Wesel: Wesels Wähler wollen keine Experimente

Wesel : Wesels Wähler wollen keine Experimente

Einige Überraschungen in den Wahlbezirken - und schwierige Gespräche. Eine Top-Personalie im Rathaus ist zu klären, denn Sozialdezernent Haarmann wechselt als Bürgermeister nach Voerde. Linz (CDU) und Hovest (SPD) kandidieren als Fraktionschefs.

Ein Verlierer dieser Kommunalwahl ist die Demokratie. In Wesel rutschte die Beteiligung auf 49,31 Prozent - drei Punkte weniger als 2009. In absoluten Zahlen erscheinen deshalb Siege schnell in einem anderen Licht. Beispiel Wahlbezirk 10 in der Innenstadt (Verbands-Sparkasse), ein ewiger SPD-Bezirk. Ratsmitglied Dr. Peter Heß (SPD) siegte mit 40,5 %, macht 240 Stimmen bei 34,31 % Wahlbeteiligung. Der Sieger vor Patrick Tenhaeff (CDU, 33,5 %) landete weit hinter der Gruppe der Nichtwähler. Die, die zur Wahl gingen, sorgten insgesamt für stabile Verhältnisse: Die SPD holte 15 Wahlbezirke direkt, einen weniger als 2009, die CDU zehn und einen mehr. Aktivposten Jürgen Lantermann schnappte am Quadenweg Felix Stephan (SPD) den sicher geglaubten Sieg weg. Bürgermeisterin Westkamp marschierte im ersten Wahlgang durch, nur linksrheinisch und in Bislich hatte sie das Nachsehen gegenüber CDU-Herausforderer Jürgen Linz. Beide, die Rechtsrheinische in der Innenstadt (46,3 % bei Verlusten) und der Linksrheinische in Büderich (61,4 % mit Gewinnen), holten ihre Wahlkreise.

Insgesamt hat der Wähler keine Experimente gewollt, stärkte die CDU mit einem Sitz mehr, ließ die SPD erneut stagnieren ebenso Grüne und Linke. Ausnahme: die FDP (4,33), knapp über dem Trend auch in Wesel abgestraft und halbiert. Obwohl sie mit intensiver Ratspolitik weit auffälliger war als die Grünen (7,93 %), die sich auf einen festen Wählerstamm verlassen können. Achtungserfolge erreichten Piraten (2,27) und WWW (2,78).

Wie sieht es in den Wahlbezirken aus? Die CDU ist linksrheinisch - hier legte sie jeweils noch zu auf über 60 Prozent in Büderich - Jürgen Linz ist hier Wesels neuer Prozent-König (61,4) - und Ginderich - und im Ländlichen stark. In Bislich erreichte Youngster Frank Grootens auf Anhieb 50,16 %. Die SPD ist im innerstädtischen Bereich und in der Feldmark unschlagbar die Nummer eins. Dazu holte der gebürtige Fusternberger Marco Cerener den Bezirk 16, während Reinhold Brands (CDU) im anderen Fusternberger Bezirk siegte. Abgewatscht wurde der Flürener Alt-Genosse Ulrich Marose, der von CDU-Neuling Martin Lambert um fast 15 Punkte distanziert wurde. Die FDP verlor hier 8,7 %. Dafür nahm die SPD Jutta Radtke (CDU) den Bezirk ab, Wolfgang Hänel lag elf Stimmen (12,2 plus) vor ihr. Übrigens: Hier wählt auch die Grav-Insel, Stichwort Dauercamper.

In Blumenkamp verlor Volker Haubitz (CDU) knapp gegen Cirstin Rehberg (SPD). Hier musste FDP-Fraktionschef Eifert, der nicht mehr in den Rat kam, halbierten Stimmenanteil hinnehmen. Im Wahlbezirk 5, ebenfalls Blumenkamp, rückte Brigitte Siebert (SPD) um sieben Stimmen an Thorsten Müller (CDU) heran. SPD-Chef Ludger Hovest (63) holte den sicheren Wahlbezirk 9 und legte dort zu (38,2 %). Otto Kuhlmann war bester Linker mit 10,87 % im Wahllokal Im Bogen (City), Hubert Kück ist Grüner König mit 12,57 % (Ellen-Key-Schule).

