Wesel: Wochenend-Ausflug ins Mittelalter

Wesel : Wochenend-Ausflug ins Mittelalter

Die Wikinger standen in diesem Jahr im Fokus des frühmittelalterlichen Markts auf Schloss Diersfordt.

Tausende von Mittelalterfans zog es am Wochenende zum Diersfordter Schloss, um in die Zeit von Franken und Wikingern einzutauchen. Rund 300 Darsteller waren dem Ruf des Vereins "Zeitsprünge" gefolgt und präsentierten beim Frühmittelaltermarkt das Leben und Arbeiten aus dem neunten Jahrhundert.

In diesem Jahr stand alles unter dem Motto der Wikinger, denn hier gibt es einen echten historischen Anknüpfungspunkt: Im Jahr 863 - das belegen die Xantener Annalen - fielen die raublustigen dänischen Seefahrer am Niederrhein ein.

Annemarie Ricken, im wahren Leben Stadtführerin in Xanten, schlüpfte in die Rolle einer mittelalterlichen Pilgerin und erzählte die ganze Geschichte bei einer Führung über den eigens errichteten Wikingerpfad entlang des Diersfordter Waldsees: Als Pilgerin sei sie gerade in Xanten gewesen, um sich ihr Pilgerabzeichen abzuholen, als der schreckliche Überfall passierte. Nun ist sie in die nah gelegene Siedlung gekommen, um die Menschen zu warnen. Doch dass Siedlungen im frühen Mittelalter immer wieder überfallen, beraubt und belagert wurden, war im Prinzip nichts Neues, in diesen rauen Zeiten war man einiges gewohnt. "Das Erschreckende war, dass die Wikinger auch vor Klöstern und Kirchen nicht halt machten", sagte Ricken.

Dieser Schrecken begann im Jahr 793 im englischen Kloster Lindisfarne und ab 810 gab es dann unter dem dänischen König Gottrick den ersten großen Angriff auf fränkisches Gebiet: Mit 200 Schiffen fiel er in Friesland ein. Um ihm zu trotzen, sammelte Karl der Große sein Heer in Lippeham, möglicherweise das heutige Bislich. Dafür spricht, dass ein großes Gräberfeld aus dieser Zeit in Bislich gefunden wurde - dagegen, dass die Lippe hier nicht vorbei fließt. Nichtsdestotrotz: "Irgendwo hier war Lippeham", so Ricken.

Zunächst waren die Wikinger nur bis Dorestad, einem friesischen Handelsplatz in der Nähe von Utrecht, gekommen. Von dort ging es 863 weiter nach Xanten, wo sie die Kirche überfielen. Diese war damals im Rheinland, neben dem Kölner Dom, das einzige große Gotteshaus und dank sterblicher Überreste des Heiligen Viktor auch Pilgerstätte. "Die Gebeine des Märtyrers hat man damals in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Köln gebracht um sie in Sicherheit zu bringen", sagte die Pilgerin.

Auf einer Rheininsel schlugen die Heiden aus dem Norden ihr Lager auf. Ob sie von dort auch Lippeham überfielen, ist nicht ganz klar, aber vorstellbar: "Das Gräberfeld in Bislich endet im neunten Jahrhundert mit Massengräbern", so Ricken weiter. "Es sieht so aus, als wäre der Ort dann aufgegeben worden, vielleicht wegen des Wikingerüberfalls." Schließlich eilten die Sachsen dem fränkischen König Lothar II zu Hilfe, um die Wikinger zu vertreiben, doch ab 880 fielen sie unter König Godefried immer wieder am Niederrhein ein, 882 hatten sie es sogar bis Duisburg geschafft. Ein Ende nahmen die Überfälle erst 891. Zuvor - im Jahr 885 - hatte Erzbischof Willibert besagten König Godefried unter dem Vorwand, Friedensverhandlungen führen zu wollen, nach Herispich (heute Kleve-Rindern) geladen und dort ermorden lassen. Was zeigt, dass sich nicht nur die Wikinger fragwürdiger Methoden bedient haben. Annemarie Rickert: "Das Wikingerbild, das in der heutigen Zeit transportiert wird, ist verzerrt. Die anderen haben genauso brutal gekämpft", stellte sie klar.

Die Führung endete an einem Ufer des Diersfordter Waldsees, wo rund 20 Wikinger-Darsteller ihr Lager aufgeschlagen haben. Von hier aus konnten die Besucher zurück laufen, oder - stilecht - mit einem Wikingerboot zum Hauptlager fahren. Dieses Angebot gab es auf dem Frühmittelaltermarkt zum ersten Mal. Für jede Fahrt mussten sich mindestens vier ruderwillige Passagiere finden, die die Überfahrt an den Riemen bestreiten.

Wieder am Hauptlager bot sich Gelegenheit, das Lagerleben zu entdecken. Hier gab es Schmiede, Handwerker, die Holz, Knochen oder Leder verarbeiteten oder Darsteller, die Töpferwaren feilboten. "Wir laden nur Handwerker ein", sagte Sandra Hoeboer vom "Zeitsprünge", "keine Menschen, die nur handeln". Und genau das macht den Markt besonders.

(meko)