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Wesel: Kreishandwerkerschaft will Schülern Freude am Handwerk vermitteln

Interview Holger Benninghoff (Kreishandwerkerschaft Wesel) : „Es gibt mehr als nur das Studium“

Der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Wesel spricht über die Sorgen seiner Mitgliedsbetriebe.

Können Sie sich erinnern, dass die Handwerksbetriebe, die in irgendeiner Form mit den Themen Bauen, Sanieren und Wohnen zu tun haben, so gut zu tun hatten wie aktuell?

Holger Benninghoff So gut lief es wirklich fast noch nie. Trotzdem haben unsere Mitgliedsbetriebe Probleme.

Sie sprechen von fehlenden Fachkräften?

Benninghoff Das ist das große Problem.

Was ist in der Vergangenheit versäumt worden?

Benninghoff Es sind zu wenige junge Leute ausgebildet worden. Die Betriebe haben nicht über Bedarf ausgebildet. Hinzu kommt, dass Bewerber fehlen, weil immer mehr junge Leute – von der Politik so gewollt – Abitur machen.

Sie selbst haben als Jurist auch Abitur.

Benninghoff Ich komme aus dem Handwerk und habe nach Abschluss der Hauptschule eine Tischlerlehre gemacht.

Und warum sind Sie nicht dabei geblieben und haben die Meisterschule besucht?

Benninghoff Es war tatsächlich so, dass der Beruf mir nicht entsprochen hat. Meine Berufung habe ich später im Jurastudium gefunden. Aber ich bin ja wieder im Handwerk gelandet, wo ich meine Wurzeln habe.

Was kann aus Ihrer Sicht getan werden, um wieder mehr junge Leute – auch mit Abitur oder auch Studienabbrecher – für eine Lehre im Handwerk zu begeistern?

Benninghoff Es muss uns gelingen, den jungen Leuten deutlich zu machen, dass es auch noch etwas anderes gibt als eine akademische Ausbildung. Unsere Wirtschaft verträgt nicht mehr als 25 Prozent akademische Jobs. Fest steht, dass es keinen schnelleren Weg in die Selbstständig gibt, als im Handwerk. Und die Verdienstmöglichkeiten im Handwerk. Jeder normale Mitarbeiter im Bereich Heizung, Sanitär, Klima verdient im Monat 3000 Euro brutto. Wir haben das Problem, dass das Handwerk aus dem Blickpunkt verschwindet. Schauen Sie, früher waren die Betriebe sichtbar im Ort, im direkten Wohnumfeld. Da gab es den Bäcker, den Metzger, die Schlosserei, den Schreiner. Als Kinder waren wir früher auch mal in der Backstube, haben gesehen, wie die Oma ein Huhn gerupft hat. Heute gibt es das alles nicht mehr. Unfallschutz- und Hygienevorschriften haben dafür gesorgt, dass das Handwerk heute oft hinter verschlossenen Türen arbeitet.

Könnten geeignete Asylbewerber eine Möglichkeit sein, den Fachkräftemangel im Handwerk zu lindern?

Benninghoff Das Problem ist, dass viele Asylbewerber große Defizite in Deutsch haben. Natürlich gibt es Fördermöglichkeiten der Arbeitsagentur. Viele Betriebe probieren das auch aus. Manchen gelingt es, anderen nicht. Es liegt alles sehr am Engagement des Betriebes und des jungen Menschen. Eine Sache ist mir noch wichtig.

Und das wäre?

Benninghoff Die Situation der Kfz-Werkstätten bereitet mir Sorgen. Die Betriebe werden immer stärker durch allerlei Vorgaben belastet. Sie wissen gar nicht, wie sich sich strategisch aufstellen sollen. Niemand in der Politik sagt, wie die Mobilität in den nächsten 20 Jahren organisiert werden soll. Gehört dem E-Auto die Zukunft oder läuft alles auf das autonome Fahren hinaus? Niemand weiß, wie sich die Automobilhersteller auf den Markt der Zukunft einstellen? Vor allem kleine Betriebe werden leiden. Folge wird sein, dass die Hinterhof-Betriebe aussterben.

Welche Handwerksberufe können vom derzeitigen Auftragsboom nicht profitieren und sehen möglicherweise schweren Zeiten entgegen?

Benninghoff Zu leiden haben neben den Betrieben im Nahrungsmittelhandwerk– den Bäckereien und Metzgereien, deren Zahl immer weiter zurückgeht und denen es an Nachwuchs mangelt – die Mitgliedsbetriebe der Friseur-Innung. Die leiden unter der großen Konkurrenz der Fünf-Euro-Friseure. Gute Mitarbeiter, die sich zum Beispiel auch mit Chemie auskennen müssen, müssen entsprechend gut bezahlt werden. Nur ist es schwer, von den Kunden das Geld zu bekommen. Probleme bereiten den Betrieben im Nahrungsmittelhandwerk auch die vielen Auflagen und die Arbeitszeiten.

Seit Jahren klagen Handwerksbetriebe, dass oft die Nachfolger fehlen. Gibt es für dieses Problem eine Lösung? Was können Sie Mitgliedsbetrieben raten?

Benninghoff Bei diesem Thema wird mir Angst und Bange. Ich habe da leider auch kein Patentrezept. Dass Problem ist oft die Finanzierung. Auch wenn es Fördermittel gibt, so scheuen viele das Risiko, das mit einer Firmenübernahme zusammenhängt.