Ein Ergebnis im benachbarten Voerde tangiert auch Wesel: Dirk Haarmann ist dort nun Bürgermeister. Wesels Sozialdezernent ist noch zweieinhalb Wochen im Dienst. Der neue Rat muss über die Ausschreibung entscheiden. Das Sozialdezernat wird im Verwaltungsvorstand vorübergehend aufgeteilt.

Wie werten die Parteien den Wahlausgang? Ludger Hovest (SPD) sagte: "Wir sind sehr zufrieden, der Wahlkampf war schmutzig in manchen Teilen." Er räumte ein, das Ziel, stärkste Fraktion zu sein, nicht erreicht zu haben. Hovest stellte sich gestern Abend zur Wiederwahl als Fraktionschef. Er will nun mit allen anderen Fraktionen und Einzelkämpfern im Rat reden. Bündnis-Präferenzen nannte er nicht, denn: "Wir haben keine Tabus." Sein Verhandlungs-Motto: "Wesel, Perle am Niederrhein mit Westkamp". Ob es zu einem dauerhaften Bündnis komme, wollte er nicht prognostizieren. "Wir brauchen fixe Größen, etwa zum Haushalt. Für sechs Jahre Wahlperiode eine Verabredung zu treffen, ist aber nicht nötig." Die SPD sei bereit, Kompromisse einzugehen. Zur Personalie Haarmann sagte er, dass diese zu klären sei - im Paket mit der Wiederwahl weiterer Positionen im Verwaltungsvorstand und bei den Töchtern Stadtwerke, Bauverein und Sparkasse.

CDU-Parteichef Dr. Heinzgerd Schott resümierte: "Wir haben das Ziel, den Bürgermeister zu stellen, nicht erreicht. Aber wir sind stärkste Fraktion mit einem Sitz mehr - und haben die 40-Prozent-Hürde geschafft." Im langjährigen Vergleich sei diese für die CDU meist eine Schallmauer gewesen. "Unser Anspruch ist, mehr als bisher an den Entscheidungen an der Weseler Politik beteiligt zu sein. Wir werden sehen, wo sich Schnittmengen mit anderen Parteien ergeben." Über die personelle Lücke in der Führungsetage durch Haarmann habe die CDU noch nicht nachgedacht. "Personalentscheidungen brauchen Mehrheiten, deswegen sprechen wir mit den anderen Parteien. Es kann bei der Besetzung keinen Automatismus Richtung SPD geben. Wir werden mit allen sechs Parteien im Rat sprechen, es wird zu wechselnden Mehrheiten kommen", sagte der CDU-Chef.

Besonders hob Dr. Schott hervor, dass Neueinsteiger Martin Lambert seinen Flürener Wahlkreis holte. In Ginderich habe Michael Brinkhoff über 60 Prozent erreicht. "Der Amtsbonus für Ulrike Westkamp hat sich ausgewirkt, aber Ludger Hovest profitiert davon nicht", sagte er. CDU-Bürgermeisterkandidat Linz, der in Büderich sechs Punkte dazu gewann, sagte, er kandidiere wieder als Fraktionschef. Bernd Reuther (FDP) meinte: "Wir haben zwar verloren, sind aber nicht abgestürzt. So war's schon 1999, danach ging es wieder nach oben." Die Liberalen wollen sich so im Rat positionieren, dass sie als FDP wahrgenommen werden.

Gewinnerin Ulrike Westkamp ("Ich habe mich sehr gefreut über die vielen Gratulanten") war gestern schnell wieder im Alltag. Sie bereitete schon die konstituierende Sitzung des Rates am 24. Juni vor.

(RP)