Wesel: Elke Heidenreich liest im Lutherhaus aus ihrem Buch über den Rhein

Wesel : Heidenreich streichelt niederrheinische Seele

Bei der Lesung im Lutherhaus, von der Buchhandlung Korn organisiert, war die Begeisterung über die bekannte Autorin groß.

Als Pianist Marc Aurel Floros in seinem Intro die Klänge von „Warum ist es am Rhein so schön?“ erklingen ließ, hatte er nicht nur das logische Musikzitat für diesen Leseabend im vollbesetzten Lutherhaus geliefert. Er verfremdete auch die gassenhauerähnliche Melodie, was zum Auftritt von Elke Heidenreich passte. Die bekannte Fernseh- und Radiofrau und insbesondere unterhaltsame Literaturkritikerin hatte schließlich keine Lobeshymne über den Strom der Deutschen parat, ihre literarische Flussfahrt war nachdenkliche, persönliche und lebhaft beschriebene Liebeserklärung in einem.

Was man liebt kritisiert man auch, die Autorin tat es mitunter, wenn sie an industriegesäumtem Ufer entlangschipperte oder das von ihr distanziert betrachtete Ruhrgebiet passiert. Dort wo sie ihre schwere Kindheit verlebt hatte. Zum Schluss ihrer Präsentation von „Alles fließt“, Heidenreichs neuem Buch, liebkoste sie den Niederrhein, entspannte schriftstellerisch dort, wo „alles so breit, so ruhig, so riesig wird, als wären wir mitten auf dem Meer“. Das streichelt die niederrheinische Seele, der Jubel war am Ende groß. Und die Buchhändlerinnen Brigitte und Eva Korn waren glücklich, sprachen von „einem unvergesslichen Abend“. Was will man mehr.

So gut besucht war das Lutherhaus schon lange nicht mehr. Foto: Klaus Nikolei

Elke Heidenreich, gebürtig aus Essen, seit langem in Köln lebend, war zusammen mit ihrem fotografierenden Partner Tom Krausz dem 1200 Kilometer langen Flusslauf gefolgt auf der Suche nach dem Mysterium des sagenumwobenen Rheins. Ausgestattet mit Literatur über den Strom, mit Notizbüchern und viel Seh- wie Gesprächsbereitschaft. Sie begannen bei den beiden Quellen des Rheins in den Alpen, gelangten wandernd, mit Auto und per Schiff auf die verkehrsreichste Wasserstraße Europas bis zur Mündung in die Nordsee. Chronologisch baute Elke Heidenreich ihre Lesung auf, sie beschrieb literarisch, lebendig und persönlich die Geschichten, die der Rhein bei seinem Lauf durch sechs Länder erzählt. Sie tat es souverän, mit einer wirkungsvollen Mischung leiser und lauter Töne, mal lakonisch, mal richtig witzig und mit einem Timing, das bewundernswert klug war.

Man sah, fühlte, roch, hörte den Fluss, den man als niederrheinischer Rheinanwohner eigentlich zu kennen glaubt, auf eine andere Weise. Gut, wenn jemand erzählt, was man als Niederrheiner genau zu wissen meint, aber auf andere Weise als die tägliche Gewohnheit sieht. Dazu erheiterte Elke Heidenreich auf witzige Weise, wenn sie in hartem Akzent die osteuropäische Crew des Schiffes zum Unterhaltungsprogramm auf der MS „Rheinmelodie“ antreten lässt oder dem kölschen Besserwissertum einen satirisch mitgibt. Das hat kabarettistische Qualität. Dass sie in Wesel auf ihrer Rheintour nicht ausstieg, sondern in der Vorbeifahrt die alte Eisenbahnbrücke für ein römisches Viadukt hielt, gesteht sie ein. Doch gut präpariert erwähnte die Kölnerin, was sie sich von Geusenbecher bis Weltkriegszerstörung über die Stadt angelesen hatte.

Wesel finde sie so interessant, dass sie wiederkommen und genauer hinschauen wolle. Auch dafür gab es natürlich viel Beifall.

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