Wesel: Interview mit Christian Strunk vom Kiesunternehmen Hülskens

Interview  Christian Strunk (Hülskens): „Niederrhein ist die beste Kies-Lagerstätte Europas“

Der Geschäftsführer des Weseler Kiesunternehmens Hülskens spricht über perspektivische Risiken durch fehlende Abbaugenehmigungen, die Argumente der Kies-Kritiker und Chancen seiner Branche.

Herr Strunk, als ehemaliger Bürgermeister von Xanten wurden Sie an Wahlergebnissen gemessen, nun sind die Unternehmenszahlen Ihr Maßstab. Wie entwickelt sich Hülskens aktuell, wie entwickelt sich die Lobby Ihrer Kiesindustrie?

Christian Strunk Unser Unternehmen ist über 100 Jahre in dem Bereich aktiv und hat hier eine lange Tradition in Wesel. Wir haben viel Positives an Lebensgestaltung schaffen können. Das ist mit den Rahmenbedingungen, in denen wir uns bewegen, nicht sehr einfach. Kies- und Sandabbau wird von manchen Bürgern kritisch gesehen. Es bricht das Verständnis weg, dabei wohnen wir alle in Häusern, fahren auf Straßen, für die Kies und Sand nun einmal benötigt werden. Wir haben immer verantwortungsvoll gearbeitet, nach dem Abbau Positives für die Region anzustreben versucht. Schauen Sie sich den Auesee an. Schauen Sie sich die Xantener Südsee an. Das hat den Menschen Mehrwert gegeben. Es wird für solche Projekte von uns eher mehr investiert als weniger. Wir sind am Niederrhein zu Hause, wir erreichen hier, dass es wirklich gut wird. Nicht umsonst haben wir für den Lippemündungsraum den Umweltpreis der Stadt Wesel bekommen.

Wie viel Potenzial sehen Sie noch am Niederrhein?

Strunk Der Niederrhein ist eine der besten Lagerstätten Europas, es gibt hier sehr gute geologische Voraussetzungen. Kies ist hier schnell erreichbar, kann kostengünstig gewonnen werden. Der Kies liegt recht flächig in guter Qualität vor. Er ist hier ausreichend körnig, in den Niederlanden hingegen gibt es überwiegend feinen Sand. Beton ist der sozialste und wichtigste Baustoff in unserem Land. Mit Bodenschätzen muss man da arbeiten, wo sie sind. In Westfalen z.B. liegt kein Kies. Deshalb ist der Niederrhein, deshalb sind die Kreise Wesel und Kleve im Fokus. Nicht umsonst haben sich viele Kiesbetriebe, auch die nachgelagerte Industrie wie Betonproduktion hier angesiedelt. Wir sind hier ein Wirtschaftsfaktor.

Es gibt gewisse Parallelen zwischen Kies und Kohle – beide Rohstoffe liegen unter der Erde. Trotzdem gibt es im Rheinischen Braunkohlerevier starke Proteste gegen den Braunkohleabbau, während es am Niederrhein nur dezenten Protest gibt. Woran liegt das?

Strunk Ich finde, dass Kies ein ganz anderes Thema ist. Wir arbeiten nicht so, dass wir ganze Räume, ganze Dörfer wegnehmen. Wir sind in der Nachbarschaft, wollen guter Nachbar sein. Wir produzieren schonend. Wir hinterlassen etwas, wo Mensch und Natur im Einklang sind.

Sie könnten sich also nicht vorstellen, dass irgendwann für Kies auch einmal Dörfer weggebaggert werden?

Strunk Natürlich nicht. Kies und Sand sind ein sehr günstiger Rohstoff. Braunkohle hat eine ganz andere Wertschöpfung. Es gibt bei Kies eine ganz andere Transportsensibilität. Wir können nur auf Flächen abbauen, wo uns die Gemeinschaft einen sinnvollen Ort gibt, wo man bestenfalls auch Natur verbessern oder Hochwasserschutz ausbauen kann. Wir wollen auch gemeinnützig sein, nicht nur gewinnorientiert arbeiten. Wir kommen mit unseren Nachbarn gut aus.

Wie viele Unternehmen Ihrer Branche gibt es am Niederrhein? Wie groß ist also der Wirtschaftsfaktor Kies tatsächlich?

