Wesel: Grandioser Tatortreiniger im Bühnenhaus mit Guido Thurk

Guido Thurk in der Hauptrolle : Grandioser Tatortreiniger im Bühnenhaus

Ein grandioses Ensemble des Westfälischen Landestheaters setzte im Bühnenhaus einen überzeugenden „Tatortreiniger“ in Szene

Den Tatortreiniger verbinden Zuschauer mit Bjarne Mädel, der ihn seit 2011 im NDR Fernsehen verkörpert. Das Westfälische Landestheater aus Castrop-Rauxel hat das Geschehen um den Putzmann für Blut und andere Körperflüssigkeiten auf die Bühne verlegt und Guido Thurk mit der Rolle betraut. Es brauchte im Bühnenhaus nicht lange, bis feststand, dass das Ergebnis überzeugte.

Drei Episoden hat Regisseur Ralf Ebeling ausgewählt. Die unter dem Pseudonym Mizzi Meyer von Theaterautorin Ingrid Lausund geschriebenen Szenen gehen satirisch ans Eingemachte. Zunächst geht es um ein 185 Jahre altes Sofa, auf dem schon Brahms, Karajan, Gründgens und diverse Nazi-Größen gesessen haben. Es gehört der 77-jährigen Frau Hellenkamp, die Vesna Buljevic wunderbar blasiert und eiskalt darstellt. Die Maserati-Fahrerin und Golfspielerin hat einen Einbrecher, der ihr Sofa mit einem Messer traktiert hat, kaltblütig ermordet, wie sich im Laufe der Unterhaltung mit Tatortreiniger Heiko Schotte, genannt Schotty, herausstellt. „Ich habe ihn bestraft, damit er das nie wieder tut“, erklärt die resolute Dame und schildert obendrein stolz, mit welch’ perfektem Swing aus „Hüfte, Schulter, Handgelenk“ sie den Einbrecher mit dem Golfschläger ins Jenseits befördert hat. Dass hier sämtliche Werte auf den Kopf gestellt werden, zeigt auch der Beileidsbesuch von Anwalt Jost (Mario Thomanek): „Wer so etwas tut, der hat keine zweite Chance verdient,“ versichert er der alten Dame. Dass sich Schotty nicht überzeugen lässt, sein Wissen um den Mord zu verschweigen, versteht sich von selbst.

In der zweiten Episode um die hochschwangere Silke, die ihrem Sohn den türkischen Namen Özgür geben will, läuft Franziska Ferrari zu Bestform auf. In ihrer Pension kamen ein Architekt und seine Freundin zu Tode. Und während Schotty sich um die blutigen Bettlaken kümmert, streiten sich die beiden, ob es zum Wohle des Kindes sei, ihn Özgür zu nennen, obwohl Silke waschechte Norddeutsche ist. Es geht um Vorurteile und Mobbing, um Rassismus und Integration, um Feminismus und traditionelle Kleinfamilien. Schotty und Silke brillieren mit Wortgefechten, immer wieder unterbrochen von einsetzenden Wehen, die Ferrari sehr lebensnah rüberbringt.

In der dritten, stärksten Episode zeigen Guido Thurk und Mario Thomanek, dass sie richtig gut Theater können, wenn sie die menschenverachtende Kälte der Arbeitswelt aufs Korn nehmen. In einer Consulting-Firma hat sich ein Mitarbeiter die Pulsadern aufgeschnitten. Schotty muss die Spuren beseitigen und wird Zeuge, wie der Chef die Demütigung und Ausbeutung seiner Mitarbeiter zur Perfektion gebracht hat, unter der Fassade des Verständnisses: „Wir sind doch alle nur Menschen“, lautet sein Lieblingsspruch. Der gnadenlose Chef versucht auch Schotty kleinzukriegen, bis er erkennen muss, dass letztendlich Fachwissen weiterbringt als hohle Sprüche. Mit dem grandiosen „Tatortreiniger“ verabschiedet sich das Bühnenhaus bis zum 1. Oktober in die Sommerpause.

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