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Weseler Pfarrer Stefan Sühling über Corona und den Frühling

Himmel & Erde : Worauf ich mich jetzt schon freue

Es gibt eine Zeit nach Corona: Irgendwann bricht das Leben auf mit neuer Kraft.

Die Sonne scheint vom wolkenlosen Himmel. Ich bin mit dem Fahrrad unterwegs zur Flürener Kirche, um dort nach der Steuerung der Läuteanlage zu sehen. Wegen der Aussicht habe ich die Strecke über den Ziegeleiweg gewählt. Die Sträucher präsentieren sich im ersten zarten Frühlingsgrün. Forsythienbüsche leuchten gelb über die Felder. Magnolienbäume in den Gärten strahlen üppig weiß mit violetten Farbtupfern. Ein wunderbar sonnig-farbenfroher Frühlingsbeginn!

Dennoch sind sie ungewöhnlich, diese Frühlingseindrücke, sie sind nicht vollständig. Geradezu im Kontrast zur lebendigen Flora ist auf den Straßen kaum jemand unterwegs. Die Spaziergänger und Hunde-Ausführer halten den in Corona-Zeiten nötigen Abstand. Niemand trifft sich zum Kaffeeplausch. Keine Familien mit Kindern die nach der Winterzeit in der Sonne sitzend, das Können der Eismacher auf die Probe stellen. Die ganze Stadt wirkt wie eingefroren – dem Kontaktverbot zur Infektionsprävention geschuldet.

Wie ein unsichtbarer Schleier aus Vorsicht, Sorge und Scheu sich das Kontakt-Verbot, dass die physischen Kontakte auf das allernotwendigste Maß verringern soll, auf Stadt und Land gelegt und hinterlässt den Eindruck, das Leben erstarrt bis zur Versteinerung. Auch das Leben in unseren Gemeinden ist erstarrt. Wir kommen nicht mehr zusammen zu Gottesdienst und Gebet, zum Austausch und gemeinsamen Singen – die Kontakte sind unsichtbar, via Telefon oder E-Mail.

Viele leiden unter diesem Erstarren – wir sind doch soziale Wesen, die sich gerne treffen und austauschen, miteinander sprechen, lachen und auch traurige Momente teilen – alles das steht nun still.

Der Blick in die Natur, den ich vom Fahrrad aus, aber auch aus jedem Fenster der Wohnung genießen kann ist gerade in diesen Tagen eine echte Verheißung. Die Sträucher und Blumen, die Farben und das Licht, alles beredtes Zeugnis von der unbändigen Kraft des Lebens, dass neu aufbricht. Genauso wird auch unser gesellschaftliches Miteinander, all die stillgestellten Kontakte und Begegnungen, wieder aufleben. Das verheißt mir der Blick in die Natur dieser Tage.

Dies ist eine Verheißung von Ostern. Die Kraft des Lebens scheint zu erlöschen – mit dem Tod am Kreuz scheint nichts mehr zu gehen. Wenig später zeigt sich, wer mit dem endgültigen Stillstand gerechnet hat, hat sich verkalkuliert: Das Leben bricht auf mit neuer Kraft – der Tod hat nicht das letzte Wort. Wie lange unter Corona-Vorzeichen unser soziales Miteinander noch durch Schutzmaßnahmen gelähmt wird, ist noch unklar. Sicher aber ist, alle Kontakt-Verbote gehen einmal zu Ende und dann bricht unser miteinander wieder auf – wunderschön. Darauf freue ich mich schon heute, wie ich mich an den Blumen und Sträuchern am Wegesrand erfreue.

Stefan
Sühling

Unser Autor ist Leitender Pfarrer an St. Nikolaus in Wesel.