Gedenktafel Symbol für Aufschwung und Ende

Anrath · An der Prinz-Ferdinand-Straße in Anrath wurde eine Gedenktafel für die alte Anrather Verseidag enthüllt. Das Projekt der Stadt Willich wird vom Bürgerverein begrüßt.

 Auf Initiative der SPD wurde am Neubaugebiet eine Gedenktafel aufgestellt. Bernd-Dieter Röhrscheid (3.v.r.) und Udo Holzenthal (4.v.r.) erklärten den Anwesenden die Geschichte der beiden Firmen.

Auf Initiative der SPD wurde am Neubaugebiet eine Gedenktafel aufgestellt. Bernd-Dieter Röhrscheid (3.v.r.) und Udo Holzenthal (4.v.r.) erklärten den Anwesenden die Geschichte der beiden Firmen.

Foto: Friedhelm Reimann

Denk mal drüber nach: Plaketten an historischen Häusern, Gedenk- und Stolpersteine sowie Tafeln erinnern in Willich an vergangene Zeiten. Jetzt ist ein weiteres „Denkmal“ in der Form einer Gedenktafel in Anrath hinzugekommen. Sie steht für den Aufschwung und für das jähe Ende der Anrather Seidenweberei.

Der Standort dieser beschichteten und dünnen Tafel ist gut gewählt: Sie steht an der Prinz-Ferdinand-Straße, unmittelbar an dem einst sieben Morgen großen Grundstück, auf dem Fabrikant Carl Lange ab 1898 die Seidenweberei aufbaute und in der bis vor dem Zweiten Weltkrieg rund tausend Mitarbeiter beschäftigt waren.

„Die Zeiten dieser industriellen Epoche sind schon längst vorbei“, sagte bei der Enthüllung der städtische Archivar, Udo Holzenthal, der einmal mehr die Recherchen und Vorbereitungen erledigt hatte.

Anstelle der industriellen Webstühle, Ende 2015 wurde mit dem Abriss begonnen, waren auf dem rund 23.500 Quadratmeter großen Areal vom Mönchengladbacher Unternehmen „Langen-Massiv Haus“ ab 2016 Miet- beziehungsweise Eigentumswohnungen gebaut geworden. Unter anderem sind dort 35 Einfamilienhäuser, 18 Doppelhaushälften und 15 Gartenhofhäuser entstanden. Noch ist nicht alles fertig, an der Dohrfelder Straße entstehen zusätzliche 19 Wohnungen.

Exakt um 13.09 Uhr enthüllte Bernd-Dieter Röhrscheid, stellvertretender Vorsitzender des Kulturausschusses, mit der Chefin des Anrather Bürgervereins, Marlies Pasch, die Erinnerungstafel. Röhrscheid erinnerte daran, dass seinerzeit die Anbringung von der Anrather SPD, von Lena Stoer und Hendrik Pempelfort, beantragt worden war. Der Kulturausschuss stimmte zu. Als erster Standort dieser Tafel war der Bereich ausgeguckt worden, auf dem im nächsten Jahr der neue Kinderspielplatz für das Wohngebiet entsteht. Davon wurde nach dem Veto der Eigentümergemeinschaft aber abgerückt.

Auf der Tafel, angefertigt vom Unternehmen Bommes, sind oben drei Schwarz-Weiß-Fotos zu sehen: eine Aufnahme aus dem Jahr 1879, die die fünfköpfige Familie des Fabrikanten Carl Lange zeigt, der Websaal der späteren Verseidag aus dem Jahr 1942 und ein Bild aus der Luft, wie 1957 das Verseidag-Gelände ausgesehen hatte.

Im Text wird an die Geschichte erinnert, etwa an den Niedergang der Anrather Hauswebereien Ende des 19. Jahrhunderts. Bis dann Carl Lange 1898 den neuen Betrieb gründete. Viele arbeitslose Heimweber fanden dort eine Arbeit. Der Schwerpunkt der Produktion lag anfangs in der Herstellung seidener Krawattenstoffe; während des Ersten Weltkrieges wurden Ballonseide und Papiergewebe hergestellt. 1918 beschäftigte die Weberei 250 Arbeiter. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Kleiderstoffweberei einige Male vergrößert. 1919 brachte Carl Lange das Werk in die Verseidag ein, führte es noch bis zu seinem Tod im Jahr 1925; danach übernahm sein Sohn Hermann.

Auch moderne Webstühle konnten den Niedergang nicht verhindern, so beschäftigte die Verseidag 1968 nur noch etwa 160 Arbeiter. Es kam zu Umstrukturierungen und zu neuen Eigentümern. Zuletzt wurden von einer Tochter der Firma Devetx bis August 2008 nur noch Futterstoffe produziert. Dort stand zuletzt eine große Trödel-Halle; in einem anderen Gebäude war ein Jugendzentrum untergebracht.

Schon lange gibt es die Karl-Lange-Straße. Aber auch einige Stichwege erinnern an die Zeit des Webens, so die Wiegkammer-, die Winderei- und die Kartenschlägerstraße. „Es wäre schön, wenn an unseren Straßenzügen bald die entsprechenden Namen stehen, denn Lieferanten oder Gäste, die zu uns kommen, müssen teilweise lange suchen“, sagt Anwohnerin Elisabeth Bergau.