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Anja Gilly: "Worte finden, die zu Herzen gehen"

Anja Gilly : "Worte finden, die zu Herzen gehen"

Anja Gilly hat nach 30 Jahren ihren Beruf als Bankkauffrau an den Nagel gehängt und sich als Traurednerin selbstständig gemacht. Mittlerweile bietet die Weselerin ihre Dienste auch für freie Taufen und Beerdigungen sowie bei Jubiläen an.

WESEL Anja Gilly wohnt mit ihrem Mann in einem liebevoll umgebauten alten Bauernhaus. Weichholz-Antiquitäten hat sie stilvoll mit modernen Möbeln kombiniert. Überall stehen Kerzen und Bücher mit Lebensweisheiten und guten Gedanken. Die 49-Jährige setzt sich auf die gemütliche Couch, wo auch ihr Gast Platz nimmt. Sie lächelt freundlich.

Die meisten Menschen um die 50 richten sich gedanklich darauf ein, den aktuellen Beruf bis zum Beginn der Rente auszuüben. Sie sind einen anderen Weg gegangen. Warum?

Anja Gilly 2014 habe ich meinen Vater in seinen letzten Tagen beim Sterben begleitet. Damals habe ich instinktiv gespürt, dass etwas Neues auf mich zukommt. Ich merkte, dass ich etwas verändern muss und habe meinen Beruf als Kundenberaterin bei der Volksbank Rhein-Lippe aufgegeben, um Traurednerin zu werden.

Ein nicht alltäglicher Beruf. Wie sind Sie darauf gekommen?

Gilly Schon als Kind habe ich mich für Hochzeiten interessiert. Auch heute noch bekomme ich Gänsehaut, wenn ich das Hupen der Autos einer Hochzeitsgesellschaft höre. Mein Mann und ich - es ist für uns beide die jeweils zweite Ehe - haben uns im Rahmen einer freien Trauung das Jawort gegeben.

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Weil Ihnen die Zeremonie im Standesamt nicht gereicht hat?

Gilly Auf einer Radtour vor unserer Hochzeit hat mein Mann damals gesagt, dass er es schade finde, dass wir nicht mehr kirchlich heiraten können. Und als wir dann bei einer Eheschließung in einem Standesamt dabei waren, hat mir dieser bürokratische Akt überhaupt nicht gefallen. So haben wir uns im Confideum am Landhotel Voshövel standesamtlich trauen lassen. Und bei der Recherche im Internet bin ich auf eine Traurednerin aus Münster gestoßen, die uns dann im Weseler Yachthafen frei getraut hat. Es war eine sehr persönliche, individuelle und herzliche Zeremonie mit vielen Freunden und Verwandten.

Was war anders als in einer Kirche?

Gilly Es gibt viel mehr Raum für das Paar und seine Geschichte - anders als bei einer kirchlichen Trauung.

Und wie ging's dann weiter?

Gilly Unsere Traurednerin hat mir viele gute Tipps gegeben. Zunächst habe ich ein Intensivseminar belegt, in dem ich zur Event- und Veranstaltungsmoderatorin ausgebildet wurde mit dem Ziel, freie Rednerin zu werden. Es folgte die Erstellung einer Homepage - www.traumhafte-worte.de - und die Registrierung auf einer besonderen Plattform. Für 2017 habe ich schon fast 30 Termine.

Wie oft treffen Sie Ihre Kunden?

Gilly Zunächst zum Vorgespräch für bis zu drei Stunden im Weseler Welcome-Hotel sowie im Restaurant Art und dann an dem Ort, wo die Zeremonie stattfinden soll. Da besprechen wir dann alle Einzelheiten.

Fast 30 Termine in 2017 hören sich gut an. Aber reicht das zum Leben?

Gilly Ich habe mittlerweile noch drei weitere Standbeine. Ich biete, weil ich auch ein echter Kindernarr bin, freie Taufen an für Eltern, die mit der Amtskirche nicht viel anfangen können. Zu meinen Kunden gehören auch Paare, die ich getraut habe. Den Gedanken, auch als Abschiedsrednerin tätig zu werden, habe ich lange vor mir hergeschoben. Bis dann eine Bekannte sagte: "Die Rede am Grab von Mama hältst du." Das Lob vieler Trauergäste hat mir gezeigt, das ich auch das kann. Und es ist ebenfalls zu meiner Herzensaufgabe geworden.

Und das vierte Standbein?

Gilly Ende Januar moderiere ich meine erste Hochzeitsmodenschau in Borken. Übrigens biete ich auch Reden zu Jubiläen an.

KLAUS NIKOLEI FÜHRTE DAS GESPRÄCH

(RP)