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Wesel: Das Handwerk bleibt auch in Zeiten von Corona krisensicher

Ausbildungsinitiative Kreis Wesel (Folge 4) : Das Handwerk bleibt krisensicher

Heldenhaft nennt Norbert Borgmann aus Wesel, Obermeister der Innung Heizung-Sanitär-Klima, die Leistung seiner Kollegen in Zeiten der Corona-Pandemie. Und er freut sich über mehr unterzeichnete Ausbildungsverträge.

Abfluss verstopft, Heizung kalt, Dach undicht, Stromversorgung tot: Ohne rasche Hilfe von Fachleuten lässt sich keine Krise meistern. Handwerker sind systemrelevant beziehungsweise gehören zu den sogenannten kritischen Infrastrukturen. Heißt: unverzichtbar. Auch bei jungen Leuten scheint angekommen zu sein, dass Handwerk krisensicher ist, weiterhin goldenen Boden hat. Norbert Borgmann, Obermeister der HSK-Innung (Heizung-Sanitär-Klima) im Kreis Wesel, liest das an steigender Nachfrage ab. Ende April waren bereits 32 Lehrverträge für das am 1. August startende Ausbildungsjahr unter Dach und Fach. Zehn mehr als 2019 zum gleichen Zeitpunkt. Dabei hatte es im März mit elf Verträgen noch normal ausgesehen.

Der Weseler Borgmann glaubt, dass einige unter Voll-Corona-Bedingungen wohl überlegt haben, doch nicht studieren zu gehen. Und der 63-Jährige denkt auch an andere Erkenntnisse. „Ich kann die Welt nicht im Homeoffice retten“, sagt er. „Es braucht auch Problemlöser. Die Leute sind dankbar, wenn du ihnen die Angst nimmst.“ Ein angehender Anlagenmechaniker mit Schwerpunkt Sanitär ist Dustin Scharkowski. Der 28-jährige Weseler ist bei Borgmann im dritten Lehrjahr und hat gerade seine Leidenschaft für ein weiteres Gebiet entdeckt, die Heizung. „Das macht mir viel Spaß, ist total interessant und vielfältig“, sagt Scharkowski. Im Heizungswesen ändere sich derzeit schon durch die fortschreitende Digitalisierung dauernd sehr viel. Den Herausforderungen stellt sich der junge Mann gern, der schon auf dem Weg zu einem Bautechnik-Fach­abitur am Berufskolleg war und durch familiär tragische Umstände erst vergleichsweise spät auf Umwegen mit 26 in die Lehre fand. Seine Berufswahl kann Dustin Scharkowski anderen jungen Leuten, die jetzt auf der Suche nach einer Lehrstelle sind, nur empfehlen.

Bei Borgmann sind derzeit gut 30 Menschen beschäftigt, sechs davon sind Auszubildende. Diese waren alle froh, dass sie gerade in der Zeit der besonderen Beschränkungen weiterhin was zu tun hatten, sagt der Chef. Er bezeichnet Handwerker generell ebenso als Helden in der Krise wie Pfleger. Man habe alles unternommen, was möglich war, um weiterhin Kunden in Notlagen zu helfen und Aufträge abzuarbeiten. Norbert Borgmann, stellvertretender Kreishandwerksmeister sowie stellvertretender Landesinnungsmeister und Vizepräsident des HSK-Zentralverbandes auf Bundesebene, lobt auch die Politik und die Berufsgenossenschaft für schnelle Arbeit. Binnen kürzester Frist seien den Betrieben Regelwerke an die Hand gegeben worden.

Die Auflagen sind nicht ohne und man kann nicht so auf Anfragen reagieren, wie man es gerne möchte, „aber es funktioniert mit totaler Disziplin“, sagt Borgmann und erläutert Teile seiner Umorganisation unter Corona-Vorzeichen: Ab 7.15 Uhr kommen alle 15 Minuten die einzelnen Monteurgruppen auf den Hof. Bereits in Arbeitskleidung und mit eigenen Fahrzeugen, um ÖPNV zu meiden. So geht es dann auch zu den Baustellen. Ab drei Personen im Wagen mit Maske und bei offenem Fenster, wobei der Fahrer zur eventuellen Radarerkennung keine Kappe tragen darf. Desinfektionsmittel gibt es auf den Baustellen nicht, dafür Wasser – zur Not per Kanister – Seife, Papier oder ein eigenes Handtuch. Dixi-Klos sind tabu. Im heimischen Betrieb sind die Duschen derzeit zu, es läuft ein Umbau auf berührungslose Armaturen. Protokolliert wird alles und jedes, auch der Besuch des Autors dieser Zeilen. Bei Kunden muss nachgehakt werde, ob jemand infiziert ist oder unter Quarantäne steht.

„Ich glaube, dass wir das relativ gut im Griff haben“, sagt Norbert Borgmann. Was Leuten wie ihm schwer fällt, sind neue Verhaltensweisen im Umgang miteinander. So geht man in der Firma erst aneinander vorbei und sagt dann „Guten Morgen“ – mit den Händen in der Tasche. Er selbst trägt oft Scheibe statt Maske, weil er den Kunden sehen und selbst gesehen werden will.

Schulungen der Gerätehersteller und Prüfungen laufen online ab. Natürlich gibt es auch Videokonferenzen. Was es nicht gibt, sind Praktika für Interessenten an einer Ausbildung. „Ich kann niemanden testen und auch nicht mit einem Kundendienstmonteur mitschicken“, bedauert Borgmann. Nicht in allen Gewerken ist der Zulauf so gut wie bei der HSK-Innung. Viele Bewerbungsgespräche haben wegen der Pandemie noch nicht stattgefunden. „Die Zusage der Ausbildungsbetriebe, weiter Lehrlinge zu nehmen, ist da“, sagt Borgmann. „Aber viele warten zu lange.“