Wesel: RP-Redakteur testet Mitfahrerbank in Blumenkamp: keiner hält an

Selbstversuch in Blumenkamp : Mitfahrerbank im Selbsttest

Die FDP regt an, nach Blumenkamper Vorbild in allen Stadtteilen Mitfahrerbänke aufzustellen – als Alternative zu Bus und Anrufsammeltaxi. Doch funktioniert das Angebot im Alltag? Wir haben den Praxistest gemacht.

Wesels FDP-Fraktionschef Peter Berns hat eine Idee: Nach Blumenkamper Vorbild wäre es doch sicher denkbar, Mitfahrerbänke in allen Ortsteilen aufzustellen. Diesen Vorschlag unterbreitet er Bürgermeisterin Ulrike Westkamp in einem Brief. Von Bürgern in Blumenkamp, so heißt es in dem Schreiben an die Verwaltungschefin, sei zu hören, dass die Mitfahrerbänke im Ortsteil positiv bewertet und auch genutzt würden. Doch ist das tatsächlich so? Wie lange es wohl dauern wird, bis jemand stoppt und fragt, wo es hingehen soll? Beziehungsweise: Hält überhaupt jemand an?

Manko: Von weitem ist das Schild „Mitfahrer-Bank“ für Autofahrer kaum zu erkennen. Foto: kwn

Ich mache den Praxistest und setze mir ein Zeitlimit von 45 Minuten. Punkt 15 Uhr nehme ich die Mitfahrerbank an der Bushaltestelle Hamminkelner Landstraße / Ecke Eulenweg in Beschlag. Eines vorweg: Ein weiterer Mitfahr-Interessent taucht in der folgenden Dreiviertelstunde nicht auf.

Die Sonne scheint, Vögel zwitschern in den Gärten, durch die Baumkronen sind Windräder erkennbar. Bis auf die Geräusche der Autos ist es überraschend ruhig an diesem Nachmittag in Blumenkamp. An der Bank (ohne Lehne!) sind an drei Stellen Infoschilder angebracht: „Mitfahrer-Bank“ ist da zu lesen. Und klein darunter – für meinen Geschmack viel zu klein – heißt es: „Wer hier sitzt, möchte gerne mit freundlichen Menschen mitfahren.“ Verziert sind die Tafeln mit den Signets des Netzwerkes Blumenkamp, der Blumenkamper Vielfalt, des Vereins Blumenkamper Bürger, des Seniorenbeirats und des Mehrgenerationenhauses. Sie alle sind, das weiß ich aus dem Schreiben der FDP an die Stadtverwaltung, Träger des Projekts „Energie fürs Quartier“, das für nachhaltige Lösungen auf dem Sektor Energie und Mobilität wirbt.

In den ersten fünf Minuten passiert so gut wie nichts. Gefühlt alle 30 Sekunden fährt ein Pkw, ein Lieferwagen, ein Motorrad an mir vorbei. Die meisten Fahrer schauen stur geradeaus, manche blicken kurz zu mir herüber – und dann wieder nach vorn.

Dann rauscht ein dunkler BMW mit BOH-Kennzeichen heran. Der Fahrer bremst, setzt ein paar Meter zurück. Die Seitenscheibe geht herunter. Freundlich fragt er in radebrechendem Deutsch, ob ich etwas mit dem Verkauf von Maschinen zu tun hätte – oder so ähnlich jedenfalls. Ich schüttle mit dem Kopf und lächele. Sorry. Er versteht und lächelt nun ein wenig verlegen. Muss ein Missverständnis gewesen sein. Der Mann winkt und fährt weiter. Winken wird wenig später auch ein Weseler SPD-Ratsherr aus seinem Wagen. Auf den Gedanken, dass ich als Mitfahrerbankdrücker von einem freundlichen Alleinfahrer mitgenommen werden möchte, kommt der Genosse in diesem Moment jedenfalls nicht.

Kurze Zeit später bemerke ich eine Frau mittleren Alters im Cabrio. Sie fährt vergleichsweise langsam. Ob ich Glück habe? Nein, sie biegt nur ab. Ich schaue mir den Fahrplan der Busse an, die hier halten. Die Linie 64, so wird es angekündigt, fährt um 15.22 Uhr los, die Linie 96 (beide Richtung Wesel) um 15.39 Uhr. Es ist 15.23 Uhr. Kein Bus in Sicht. Und auch niemand, der anhält. Mit 18-minütiger Verspätung trifft der Bus der Linie 64 um 15.40 Uhr ein. Ich mache ein Handzeichen. Der Busfahrer versteht und gibt Gas. Mit sechsminütiger Verspätung kommt um 15.45 Uhr die Linie 96 an. Gleiches Prozedere: Ich mache mein Handzeichen, der Busfahrer versteht, nickt, fährt weiter. Vielleicht hätte ich den Daumen heraushalten sollen, um als Mitfahrerbank-Hocker meinen motorisierten Mitmenschen mein Mobilitätsbedürfnis kund zu tun. Doch wäre mir das ein wenig peinlich – und sicher auch nicht im Sinne der Erfinder.

Ernüchterndes Fazit: Wer auf der Mitfahrerbank an der Hamminkelner Landstraße in Blumenkamp Platz nimmt im Glauben, innerhalb weniger Minuten Bekanntschaft mit einem freundlichen Autofahrer zu machen, muss mit einer Enttäuschung rechnen.

Mehr von RP ONLINE