Wesels Nabu-Chef: Landwirtschaft braucht Strukturwandel jetzt

Nabu-Chef zum Bauernprotest : „Landwirtschaft braucht Strukturwandel“

Peter Malzbender, Chef des Naturschutzbundes im Kreis Wesel, reagiert auf die Proteste der Landwirte. Er äußert einerseits Verständnis, fordert aber ein radikales Umdenken. Es brauche mehr Fördermittel für die Landwirte.

Die Trecker-Konvois protestierender Bauern vom Dienstag haben auch Peter Malzbender, Vorsitzender der Kreisgruppe Wesel des Naturschutzbundes, nicht unberührt gelassen. Einerseits findet er es gut, wenn die Betroffenen der Agrarpolitik auf sich aufmerksam machen. Andererseits warnt er vor einem „Weiter so“ in der konventionellen Landwirtschaft. Diese brauche vielmehr einen radikalen Strukturwandel, wobei den Bauern nach Kräften geholfen werden müsse – und zwar am besten sofort. Die Facetten der Problematik sind vielschichtig, die Zielrichtung Malzbenders eindeutig.

Die Vorgeschichte Der Nabu-Chef hält die konventionelle Landwirtschaft für vollkommen veraltet und sieht sich dabei durch mindestens 100 wissenschaftliche Expertisen der vergangenen Jahre bestätigt. Gülledüngung und Pflanzenschutzmittel hätten gravierende Folgen für die ganze Gesellschaft. Nicht ohne Grund habe die EU Deutschland eine Strafe von 850.000 Euro täglich angedroht, falls der Nitrateintrag in den Böden (Gülle) nicht eingeschränkt werde.

Jetzt sei die Landwirtschaft in der Bredouille, weil sie Jahrzehnte auf die falschen Berater gehört habe. Kammern und Verbände hätten nicht zukunftsorientiert beraten, sagt der Nabu-Chef und stellt aber auch fest, dass sowohl die biologische als auch die konventionelle Landwirtschaft in Deutschland erhalten bleiben müssten, um den Bedarf zu decken. Dringend nötig sei es, den Gülleeintrag um 20 Prozent zu reduzieren

Die Lage Wie der Nabu-Chef aus Wesel feststellt, müssen landauf, landab die Wasserwerke aufgerüstet werden. Teure Investitionen zulasten des Steuerzahlers. Die Fleischerzeugung habe bedrohliche Folgen, da für ein Kilo Fleisch in der Produktion 17.000 Liter Wasser benötigt würden. Am Niederrhein zeigen sich bereits Folgen der Dürreperioden. Das Grundwasser liegt bis heute nicht wieder auf dem Spiegel von 2018. Dafür müsste es drei Wochen am Stück regnen. Starkregen berge jedoch die Gefahr, dass „die Restkrume samt eventuellem Anbau“ weggeschwemmt wird. Parallel wirke sich der Einsatz von Chemikalien breiter aus. Pflanzengifte würden durch Luftverwirbelungen auch in städtische Privatgärten getragen, Besitzer wundern sich dann über das Ausbleiben von Insekten. Auch in gehegten Naturschutzgebieten wie auf der Bislicher Insel gebe es Artenrückgang. Laut Malzbender sind 90 Prozent aller Blütenpflanzen auf Bestäubung angewiesen. Weltweit werde der Ertragsverlust auf 130 Milliarden Euro geschätzt.

Die Mitverantwortlichen Die Urheberschaft für die Miseren sieht Malzbender auch bei Konzernen angesiedelt. So sei es ein Unding, dass Discounter den Landwirten die Preise diktieren.

Die Forderungen Für den Nabu-Vorsitzenden ist klar, dass Bauern, die konventionell, aber nachhaltig arbeiten wollen, mit Fördermitteln unterstützt werden müssen. Sie müssten aufgefangen werden. Um einen grundlegenden Strukturwandel zu moderner konventioneller Landwirtschaft hinzubekommen, sei eine Strategie erforderlich. Einher geht das für Malzbender mit Flächenschonung. Auch um den Futterzukauf überflüssig zu machen, der anderswo auf der Welt Wunden in die Landschaft schlägt. Statt der angestrebten fünf Hektar werden in NRW aber täglich zwölf Hektar Fläche versiegelt, sagt er.

Die Hoffnung Peter Malzbender findet es richtig, dass den Landwirten in ihrer jetzt mit den Protesten ausgedrückten Not zugehört und ihnen geholfen wird. Er setzt aber auch darauf, dass junge Bauern längst wissen, dass es nicht wie bisher weitergehen könne.

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