und Unverständnis. Und die quälende Frage nach dem "warum?". Als man ihr jedoch sagte, dass ihre Heilungschancen bei 98 Prozent lägen, dachte sie sich: "Das packe ich schon". Ihre Familie war in dieser Zeit ein starker Rückhalt für die damals 29-jährige Willicherin. "Vor mir waren sie sehr stark, haben mir Mut zu gesprochen. Ich glaube trotzdem, dass auch bei ihnen einige Tränchen geflossen sind."

Ihr Mann gibt Andrea Kraft, die schwere Zeit der Krankheit zu überstehen. Foto: Andrea Voß

Andrea stand eine harte Zeit bevor: acht Monate Chemotherapie und Bestrahlungen. Nebenwirkungen wie Schleimhautprobleme, Haarausfall und Erschöpfungszustände nahm die junge Frau als "notwendiges Übel" hin. Im Jahr 2011 schien die Tortour überstanden. Andrea heiratete ihren langjährigen Lebenspartner. Das Motto "Was wir schon alles überstanden haben", begleitete die Hochzeit.

Ein schwerer Rückschlag

Ein Jahr später, 2012, folgte für Andrea eine schier unglaubliche Nachricht. Trotz der Tatsache, dass viele Frauen nach einer Chemotherapie als unfruchtbar gelten, war Andrea plötzlich schwanger. Die Freude über die positive Nachricht hielt für die Willicherin jedoch nicht lange an. Nach leichten Blutungen beschlich sie ein "komisches Gefühl" und sie suchte eine Gynäkologin auf. Dort folgte die niederschmetternde Nachricht: Das Embryo hatte keinen Herzschlag mehr. Kurz darauf wurde die Schwangerschaft beendet.

Während der Chemotherapie musste Andrea immer einen Mundschutz und Handschuhe tragen. Ihr Immunsystem war so geschwächt, dass jede Infektion vermieden werden musste. Foto: Andrea Voß

Eine Halskette sollte Andrea an ihr "Sternenkind" erinnern. Zwei Tage nach dem gynäkologischen Eingriff spielte sie an ihrer Kette herum und fand einen Knoten am Hals. Ihr Gefühl hatte die junge Frau nicht getäuscht — der Krebs war zurück und dieses Mal in einer besonders aggressiven Form. Vom Hals bis in die Lymphdrüsen an der Leiste hatte die Krankheit bereits gestreut. "Ich hatte keine Wahl, ich musste mich schnell für eine Therapieform entscheiden", erzählt Andrea. In der Kölner Uniklinik wurde sie auf eine vielversprechende Therapieform aufmerksam. Die "autologe Stammzellentransplantation". Hierbei werden dem Krebspatienten gesunde Stammzellen entnommen, eingefroren und nach einer Chemotherapie wieder eingesetzt.

Der harte Weg zurück ins Leben

Für Andrea bedeutete dies ein Krankenhausaufenthalt von fünf Monaten und viele schmerzhafte und anstrengende Eingriffe. Da man ihre gesunden Stammzellen für die Transplantation benötigte, war vor der Entnahme eine besonders kräftezehrende Chemotherapie und Nierenwäsche nötig. Andrea ist eine Kämpferin. Sie überstand auch diesen schwerwiegenden Rückfall. Ein zweites Mal.

Die Zeit nach der Transplantation war jedoch nicht nur aufgrund ihrer gesundheitlichen Situation eine der schwierigsten in ihrem Leben. Den Kampf gegen den Krebs schien sie nach dem erfolgreichen Eingriff vor zwei Jahren vorerst gewonnen — im Jahr 2013 spitzte sich ihr Kampf gegen die Behörden zu.

Schon während ihrer ersten Krebserkrankung hatte Andrea mehrere Anträge auf "Teilhabe am Arbeitsleben" bei der Deutschen Rentenversicherung eingereicht. Ihr Arzt hatte ihr damals abgeraten, wieder als Verkäuferin zu arbeiten — in diesem Beruf hatte Andrea lange gearbeitet. Aufgrund der körperlichen Belastung sei er allerdings zu anstrengend für sie. In der Zwischenzeit aber hatte sich Andrea ohnehin umorientiert. In einer ihrer Reha-Maßnahmen entdeckte sie ihre Lust am Umgang im Menschen. Für sie stand fest: Sie möchte eine Umschulung zur Logopädin machen oder einen sozialen Beruf ausüben. Ohne finanzielle Unterstützung sei das allerdings nicht möglich.

"Das können Sie sich abschminken"

Diesen Wunsch trug Andrea ihrem Berater bei der Rentenversicherung vor. Seine Reaktion war für die ohnehin schon gezeichnete Frau niederschmetternd: "Das können Sie sich gleich abschminken", habe ihr der Berater geantwortet. Die Ausbildung zur Logopädin dauert drei Jahre, eine von der Deutschen Rentenversicherung finanzierte Umschulung in der Regel nur zwei Jahre. Andrea ließ sich davon jedoch nicht beirren und beharrte darauf, wenigstens für diese zwei Jahre die finanzielle Unterstützung erhalten zu wollen. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie sich bereits bei zwei Ausbildungsstätten beworben und beide Aufnahmetests bestanden.

Der Berater der Rentenversicherung sei jedoch nicht weiter auf ihr Anliegen eingegangen, sondern habe ihr empfohlen, einen Job im Büro anzunehmen. Das reichte Andrea nicht. Sie wollte wenigstens zwei Jahre Unterstützung zu erhalten. Doch die Rentenversicherung erklärte, dass Andrea aufgrund ihrer Krebserkrankung psychisch nicht in der Lage sei einen sozialen Job oder den Beruf als Logopädin auszuführen: Aufgrund ihres eigenen Schicksals würde sie zu schnell in Mitleid verfallen, so die Argumentation der Behörde.

Andrea gibt nicht auf

Andrea versichert, dass dieser Bescheid ohne ein psychologisches Gutachten der Deutschen Rentenversicherung erstellt wurde. Die Betreuerin in ihrer Reha-Maßnahme habe ihr sogar bestätigt, dass Andreas eigene Erkrankung sie in keinster Weise bei der Ausübung eines sozialen Berufs beeinträchtigen würde. Auf Nachfrage der Redaktion bestätigte die Deutsche Rentenversicherung, dass aufgrund "des dreijährigen Zeitraums und aus gesundheitlichen Bedenken" die Umschulung zur Logopädin abgelehnt wurde. Auf den konkreten Vorwurf, dass diese Bedenken ohne ein ärztliches Gutachten geäußert wurden, ist die Deutsche Rentenversicherung in ihrem Antwortschreiben an unsere Redaktion nicht eingegangen. Genauso wenig äußerte sie sich zu dem Umgangston, mit dem man Frau Voß bei ihrem Beratungsgespräch gegenüber getreten war.

Andrea hat nun Einspruch gegen den Bescheid der Rentenversicherung eingelegt. Da sie noch immer den Wunsch hat, endlich ein selbstbestimmtes Leben zu führen, hat sie sich an einer Hochschule für Gesundheit als Studentin eingeschrieben. Finanzieren muss sie sich ihre Ausbildung mit einem Kredit. Trotzdem hat sie die Hoffnung nicht aufgegeben, dass die Rentenversicherung ihren Antrag doch noch bewilligt.

Den Kampf gegen den Lymphdrüsenkrebs hat Andrea vorerst gewonnen. "Es ist toll, endlich wieder ein Ziel vor Augen zu haben", erzählt die tapfere Frau nach ihrem ersten Tag als ganz normale Studentin. Der Kampf mit den Behörden geht weiter.

(skr)