Kreis Wesel: Zeitzeuge führt Enkel zur Absturzstelle

Kreis Wesel : Zeitzeuge führt Enkel zur Absturzstelle

Für die Familie des 1944 in Rheinberg ums Leben gekommenen Co-Piloten eines US-Bombers schloss sich jetzt zwischen Budberg/Pelden und Eversael ein Kreis. Hermann Ettwig aus Vierbaum gab die entscheidenden Hinweise.

Kann das alles Zufall sein? Bei der Suche nach Spuren des am 26. August 1944 bei Rheinberg abgestürzten US-Bombers "Hard to get" des Typs B17 war Kommissar Zufall so oft behilflich, dass man schon geneigt ist, an höhere Mächte zu glauben. Insbesondere der Vierbaumer Hermann Ettwig trug jetzt ganz entscheidend dazu bei, die genaue Absturzstelle des Flugzeugs ausfindig zu machen.

Hermann Ettwig (84) lieferte ganz entscheidende Hinweise. Foto: Uwe Plien

Wie berichtet, hatte die Maschine damals den Auftrag, die Hydrierwerke Scholven AG in Gelsenkirchen zu zerstören. Dort wurde aus Kohle Benzin gewonnen. Die "Hard to get" wurde von der deutschen Flak in großer Höhe schwer getroffen, kam ins Trudeln, brach auseinander und stürzte ab. Von der Crew gelang es nur wenigen, aus der Maschine abzuspringen. Der Co-Pilot der B17, Charles "Chuck" Rapp, starb im Cockpit. Seine Leiche wurde hinter einer Scheune bei Drießen gefunden.

Douglas C. Rapp (rechts) und sein Sohn Charles Urban Rapp schauten sich auch das Ehrenmal auf dem Budberger Friedhof an. Dort war Charles Rapp bis 1946 beerdigt. Seither liegen seine sterblichen Überreste auf einem Militärfriedhof in Belgien. Die Familie Rapp stammt ursprünglich aus der Pfalz. Foto: Armin Fischer

Die Münchner Historikerin Susanne Meinl rekonstruierte den Absturz für eine Forschungsarbeit und wies in einem Internetforum darauf hin. Das las durch Zufall Douglas C. Rapp, der Enkel des Co-Piloten. Der heute 51-Jährige - er lebt in Indianapolis - befasst sich seit langem mit dem Absturz. Jetzt sind er und sein 20-jähriger Sohn Charles Urban Rapp zu Gast in Rheinberg.

Charles Rapp (vorne, 2.v.l.) war Co-Pilot des B 17-Bombers. Mit 27 Jahren war er mit Abstand das älteste Crew-Mitglied. Foto: Meinl

"Für uns schließt sich hier ein Kreis", schilderte Douglas Rapp sichtlich ergriffen. "Denn für uns ist der Tod meines Großvaters mehr als nur dieses eine Ereignis. Es hat unsere ganze Familiengeschichte geprägt." Charles Rapp war mit 27 Jahren das älteste Crew-Mitglied. Er wurde "Großvater" genannt. Er stammte aus Pennsylvania, zog aber nach Alabama um, wo er in der Stahlindustrie arbeitete. Später ging er in die Armee.

Nach seinem Tod geriet in der Familie alles durcheinander. Seine Frau verlor den Halt im Leben, der Sohn Donald P. Rapp wuchs in ärmlichen Verhältnissen und unglücklich auf. Sein Vater hätte die besten Voraussetzungen gehabt, auf die schiefe Bahn zu geraten, erzählt dessen Sohn Douglas. Aber er ging den anderen Weg, kämpfte und lebte ein erfülltes Leben.

Vor genau zehn Jahren ist er gestorben. Sein Wunsch, einmal das Grab seines Vaters zu sehen, blieb unerfüllt. Das holten jetzt Douglas C. und Charles Urban Rapp für ihn nach. Und sie konnten kaum fassen, was sich zutrug. Denn am Vormittag meldete sich der 84-jährige Hermann Ettwig aus Vierbaum in der RP-Redaktion und gab Hinweise, die auch Historikerin Susanne Meinl die Sprache verschlugen. "Ich kann das kaum glauben", sagte sie. "Die Erinnerungen von Herrn Ettwig sind absolut schlüssig und decken sich mit meinen Ergebnissen."

Ettwig, damals elfjähriger Volksschüler in Eversael, sah an jenem sonnigen August-Tag "acht bis zwölf Bomber aus Richtung Arnheim/Nimwegen" (sie waren in England gestartet) in großer Höhe heranfliegen. Eine Maschine, die später abgestürzte B17, hatte Schlagseite. "Dann sah ich drei Fallschirme. Einer pendelte stark, so dass ich annahm, dass der Soldat bereits tot war." Später stürzten ein Teil der Tragfläche und der Motor auf eine Wiese hinter dem Bauernhof Bruckhausen an der Rheinberger Straße in Pelden. Der Rest der Maschine stürzte bei Eversael in ein Feld. Durch die präzisen Beschreibungen Ettwigs sahen Vater und Sohn Rapp jene Einschlagsstelle auf dem Hof an der Rheinberger Straße. Die Eigentümerin ließ die Gäste bereitwillig auf ihr Grundstück. Sie konnte sich erinnern, dass ihre Schwiegereltern davon erzählt hatten, dass im Krieg Teile eines Motors ins Hausdach gestürzt seien.

Co-Pilot Charles Rapp war wie zwei andere Mitglieder der Crew bis 1946 auf dem Budberger Friedhof beigesetzt, bevor ihre sterblichen Überreste auf einen US-Militärfriedhof in Belgien kamen. Auf das Grab wird Douglas Rapp die Asche seines Vaters verstreuen. "Das habe ich ihm versprochen", so der 51-Jährige, der wie sein Sohn von Land, Leuten und Gastfreundschaft in Deutschland sehr beeindruckt ist. Bereits im August wird Douglas Rapp nach Rheinberg zurückkehren - zusammen mit Nachkommen anderer Crew-Mitglieder.

(up)
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