Wesel: Zeitzeugen des Wirtschaftswunders gesucht

Wesel : Zeugen des Wirtschaftswunders gesucht

Die Stadt sucht für die Schau „Wunder aus Trümmern“ Menschen, die in den 50ern in Wesel gearbeitet haben.

„Wunder aus Trümmern“ ist der Titel einer Ausstellung, die im kommenden Jahr im Städtischen Museum Galerie im Centrum am Kornmarkt gezeigt wird und ganz nahe an den Weselern und ihrer Geschichte ist. Jetzt werden Menschen gesucht, die diese Zeit des Wiederaufbaus erlebt haben – und im Interview über ihre Arbeit und ihr Leben damals erzählen können.

Wirtschaftswunderjahre in einer kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu 97 Prozent zerstörten Stadt: die Infrastruktur, die sozialen Beziehungen, die wirtschaftliche Strukturen, all das lag in Schutt und Asche. Arbeitsplätze gab es nur noch auf dem Bau – Wesel musste sozusagen komplett neu errichtet werden. Die Keramag gab es noch und die Ziegelei Block, sagt Stadtarchivar Martin Roelen. „Für viele Menschen gab es aber keine Chance auf Arbeit.“

Martin Roelen, Heike Kemper, Ulrike Westkamp, und Barbara Rinn-Kupka mit Exponaten. Foto: FFS FUNKE Foto Services/Gerd Hermann

Man warb um Firmen, sprach quasi jeden an. Stadtdirektor Karl-Heinz Reuber setzte 1950 auf einen Masterplan, er beauftragte Prof. Alfons Schmitt von der Uni Münster damit. Der schlug vor: Zunächst die Infrastruktur wieder aufbauen, den Hafen, die Bahn. Dann ging es darum, nicht um Großbetriebe werben, die krisenanfällig sind. Viele kleinere Firmen, die fürs Ruhrgebiet arbeiten, sollten eine solide Basis werden.

Die Weseler hielten sich weitgehend daran, doch einige Unternehmen waren dann doch nicht ganz so klein – 1955 siedelte sich das belgisch-britische Unternehmen Delog an, ein Glashersteller mit 1700 Arbeitsplätzen, die Initialzündung. Siemens und Byk folgten, 1958 auch Philips, die Firma beschäftigte vor allem Frauen und bot 1200 Arbeitsplätze. Stadtdirektor Reuber sonnte sich in seinem Erfolg, er ließ 1958 das Städtische Bühnenhaus bauen. Ausschließlich von Weseler Firmen und mit dem Kniff, dass ein Mädchengymnasium (heute Andreas-Vesalius-Gymnasium) schließlich auch eine Aula haben muss. So kam die Stadt mit Fördermitteln an sein Theater.

Zahlreiche Exponate aus diesen Zeiten haben die städtische Kulturbeauftragte Heike Kemper, Archivar Roelen und Barbara Rinn-Kupka schon gesammelt. Ein Exponat ist eine Metallplatte – ein Mitarbeiter hat sie 1961 für 25 Jahre bei den Gebrüdern Schmitz Maschinenbau erhalten. „Wir sind noch offen für Exponate“, sagt Heike Kemper.

Doch es geht nicht allein um Gegenstände. „Wir brauchen noch die Menschen“, sagt Barbara Rinn-Kupka. Zeitzeugen, die in den genannten oder aber ganz kleinen Firmen gearbeitet haben. Wie war das damals, wie waren Arbeitsweg, Produktionsbedingungen, Lohn, Arbeitszeit? Was konnten die Weseler sich leisten, wie war das, als die Frauen dann in den 1950er Jahren wieder zurück an den Herd sollten? Oder Mutige, die sich selbstständig machten. „Wir wollen Interviews führen, mit Namen, auf Wunsch auch anonym“, sagt Barbara Rinn-Kupka.

(sz/fws)
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