Strunk Sehr groß. Die Branche ist mittelständisch strukturiert. Wir haben uns mit 13 Unternehmen zum Initiativkreis Niederrhein zusammengeschlossen. Da versuchen wir gemeinsam, unsere Positionen in die Öffentlichkeit zu bringen. Es gibt aber auch Konzerngesellschaften wie die Heidelberger Gruppe, die durchaus andere Philosophien hat. Das darf man durchaus kritisch sagen. Die müssen noch stärker auf Wirtschaftlichkeit achten. Wir wollen dauerhaft hier unser Geschäft betreiben. Ich will Menschen ins Gesicht schauen. Das machen Holemans, das machen wir, das machen auch die elf anderen Kollegen.

Welche Abgrabungen haben Sie als Unternehmen Hülskens?

Strunk Unser Abbaugebiet ist Büderich/Ginderich mit Zweigstellen in Xanten und Menzelen, Kamp-Lintfort, Rheinberg. Aber wir haben auch Abbaugebiete in den Niederlanden, in Belgien, auch im Osten Deutschlands. Es sind nur da Abgrabungen möglich, wo im Regionalplan eine Ausweisung vorgenommen worden ist. Da gibt es Vorrangflächen. Die sind sehr knapp. Aktuell wollen wir in Esserden das Abgrabungsprojekt Reeser Welle realisieren. Wir müssen es dort machen, weil wir es anderswo nicht dürfen. Alle Belange der öffentlichen Hand müssen berücksichtigt werden.

Und trotzdem gibt es Proteste, weil immer neue Abgrabungen dazu kommen. In Wesel soll in Histenbruch abgegraben werden, ein Holemans-Projekt. Sie wiederum wollen in Ginderich im Bereich Pettenkaul weiter abgraben.

Strunk Genau, das liegt in der Nähe zu unserem bisherigen Abbaugebiet. Die Reserven für den Gindericher Standort reichen nur noch für zwei Jahre. Das ist eine sehr schwierige Situation für unser Unternehmen. Es fällt eine Menge an Kies weg. Aber daran hängen auch 30 Arbeitsplätze. Diese Mitarbeiter sind in Sorge, wie es weitergeht. Wir müssen alles dafür tun, ein Anschlussprojekt zu haben. In den nächsten fünf Jahren werden am Niederrhein zehn Gewinnungsstätten schließen. Es fallen Millionen Tonnen an Baumaterial weg. Dann gibt es für die Bauwirtschaft ein Problem. Genehmigungsverfahren dauern lange. Die Regionsplanungsbehörden müssen jetzt tätig werden. Das Schwierige: Sie müssen im Kreis Wesel ausweisen, weil es in anderen Bereichen des RVR nichts gibt.

Für wie viele Jahre wäre Pettenkaul Ihr Reservoir?

Strunk Man kann von 15 Jahren ausgehen. Wir hoffen, dass wir als Nachfolgeprojekt Pettenkaul oder Rees zusammen mit Holemans realisieren können. Da kommen viele Störfeuer von den Initiativen.

Was stört Sie an der Position der Initiative.

Strunk Die agiert nur ideologisch. Am Ende ist die Nettoaussage: Wir wollen das nicht. Wir sichern aber die Rohstoffversorgung des Landes und sichern Arbeitsplätze. Gerade in Rees könnte man viel Mehrwert für die Bevölkerung schaffen. Die Eden-Gruppe ist aber sehr engstirnig unterwegs.

Liefern Sie doch einmal Argumente für Ihren Wirtschaftszweig: Können Baggerseen zum Beispiel als Retentionsraum bei Hochwasser dienen?

Strunk Das sehen wir nur in Rheinnähe. Eher profitiert die Natur: Aus Flächen mit intensiver Landwirtschaft wird naturnahe Fläche mit See und Ufer. Wir wollen die Abgrabung da machen, wo es verträglich ist. Pettenkaul wäre in diesem Kontext ein sehr sinnvolles Projekt. Stattdessen werden vom RVR Kiesflächen da ausgewiesen, wo niemand hin will.

  • Marc Schröter (Mitte) vertrat am vergangenen
    Fußball : SVS hofft auf nächsten Auswärtscoup

Sie reden von Obrighoven.

Strunk Genau. Diese Flächen sind viel landwirtschaftlicher geprägt. Man muss neue Wege schaffen, die Infrastruktur verlegen. In Ginderich haben wir ein Kieswerk stehen, bei Obrighoven müssten wir es erst bauen.

Haben Sie im Vorfeld das Gespräch mit dem RVR gesucht?

