Wesel: Der vergessene Esel

Wesel: Der vergessene Wesel-Esel

Vor elf Jahren bekam die Stadt einen Esel geschenkt. Für einige Wochen war Julius, auch bekannt als Jonathan und Vesalius, ein Star. Die Weseler Bürgermeisterin übernahm sogar die Schirmherrschaft. Dann erlebte das Tier, wie vergänglich Ruhm sein kann.

Eigentlich müsste die ganze Welt diesen Wesel-Esel kennen, denn er ist ja zweifelsohne eigentlich der berühmteste Bewohner der Stadt. Wann immer irgendwo jemand einen Berg nach dem Bürgermeister von Wesel fragt, so schallt es zurück: Eeeeeesel. Damit ist Vesalius gemeint, auch bekannt als Jonathan, auch bekannt als Julius. Er ist der Esel von Wesel.

Foto: Sebastian Peters

Aber leider, und hier beginnt die traurige Geschichte, ist dieser spezielle Esel längst nicht so bekannt, wie er es eigentlich sein könnte. Mehr noch: Vesalius, beziehungsweise Julius, beziehungsweise Jonathan ist ein irgendwie vergessener Esel. Er steht in einem Stall auf einem Campingplatz in Flüren neben anderen Tieren und wartet darauf, dass jemand ihn streichelt. Campingplatzbesitzer Frank Seibt sagt: "Dass es einen echten Wesel-Esel gibt, weiß doch kaum noch jemand in der Stadt." Er selbst nennt ihn längst nicht mehr Vesalius, sondern bei seinem Ursprungsnamen: "Julius". Die Geschichte, dass sein Esel zwischendurch mal Jonathan getauft wurde, hat er gar vergessen.

Die Geschichte mit diesem Esel und Wesel beginnt auf einem Reiterhof der Familie Dahlmann in Stockum/Westfalen: Am 29. Juni 2006 wird der katalanische Großesel dort geboren. Seinen Namen "Julius" erhält er, weil er zwischen Juni und Juli geboren wird - und Junius wohl irgendwie seltsam geklungen hätte. Spätestens, als Julius mit Charlotte ein Schwestereselchen bekommt, wird es eng im Stall.

Da kommt die Weseler Familie Böttcher ins Spiel, die im Juli 2007 auf dem Hof Urlaub macht. Die Familie Dahlmann fragt, ob die Böttchers nicht eine neue Heimat in Wesel für den prächtigen Esel Julius finden könnte. Die Suche gerät zu einem schwierigen Unterfangen, bis sich Thomas Brocker, Chef des Weseler Stadtmarketings, der Sache annimmt. Er vermittelt einen Platz für den Wesel-Esel auf dem Campingplatz der Familie Seibt auf der Grav- Insel bei Flüren.

Am 31. Juli 2007 wird Julius mit einem Transportgespann nach Wesel gebracht. 120 Kilometer, zwei Stunden Autofahrt mit dem Patenonkel Egon Böttcher. In Wesel angekommen, wird Julius schnell zum Star bei den Kindern auf dem Campingplatz. Und auch die Stadt Wesel erkennt, dass dieser Esel einiges an Prominenz bringen könnte. SPD-Bürgermeisterin Ulrike Westkamp kündigt an, eine Schirmherrschaft für das Tier übernehmen zu wollen. Am 10. August 2007 wird Julius auf dem Deich eines alten Rheinarmes der Weltöffentlichkeit vorgestellt. Fernsehteams und Zeitungsjournalisten kommen. Julius ist nun ein klein wenig berühmt.

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Die Stadt Wesel denkt nun darüber nach, wie sie das Tier weiter gewinnbringend vermarkten könnte. Ein Namenswettbewerb wird ausgerufen, Schulen und Kindergärten nehmen teil und allerhand Vorschläge - Fritz, Jakob, Ernst - gehen ein. Eselpate Egon Böttcher geht mit dem Namen "Jonathan Dahlkamp von Stockum zu Wesel" ins Rennen.

Als schließlich am 14. September 2007 dann viele der 111 Esel-Skulpturen am Berliner Tor für einen guten Zweck versteigert werden, soll auch der Name des Wesel-Esels verkündet werden. Bürgermeisterin Ulrike Westkamp teilt feierlich mit, dass der Esel fortan "Vesalius" heißen solle, eine Anspielung auf "Vesalia hospitalis", die berühmte Weseler Gastfreundschaft, die auch vor Esel nicht Halt macht. Der Öffentlichkeitstermin für den berühmten Esel namens Vesalius zeigt aber auch: Das Tier fühlt sich nicht wohl im Rummel. Vesalius geht zurück zu den Seibts auf dem Campingplatz -und dort bleibt er. Als stiller Star.

Der Pop-Künstler Andy Warhol hat den Satz geprägt, dass es für jeden Menschen "15 minutes of fame" (15 Minuten des Ruhms) geben könne. Für Esel dauert die Phase der Berühmtheit, sofern man Julius, Vesalius oder Jonathan heißt, manchmal etwas länger. Doch auch Esel-Ruhm ist vergänglich. Das Weseler Maskottchen, der wahre Bürgermeister, steht jetzt in einem Stall bei den Seibts. Er teilt seine Box mit einem kleinen Pony namens Jerry.

Ab und an erhält er Besuch von seinem Paten und seiner alten Familie. Und natürlich sind da die Kinder des Campingplatzes, die den gutmütigen Charakter schätzen. "Julius ist glücklich hier", sagt Frank Seibt, der das Tier mit seiner Partnerin Tatjana Stillger betreut. Ein hervorragender Fußballer sei dieser Esel, sagt Seibt schmunzelnd. "Im Sommer, wenn er draußen auf der Wiese steht, tritt er gerne gegen ein Ball." Wenn er aber nicht will, so zeigt es sich auch bei einem Fototermin vor Ort, dann macht Julius überhaupt nichts. Dann bewegt er sich nicht von der Stelle. Störrisch ist er dann. Weshalb es vielleicht am Ende auch ganz gut ist, dass Julis nicht der Bürgermeister von Wesel ist. Denn einen störrischen Bürgermeister, den kann man nicht gebrauchen.

Und wenn wir demnächst in den Berg rufen, dann sollten wir genau hinhören. Was ertönt da als Echo, wenn wir "Wesel" rufen. Julius? Vesalius? Jonathan?

(RP)