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Wesel: Karl-Heinz Glaser ist seit 50 Jahren Friseur

Wesel : Seit 50 Jahren an der Schere

Karl-Heinz Glaser schneidet seit einem halben Jahrhundert Haare. Mit 15 begann er seine Friseurlehre in Haldern, seit 1972 arbeitet er in Wesel. Der alteingesessene Salon Reinhard an der Beguinenstraße ist sein Reich.

Bei seinen eigenen Haaren ist er streng. "Keine Experimente", sagt Karl-Heinz Glaser und zeigt auf seine Frisur: "Ich trage seit 1971 Vokuhila." Vorne kurz, hinten lang - und eigentlich schon seit knapp 25 Jahren aus der Mode. Doch da ist Glaser eben traditionell. Wenn es nicht um seine eigenen Haare geht, darf es aber ruhig experimenteller zugehen. Jeden Tag schneidet er im Weseler Salon Reinhard etwa 15 bis 20 Menschen die Haare - und das seit 50 Jahren. Sein Lieblingsschnitt? Der Fassonschnitt, seit der Lehre schon.

Absolviert hat er die Ausbildung beim Friseur Rick in Haldern, sowohl Damen- als auch Herrenschnitte. Schon mit 15 Jahren wusste Glaser, dass er Friseur werden will. "Intuition", sagt er, "und die absolut richtige Entscheidung." Mit seinen Eltern kam Glaser 1957 an den Niederrhein, zuvor wuchs er in Stralsund auf. Bis heute ist er der Region treu: Glaser wohnt mit seiner Frau in Millingen, die Heimat, so sagt er, sei aber Wesel - "ein Dorf mit städtischem Einschlag, lebenswert, sympathisch, freundlich".

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In Wesel arbeitet Glaser, seit 45 Jahren schon. Nach seiner Lehre in Haldern tingelte er erst einmal durch die Lande, arbeitete auf dem Bau und in einer Bäckerei. Danach fand er eine Anstellung beim Friseur Schoof in Emmerich, dem Europameister im Haareschneiden von 1966. Und lernte dort eine Lektion für's Leben: "Der hat mir gesagt: Geben Sie auf, Sie lernen es nie", sagt Glaser. "Ich habe mich aber nicht beirren lassen. Man sollte immer seinen eigenen Weg gehen."

Das gibt der 65-Jährige auch seinen Auszubildenden und Mitarbeiterinnen mit auf den Weg. "Bei uns im Salon gilt der Mensch als Mensch, hier wird jeder gleich behandelt", sagt Glaser. Die Atmosphäre an diesem sommerlichen Nachmittag ist locker, die Mitarbeiter scherzen miteinander. Lisa Düffels ist die erste Friseurin, die Glaser je ausgebildet hat. Seit fünf Jahren ist sie fest angestellt im Salon. "Bei uns geht es familiär zu, es ist harmonisch und oft lustig", sagt die 25-Jährige. Über ihren Chef sagt sie: "Er ist sozial, hat immer viel Verständnis - und Haare schneiden kann er natürlich auch."

Das kommt an: Viele Kunden im Salon Reinhard, den Glaser seit 1976 führt, sind Stammkunden, einige von ihnen kennt der Friseurmeister schon seit Jahrzehnten. "Es gibt Familien in Wesel, da schneide ich vom Uropa bis zum dreijährigen Urenkel allen die Haare", sagt Glaser stolz. Seit 1972 arbeitet er hier, die Entscheidung für Wesel fiel dem damaligen Ruhpoldinger leicht: "Konrad Reinhard bot mir damals ein super Gehalt, außerdem ist das ein alteingesessener Salon, der schon seit 1904 besteht - was will man mehr?"

Damals war der Salon noch ein reiner Herrensalon, seit 15 Jahren erst werden hier auch Damenhaarschnitte angeboten. Und seit fünf Jahren wiederum arbeiten Glaser und seine Mitarbeiterinnen im aktuellen Ladenlokal an der Beguinenstraße. Sein Salon, sagt Glaser, zeichne sich dadurch aus, dass hier auch traditionelle Schnitte, zum Beispiel der Messerschnitt oder die Bartrasur, angeboten werden.

Diese Kontinuität sei wichtig in schnelllebigen Zeiten. "Heute wollen viele Menschen es nur noch schnell und günstig" sagt Glaser. Das gebe es bei ihm aber nicht: "Ein guter Haarschnitt braucht seine Zeit." Als Kollegenschelte will Glaser das explizit nicht verstanden wissen: Die Friseure in günstigeren Salons arbeiteten nicht schlechter, aber oft deutlich schneller und würden zudem schlecht bezahlt.

Zeit braucht auch sein Lieblingshaarschnitt, der Fassonschnitt. Die Frisur - an den Seiten kurzrasiert, auf dem Kopf lang und zur Seite gescheitelt - ist wie Glaser ein Urgestein. Schon im Jahr 1967 hat er den Schnitt gelernt und immer wieder angewendet. Heute sei die Frisur sogar wieder richtig in, "auch wenn das mittlerweile Undercut heißt", sagt Glaser.

Auch wenn er leidenschaftlich gerne Friseur ist: In absehbarer Zeit möchte Karl-Heinz Glaser kürzer treten, mehr Zeit mit der Familie verbringen. Und mit seinen Hobbys: In seiner Freizeit gärtnert er gerne, außerdem war er 48 Jahre lang Fußball-Schiedsrichter.

Leicht fällt ihm das Aufhören nicht - weil es immer noch Spaß macht, aber auch, weil es noch keinen Nachfolger gibt. Geschätzte 70 Stunden Arbeit pro Woche reizten eben nicht jeden, sagt er. "Ich bin jeden Morgen um viertel nach sechs im Salon - auch samstags. Das gehört einfach dazu." Und mehr als zehn Urlaubstage waren in den letzten Jahren auch selten drin.

Dennoch ist der 65-Jährige zuversichtlich, bald jemanden für die Salonleitung zu finden. Und auch, was den Vokuhila angeht: "Der kommt sicherlich bald wieder in Mode."

(kess)