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Wesel: Kommentar zur Woche

Kommentar zur Woche : Wider die Gutachteritis

Gut ist das nicht. Überall nur noch Gutachten: Handel, Autobahn, Kies, Schulen. Manchmal bremst das die Politik. Nur eine muss die Gutachtenflut beruhigen: die Niederrhein-Wölfin Gloria.

Wenn mich meine Kinder bald fragen, wie sie sich beruflich entwickeln sollen, werde ich empfehlen: Werdet Gutachter. Es gibt schließlich immer was zu analysieren, auszuwerten und berechnen bei uns am Niederrhein: Autobahn, Schulen, Kies, Einkaufsstadt. Ganz gleich, was politisch gerade debattiert wird: Das nächste Gutachten zu Verkehrsströmen, Schülerzahlen, Bedarfsermittlung oder Kundenwanderungen ist immer schon in der Schublade. Und ist es fertiggestellt, dann bestellt gewiss jemand ein Gegengutachten, weil ohne Gegengutachten so ein ordentliches Gutachten nur die Hälfte wert ist.

Man könnte darüber schmunzeln, wenn es nicht so traurig und entwicklungshemmend wäre. Nichts spricht gegen eine durch Zahlen unterfütterte Politik und eine auf Fakten basierenden Verwaltungsplanung. Es wird aber gefährlich, wenn sich alle Akteure zu oft in Gutachten verrennen, aber politisches Handeln scheuen. Es gibt eine grundsätzliche Gutachter-Hörigkeit. Die ersetzt aber nicht Entwicklung. Nicht immer ist die Lokalpolitik Schuld. Die würde oft gern, fühlt sich aber durch die Erfordernisse, ihr Handeln zu unterfüttern, gehemmt.

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Der Autobahnstreit um den Anschluss an der A 3 ist so ein Beispiel. Zwischen Wesel und Hamminkeln soll eine neue Auffahrt an der B 70 entstehen. Viele Jahre war von einem Alternativ-Anschluss am Molkereiweg überhaupt keine Rede. Das zunächst bestellte Gutachten hatte überhaupt nicht den Zweck, diesen Molkereiweg als Anschlussmöglichkeit mit zu prüfen. Nun, da das Gutachten erstellt und diskutiert ist – auf Vorschlag von Hamminkeln und Wesel hin wurde nur ein Anschluss an der B 70 geprüft – kommt auf einmal der Molkereiweg wieder ins Rennen. Es mag ja sogar vernünftige Gründe für einen Anschluss dort geben. Aber warum hat man diese Option nicht eher öffentlich in die Debatte gebracht und prüfen lassen?

Nicht minder kurios ist die Kiesdebatte, in der der Kreis Wesel mit vier linksrheinischen Kommunen erst ein juristisches Gutachten vorlegte, warum es Fehler im Landesentwicklungsplan gebe, woraufhin die Kiesindustrie selbst ein Gutachten vorlegt, wonach die Landesregierung beim Landesentwicklungsplan völlig rechtssicher entschieden habe. Da bezahlt die Kiesindustrie Geld dafür, dass Gutachter die Politik der Landesregierung bestätigen.

Die Gutachter begutachten derzeit auch die Einkaufssituation in Wesel und teilten in dieser Woche die bahnbrechende Erkenntnis mit, dass Märkte sich weiterentwickeln dürfen müssen und die Größe der Märkte auf die Bedarfe vor Ort zugeschnitten sein solle. Man möchte den Gutachtern laut zurufen: Ja, was denn sonst?

Eine muss die grassierende Gutachteritis beruhigen: Gloria von Wesel, unsere muntere Niederrhein-Wölfin. Sie streunt weiter durch unsere Landschaft, knabbert Schäfchen an. Wenn es bald eng wird für sie, wenn sie doch zur Problemwölfin wird, wird gewiss jemand das erste Gutachten zum Erhalt der Wölfin fordern. Spätestens dann wird Gloria ruhig schlafen können. Wölfe in freier Wildbahn haben eine Lebenserwartung von sechs bis acht Jahren. So schnell ist kein Gutachten beschlossen.