Wesel: Wirbel um Konrad-Duden-Preisträger Claas Relotius

Verdacht der Manipulation: Wirbel um Konrad-Duden-Preisträger

(sep) Die Jury des Konrad-Duden-Journalistenpreises in Wesel wird prüfen müssen, ob sie dem Gewinner des Jahres 2018, Claas Relotius, den ersten Preis wieder aberkennt. Die Auszeichnung hatte der heute 33-Jährige im Januar für seine 2016 im „Spiegel“ erschienene Reportage „Nummer 440“ erhalten.

Mit 2000 Euro ist der Weseler Preis dotiert. Wie am Mittwoch bekannt wurde, hat sich das Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ wegen des Verdachts der Manipulation von seinem Mitarbeiter Claas Relotius getrennt. Er habe Geschichten erfunden, erdacht, erlogen. Es habe falsche Zitate in seinen Texten gegeben, Orte, Personen, Quellen seien fingiert gewesen, hieß es in einem Text, den „Der Spiegel“ auf seiner Internetseite am Mittwoch prominent präsentierte. Auch der Text „Nummer 440“ sei betroffen.

Die Jury des Konrad-Duden-Journalistenpreises wurde von der Nachricht am Mittwoch komplett überrascht. Juryvorsitzende Sigrid Baum betonte, dass der Journalistenpreis die sprachlichen Mittel würdige, bildhafte und lebendige Sprache, ob der Sachverhalt verständlich erklärt und gut erzählt sei, der Plot klar herausgearbeitet und der Beitrag bis zum Ende spannend. „Als Referenz für unseren Namensgeber, Konrad Duden, kamen auch die Kriterien Nutzung und Korrektheit der deutschen Sprache dazu.“ Man könne die Vorwürfe gegen Relotius aus der Ferne nicht bewerten und werde sich den Vorgang in Ruhe ansehen und prüfen.

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Zur Preisverleihung im Januar in Wesel war Relotius nicht persönlich erschienen. Er sei für den „Spiegel“ in den USA zu Recherchen unterwegs, teilte er damals mit. Im Text „Nummer 440“ geht es um einen jungen Jemeniten, der 14 Jahre lang unschuldig in Guantanamo auf Kuba gefangen gehalten wird und der sich nach jahrelanger Folter plötzlich vor der Freiheit fürchtet. Diese bewegende Reportage setzte sich gegen alle weiteren 50 Bewerbungen durch. Für „Nummer 440“ erhielt er auch den Reemtsma Liberty Award 2017.

Falls Relotius der Preis aberkannt werden sollte, kann sich ein Weseler Hoffnung machen: Philipp Elsbrock machte am Andreas-Vesalius-Gymnasium sein Abitur und belegte Anfang 2018 den zweiten Platz. Er reichte seinen Text „Der Rebenflüsterer“ ein, in dem ein Familien-Weingut porträtiert wird.

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