Strunk Natürlich haben wir das. Es gab aber keine Termine. Anders als in Köln, wo es regelrechte Konferenzen gibt, haben wir hier keine Gespräche führen können. Wir wollen gute Arbeit abliefern, da abbauen, wo es für die Gemeinschaft sinnvoll ist. Darüber machen wir uns tagtäglich Gedanken.

Ein Plan auf dem Reißbrett? Will der RVR Sie hier ärgern?

Strunk Das glaube ich nicht. Da sitzen auch Profis, auch die wollen gute Arbeit abliefern. Es gibt ja auch Argumente dafür. Das Vorkommen an Kies ist dort wohl geologisch einigermaßen in Ordnung.

Landwirte beklagen immer wieder, dass die Kiesindustrie ihnen Fläche wegnehme. Jeder einzelne verkauft am Ende zwar, aber generell fehlen auch den Landwirten Flächen, die nur pachten. Wie ist Ihr Miteinander mit der Landwirtschaft?

Strunk Das klappt. Es ist ein gutes Miteinander. Wir bieten Tauschflächen an. Wir handeln maßvoll. Es ist ja nicht so, dass es hier nicht ausreichend landwirtschaftliche Flächen gäbe. Was man oft vergisst: Die Umnutzung von landwirtschaftlichen Flächen in Wald geschieht viel intensiver als für Kies und Sand. NRW hat in den vergangenen Jahren 30 Prozent mehr Wald erhalten.

Nutzen die Kommunen die Potenziale von Baggerseen ausreichend?

Strunk Das ist ausbaufähig. Wohnen am Wasser ist ein Zukunftsthema. Man sieht es in Xanten-Lüttingen. Ein Wohngebiet unmittelbar am Wasser hat hohe Anziehungskraft. In Xanten hatten wir nie Proteste, weil es da in gutem Miteinander geschah. Wir würden auch gerne mal neue Projekte mit Kommunen machen.

Wenn es hier schwierig würde mit weiteren Abgrabungen: Gäbe es Potenziale über den Niederrhein hinaus?

Strunk Schwierige Frage. Wir wollen hier bleiben, wir stellen ein regionales Produkt her, die Transportwege müssen kurz sein. Im Zweifel ist anderswo auch jemand anderes tätig. Wir müssen das Ruhrgebiet, NRW, versorgen.

Ein Vorwurf der Kiesgegner lautet, dass ein großer Teil des Kieses exportiert würde.

Strunk Das ist doch nichts Schlimmes. Wir sind ein europäischer Markt. Was soll in Zeiten eines Europas ohne Grenzen schlimm daran sein, wenn die Niederländer unseren Kies bekommen, wenn sie ihn selbst nicht in der Qualität haben. Wir sind ein gemeinsamer Raum, die Niederrheinlande. Da kann es doch nichts Schlimmes sein, wenn wir die Niederländer mitversorgen. Die Niederländer wiederum liefern uns das Gas, vom Käse ganz zu schweigen, das ist europäischer Binnenmarkt.

Und über die Niederlande hinaus per Seehafen in die Welt? Wird auch weiter exportiert? Wird ein Turm in Dubai auch aus niederrheinischem Kies gebaut?

Strunk Mineralische Rohstoffe wie Kies sind ein Brot- und Butterstoff, also relativ günstig. Deshalb sind die Gerüchte, dass wir in die Welt exportieren, wirklich haltlos.

Immer wieder hört man, dass Recycling von Baumaterial eine Lösung sein. Jüngst war das Recycling im Kontext der geplanten Südumgehung um die Stadt Wesel wieder ein Thema.

Strunk Das ist eine absolute Mär. Man muss wissen: Wir haben heute schon eine Recyclingquote von 90 Prozent. Diese Zahl ist von der öffentlichen Hand ermittelt. Wenn wir nicht schon 90 Prozent verarbeiten würde, müssten wir Kies- Sandgemisch für alle Straßen als Untergrund nehmen. Dann hätten wir noch viel mehr Baggerseen. Die Quote von 90 Prozent kann man kaum noch steigern. Wenn ein Haus abgerissen wird, wird schon jetzt fast alles wieder aufbereitet. Sehen Sie mal das abgerissene RWZ-Gebäude im Weseler Hafen. Da lag ein Riesenberg an geschreddertem Material. Das wurde gleich in die Körnungsgröße gemacht, um das im Straßenbau verwenden zu können.

Sebastian Peters führte das Interview.