Wesels Dombaumeister Wolfgang Deurer geht nach 60 Jahren

Festgottesdienst zum Abschied : Dombaumeister geht nach 60 Jahren

Wolfgang Deurer wird am Sonntag, 3. Januar, mit einem Festgottesdienst verabschiedet.

Titel, Orden, Medaillen, Auszeichnungen und Ehrungen hat Wolfgang Deurer gleich dutzendweise erhalten. Im Grunde müsste er Erfahrungen damit haben. Gleichwohl blickt er in diesen Tagen mit etwas Unruhe auf das, was ihm bevorsteht. „Ich habe mit meiner Arbeit nur meine Pflicht getan und bin gut dafür bezahlt worden“, sagt der Weseler Architekt, der morgen 86 Jahre alt wird. 60 davon hat er als Dombaumeister an Willibrord gewirkt, ist somit derjenige, der den Wiederaufbau der kriegszerstörten Kirche maßgeblich verantwortet und auch vollendet hat. Dennoch spricht er mit Blick auf den Festgottesdienst, mit dem er von der Evangelischen Kirchengemeinde und dem Willibrordi-Dombauverein am Sonntag, 26. Januar, 11 Uhr, im Dom sowie einem anschließenden Empfang im Lutherhaus verabschiedet wird, von „Tamtam“.

Deurer hat vom Supermarkt bis zur Chefarzt-Villa alles Mögliche gebaut, sich aber eben auch mit kulturellen Schätzen der besonderer Art befasst. Neben der Mammut-Aufgabe, dem Weseler Dom seine heutige Gestalt zu geben und die Rekonstruktion der spätgotischen Rathaus-Fassade am Großen Markt durchzuziehen, hat er sich unter anderem in Danzig verdient gemacht. Dort ist der gebürtige Kasseler aufgewachsen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Wesels Domruine zur Familiensache. Deurers Vater Jakob wurde 1948 als Dombaumeister nach Wesel berufen. Der junge Wolfgang, zum ersten Nachkriegs-Glockengeläut Weihnachten 1950 zum ersten Mal in Wesel, bekam von Anfang alles mit, absolvierte an der Dombauhütte eine Maurerlehre. Jakob Deurer sorgte dafür, dass sein Sohn auch mit Eisenbiegen und Beton in Berührung kam. Jenen Dingen also, die im Dom nicht zu lernen waren. Der Vater starb früh. Der Sohn, inzwischen Bauingenieur übernahm, legte ein Studium der Kunstgeschichte nach, erwarb mehr und mehr Meriten.

1994/95 – genau 50 Jahre nach der Zerstörung – kam der Dachreiter mit dem Glockenspiel auf den Dom. Die aufsehenerregende Montage markierte den Abschluss des Wiederaufbau des Doms. Arbeitslos wurde Deurer dadurch nicht. Instandhaltung des Doms ist eine Ewigkeitsaufgabe.

Wenn Deurer gefragt wird, was ihm am „rekonstruierenden Rückbau ins 16. Jahrhundert“ – schließlich war der Dom Ende des 19. Jahrhunderts neugotisch überformt worden – am besten gefällt, lässt er das Äußere zunächst außer acht. „Das Besondere ist der Innenraum. Die Ausstrahlung diese Raums ist anerkannt“, sagt Deurer. Immer wieder habe er stundenlang darin gesessen und sich gefragt, was sein Vorgänger Langenberg um 1540 wohl für eine Vorstellung davon gehabt haben mag. Wo war er? Was hat er gesehen? Was ist davon hier eingeflossen? Diesen Fragen ist Deurer akrikbisch nachgegangen. Das Ergebnis ist, wie jeder weiß, der einmal im Dom war, das Licht.

Die Arbeit ist sein Leben, er sieht seinen Beruf als Hobby. Urlaub hat er nie gemacht, stattdessen die Familie stets dahin mitgenommen, wo er sich gerade etwas ansehen wollte. Ob in Königsberg, Mailand oder Saloniki. „Auf Sylt oder Borkum in der Sonne liegen kann ich nicht. Andere sammeln Freimarken oder spielen am Wochenende mit der Eisenbahn. Ich habe das hier“, sagt er und sieht sich um in seinem Büro. Es ist vollgestopft mit Akten, Büchern, Plänen, Zeichnungen. Eine ganze Wand ist dem berühmten Bild des zerstörten Doms gewidmet. Fotografin Hilde Löhr hat ihm die Glasplatten davon gegeben. Alles atmet Kunst, Geschichte und Architektur aus. Dabei hat sich Deurer, der dabei ist, „klar Schiff zu machen“, schon von einigen Dingen getrennt. Alles, was er über Danzig, sein „zweites Leben“, zusammengetragen und herausgefunden hat, hat er den dortigen Verantwortlichen übergeben. Anfang Oktober 2019 gab es zu Deurers dort 42-jährigem wissenschaftlichem Engagement in Danzig einen Festakt und Empfang mit Generalkonsulin Cornelia Pieper und NRW-Minister Andreas Pinkwart. Für den scheidenden Dombaumeister war es ein Höhepunkt des vergangenen Jahres.

Einen Nachfolger wird es nicht geben. Der Dombauverein werde einzelne Aufträge vergeben. Auf dessen Agenda steht 2020 auch noch die Herausgabe einer etwa 900-seitigen Chronik über den Wiederaufbau des Doms von 1945 bis 1995.