Wesel: Männliche Erzieher und Kita-Leiter sind immer noch eine Seltenheit

Bislicher Erzieher : Mann als Kita-Leiter: Noch immer ein Exot

Erziehungseinrichtungen sind nach wie vor fest in weiblicher Hand. Wir haben mit Erzieher Florian Rutz aus Bislich gesprochen, der vorübergehend die Leitung des Waldkindergartens in Flüren übernommen hat.

Wenig Geld, kaum Ansehen und für manche Eltern immer noch komisch: der Mann als Erzieher. Das alles ist dem gebürtigen Weseler Florian Rutz egal. Er – 30 Jahre alt, glücklich verheiratet, Vater einer kleinen Tochter – ist seit etwa neun Jahren Erzieher im Waldkindergarten in Flüren. Im vergangenen Jahr hat er dort die Leitung übernommen. „Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Im ersten Moment sind manche total verwundert, aber sprechen mir meistens gleich danach Respekt aus“, sagt Rutz.

Als Mann im Kindergarten zu arbeiten, das ist immer noch immer eine Seltenheit. Für ihn ist es das Normalste auf der Welt. Er fühlt sich sehr wohl und macht seinen Job gerne. Dennoch hat er bereits in seinem Anerkennungsjahr „eine gewisse Skepsis“ gespürt. „Allgemein waren die Kolleginnen damals nicht sicher, ob ich die emotionale und einfühlsame Seite des Erzieher-Berufs auch adäquat erfüllen kann. Als dies geklärt war, wurde ich sehr herzlich im Team aufgenommen und war schnell ein ernstgenommenes und wertgeschätztes Mitglied des Teams“, erinnert er sich.

Das Jugendamt des Kreises Wesels zählt in den sieben Kommunen (Alpen, Hünxe, Schermbeck, Sonsbeck und die Städte Hamminkeln, Neukirchen-Vluyn und Xanten) nur einen einzigen Kita-Leiter. In den städtischen Einrichtungen Voerde, Moers, Kamp-Lintfort, Rheinberg und Dinslaken gibt es überhaupt keinen männlichen Leiter. Nur einen Mann als stellvertretenden Leiter und einen Mann als Fachkraft in einer weiteren städtischen Kita in Dinslaken gebe es bisher, sagt Annette Breucker, die für den Bereich Kinder- und Jugendförderung der Stadt Dinslaken zuständig ist. „Wir würden sehr gerne mehr Männer in unseren Kitas beschäftigen. Es liegen uns aber derzeit keine Bewerbungen vor“, bedauert sie.

Und auch in der von einer Elterninitiative getragenen Einrichtung, dem Waldkindergarten, ist Rutz die einzige männliche pädagogische Fachkraft. Der Erzieher fühlt sich zwar in seinem Team sehr wohl, bedauert aber, dass immer noch sehr wenige Männer diesen Beruf ausüben. „Ich glaube, dass häufig die Akzeptanz vom Elternhaus fehlt. ‚Da verdient man doch eh nichts‘ ist meistens ihr Vorwurf. Ich hatte zum Glück ein Elternhaus, in dem der Spaß auf der Arbeit immer im Vordergrund stand. Mein Vater beispielsweise hat einen Job machen müssen, der ihm so gar keinen Spaß bereitet hat. Deshalb ist der Verdienstgedanke bei uns auch an zweiter Stelle“, sagt Rutz.

Er wollte von Anfang an in den sozial-pädagogischen Bereich. Um sich aber ganz sicher zu sein, absolvierte er in der neunten Klasse zwei Praktika: eines in einem technischen Betrieb und das andere in einem Kindergarten. „Schon im Praktikum meinte meine Kita-Leiterin, dass ich ein Händchen dafür habe“, erinnert er sich. So schloss er nach dem Realschulabschluss eine Ausbildung zum Kinderpfleger und gleich danach eine weitere Ausbildung zum Kindererzieher ab. Währenddessen holte er zudem sein Fachabitur nach. Zum Schluss musste er noch das Anerkennungsjahr machen. Rutz: „Es war zufällig eine Stelle frei, die ich jahrelang besetzen konnte. Und durch die personelle Veränderung bin ich dann stellvertretender Leiter geworden.“

Im August 2018 wurde er schließlich Leiter der Einrichtung – aber nur temporär: Seine Chefin wurde schwanger, er wird sie für zwei Jahre vertreten. „Fürs Erste, um da mal reinzuschnuppern, war das ganz gut. Die begrenzte Dauer fand ich gar nicht so schlecht. Besser, als sich wegzubewerben und woanders die Leitung zu übernehmen. Denn vielleicht stellt man hinterher fest, dass einem das doch nicht so sehr gefällt“, sagt er pragmatisch. Er kümmert sich jetzt gemeinsam mit seinen fünf Kolleginnen um zwei Gruppen mit jeweils 20 Kindern, die im Alter zwischen zwei und sechs Jahren sind. Auch wenn Rutz die Arbeit im Büro gerne macht, so freut er sich auch wieder auf die Zeit in seiner eigenen Gruppe. „Es ist ein großes Paket an Verantwortung, die man als Leiter gegenüber der Einrichtung hat. In meiner Position als stellvertretender Leiter war ich doch immer mehr mit meiner Gruppe beschäftigt, auch gedanklich.“

In ferner Zukunft kann er sich eine Leitungsstelle zwar vorstellen, auch wegen des finanziellen Aspekts, aber ihm ist der Spaß an der Arbeit viel wichtiger. Und den hat er mit den Kindern.

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