Wesel entdeckt alte Nikolaus-Bräuche neu

Wesel entdeckt alte Bräuche neu: Tradition lebt auf: Nikolaus kommt per Schiff

Die Katholische Gemeinde St. Nikolaus Wesel ruft nach 35 Jahren heute wieder zum Rhein und lässt auch den Kinderbischof wieder in Aktion treten. Entdecker der alten Tradition ist das Niederrheinmuseum.

Das Team des LVR-Niederrheinmuseums Wesel hat großen Anteil an einer Wiederbelebung von Nikolaus-Bräuchen der besonderen Art. So trat am Donnerstag – vermutlich nach Jahrhunderten – in Kooperation mit der Förderschule am Ring erstmals wieder ein Schülerbischof auf dem Großen Markt in Aktion. Heute tut dies auch die Katholische Kirchengemeinde St. Nikolaus, die außerdem eine weitere schöne Tradition neu installieren will: Wie zuletzt vor 35 Jahren wird der Nikolaus gegen 17 Uhr an der Rheinpromenade mit einem Schiff anlegen und die Kinder begrüßen. Anschließend zieht er mit Musik und den Laternen tragenden Kindern zum Großen Markt. Schiffsankunft und Kinderbischof sollen keine Eintagsfliegen sein, sagt Stefan Sühlig. Der leitende Pfarrer der Großgemeinde St. Nikolaus möchte die Veranstaltungen dauerhaft ins Programm nehmen, um damit auch das Patronatsfest der Gemeinde zu unterstreichen.

Da werden für viele längst erwachsene Weseler Erinnerungen an die Kindheit wach. Schließlich war es enorm spannend, mit der selbstgebastelten Laterne zum Rhein zu gehen, am Steiger auf das Schiff mit dem heiligen Mann zu warten, um ihn dann singend und natürlich auch etwas aufgeregt in die Stadt zu begleiten. Während in Gahlen seit Jahrzehnten der Nikolaus am Kanal abgeholt wird, kommen nun auch die Weseler Kinder wieder in den Genuss dieses Erlebnisses. Erwartet werden die Knirpse aus insgesamt zehn Kindergärten der Weseler Nikolaus-Gemeinde. Außerdem ist jeder große und kleine Gast willkommen.

Unterstützt wird die Veranstaltung von der Weseler Kiesfirma Hülskens zu Wasser und von der Feuerwehr zu Lande. Besonders erwähnt Sühling dabei die Mitwirkung der Jugendwehr in Wesel. Die Tradition der Schiffsankunft ist laut Stefan Sühling besonders in den Niederlanden weit verbreitet. Doch auch in Wesel kam der Schutzpatron der Seeleute und Flussschiffer wohl schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts mal per Boot.

Am Ziel des Umzuges heute wird auf dem Großen Markt aber auch eine wesentlich ältere Tradition aufleben. Im Mittelalter durfte ein ausgewähltes Kind, mit Gewand, Mitra und Bischofsstab ausgestattet, aus dem Rathausfenster an die versammelten Kinder Äpfel verteilen. Die Rolle des Kinderbischofs hat in der Katholischen Kirchengemeinde für dieses Jahr Johannes Jaeger übernommen. Der Zwölfjährige wird mit dem Nikolaus die Kinder begrüßen und am Ende auch Äpfel austeilen. Die Wiederentdeckung dieses Brauchs ist für Sühling Verdienst von Veit Veltzke, dem Direktor des Niederrheinmuseums.

  • Preußen-Museum wird Niederrheinmuseum

Wer den aus dem Preußen-Museum neuerstandenen Kulturtempel mal besucht hat, kennt das Großpanorama des Großen Marktes aus Wesels Blütezeit. Es beinhaltet die Szene. „Bei diesem, erstmals 1526 belegten Brauch handelte es sich darum, dass die Schüler der Weseler Lateinschule (heute Konrad-Duden-Gymnasium) einen der ihren, der aus einer ärmeren beziehungswesie mittellosen Familie stammen musste, zum ,Schülerbischof’ wählten“, erklärte Helmut Langhoff, Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Museums. „Ein Jahr lang durfte der ,Bischof’ nun mit zwei ebenfalls gewählten ,Kaplanen’ jeden Tag an einer Mahlzeit bei Familien seiner wohlhabenderen Mitschüler teilnehmen. Der Stadtrat unterstützte den Brauch, und so wurde die Amtszeit des neuen ,Schülerbischofs’ traditionell im und vor dem alten Rathaus begonnen. Jeweils am Nikolaustag erschien der Schülerbischof in einem Fenster des Rathauses und warf Mitschülern Äpfel zu.“.

Dies stellte mit viel Spaß ein Dutzend Kinder der Förderschule am Ring am Donnerstag an Ort und Stelle nach. Die Acht- bis Zehnjährigen wechselten sich in den Rollen ab. Am Ende hatte jeder mal die selbstgebastelten Äpfel aus einem Fenster des Wesel-Marketings im ersten Stock hinter der rekonstruierten Rathausfassade werfen dürfen.

Marco Kröll, stellvertretender Leiter der Schule, erklärte den Ansatz. Durch das unmittelbare Erfahren und Nachspielen werden den lernbehinderte Mädchen und Jungen geschichtliche Kenntnisse nahe gebracht. Es war eine von zehn Projekteinheiten der Kooperation zwischen der Förderschule und ihrem Nachbarn Niederrheinmuseum.

Freitag, 7. Dezember, 17 Uhr, Rheinpromenade Wesel

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