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Am 6. Dezember werden in Neersen fünf weitere Stolpersteine verlegt, die an der Schicksal der verfolgten Juden erinnern sollen.

Neersen : Fünf Steine gegen das Vergessen

Bisher liegen in Neersen drei Stolpersteine, die an das Schicksal im Nationalsozialismus verfolgter Juden erinnern. Am 6. Dezember sollen fünf weitere hinzukommen.

Nicht nur die gesunden Juden, ob Kind oder Senior, wurden in der Zeit des Nationalsozialismus in Gaskammern umgebracht, auch etwa 70.000 Menschen mit körperlichen, geistigen oder seelischen Behinderungen, gleich welcher Abstammung, wurden grausam ermordet. Einer von ihnen war der Neersener Jude Ernst Levy, der nach dem Aufenthalt in einer „offiziellen“ Heilanstalt im Alter von 55 Jahren im hessischen Hadamar vergast wurde. Es ist das erste Euthanasie-Opfer, zu dessen Gedenken am Donnerstag, 6. Dezember, ein Stolperstein an der Neersener Hauptstraße 61 verlegt wird.

Bislang erinnern in den vier Willicher Stadteilen 74 Stolpersteine an die Gräueltaten des Nazi-Regimes, an die einst dort lebenden Juden, die durch die Nationasozialisten ums Leben kamen oder denen nach einer abenteuerlichen Odyssee die Flucht gelang. In Alt-Willich sind es acht, in Schiefbahn 33, in Anrath 30 und in Neersen drei Stolpersteine gegen das Vergessen.

 Cilli Salmons, geborene Lomnitz, (4. von links) wurde mit ihrem Mann Max und ihrem Sohn Manfred im Vernichtungslager Maly Trostinec ermordet.
Cilli Salmons, geborene Lomnitz, (4. von links) wurde mit ihrem Mann Max und ihrem Sohn Manfred im Vernichtungslager Maly Trostinec ermordet. Foto: Stadtarchiv

Im kleinsten Stadtteil wurden bisher in den Bürgersteigen die drei Steine für die Familie von Max Salmons dort installiert, wo einst die jüdische Schule und die jüdische Synagoge standen. Am 6. Dezember, ab 13 Uhr, wird neben Ernst Levy an seinen Bruder Otto Salmons, einen Manufaktur-Waren- und Viehhändler erinnert, dem mit seiner zweiten Ehefrau Charlotte und seinen Kindern Lore und Hanna die Flucht nach Argentinien gelungen war. Fünf Stolpersteine kommen also hinzu.

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Otto Salmons konnte erst einmal allein kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges 1938 flüchten. „In Argentinien angekommen, musste er aber zunächst in einem halbjährigen Praktikum auf dem Hof eines jüdischen Farmers südlich von Buenos Aires beweisen, dass er etwas von der Landwirtschaft verstand“, sagt Stadt-Archivar Udo Holzenthal, der bereits seit Langem mit Bernd-Dieter Röhrscheid der Initiator dieser „Denkmal“-Aktion ist. Erst 1941 gelang auch Otto Salmons’ zweiter Ehefrau Charlotte mit den beiden Kindern die Flucht. Die Kinder Lore und Hanna, mittlerweile verstorben, waren auf Einladung der Stadt 1980 nach Willich gekommen, um bei einer Stein-Verlegung dabei zu sein.

 Otto Salmons gelang 1938 die Flucht nach Argentinien.
Otto Salmons gelang 1938 die Flucht nach Argentinien. Foto: Stadtarchiv

Bei der Vorstellung der neuerlichen Aktion, zu der einmal mehr der Künstler Gunter Demnig kommen wird und bei der Willichs Bürgermeister Josef Heyes gemeinsam mit Vertretern der katholischen und der evangelischen Kirche, Markus Poltermann und Michael Haarmann, sprechen werden, kamen ferner vier Schülerinnen des St.-Bernhard-Gymnasiums: Fiona Schultze, Elisa Häuser, Emma Griese und Lilly Koch. Auch die Schülerinnen aus dem Kurs der Gesellschafts-Wissenschaften haben recherchiert, werden am Nikolaustag die Biografien der Personen, um die es dann geht, vorstellen. Schon seit einiger Zeit gibt es diese Bildungs-Kooperation, an der ebenfalls der Heimatverein Willich (vormals Schiefbahn) beteiligt ist.

Über das Schicksal vieler einst in Willich lebender Juden und vom damaligen jüdischen Leben in den Alt-Gemeinden gibt es nach wie vor zum Preis von 29,90 Euro ein Buch, das Udo Holzenthal und Bernd Röhrscheid geschrieben haben. Herausgeber ist der von Ernst Kuhlen angeführte Heimatverein. Noch einige Exemplare, etwa 25, gibt es: in der Willicher Buchhandlung, der Anrather „Bücherecke“, im „Glückspilz“ in Schiefbahn oder bei „Leyendecker“ in Neersen.