Was der Arznei-Mangel für Weseler Apotheker im Alltag bedeutet

Wesel : Was der Arznei-Mangel im Alltag bedeutet

Wesels Apotheken-Sprecher Michael Jilek bezeichnet den aktuellen Beschaffungsaufwand als „Wahnsinn“.

Apotheker dürfen kein Rezept ablehnen. Dazu sind sie vom Gesetzgeber verpflichtet. Ob die Frauen und Männer in den weißen Kitteln die Patienten aber zeitnah mit dem vom Arzt verschriebenen Mittel versorgen können steht auf einem anderen Blatt. In Deutschland herrscht eine zunehmende Medikamentenknappheit. Der Mangel ist so alarmierend, dass Ärztepräsident Klaus Reinhardt unlängst eine Arzneimittel-Reserve forderte, weil selbst die gängigsten Produkte für chronisch Kranke fehlen. Michael Jilek, Sprecher der Apotheker in Wesel, glaubt nicht an die Heilkraft dieses Vorschlags. Gleichwohl kann er die Dramatik der aktuellen Lage drastisch schildern und belegen.

„Herz, Schilddrüse, zweimal Krebs, Babyzäpfchen, Antidepressiva, Schmerztropfen...“ Der Büdericher geht einen Stapel Klarsichttüten mit einem guten Dutzend Rezepten durch. Es sind die Sachen, die er derzeit partout nicht besorgen kann. Darüber hinaus geht jeden Tag allein aus Jileks Apotheke eine Liste mit 163 sogenannte Defektmeldungen zu Mitteln in die Welt, deren Beschaffung immer wieder neu versucht werden muss. Wie er machen es alle rund 17.000 Apotheker in der Republik. Und es ist nicht so, dass sie sich nichts einfallen lassen würden. Wenn Ibuprofen 800 nicht zu bekommen ist, dann muss hin- und herkorrespondiert werden, ob stattdessen zwei 400er genommen werden dürfen. Abgesehen vom Kommunikationsaufwand geht auch das nur eine Weile gut. Dann wird Ibuprofen 400 knapp. Und so geht es dann immer weiter, bis die Improvisation an ihre Grenzen stößt.

Zurück zum bürokratischen Beschaffungsaufwand, den Verbandspräsident Thomas Preis für die Apotheker auf zusätzlich sechs Arbeitsstunden pro Woche geschätzt hatte. Jilek glaubt, dass man damit nicht auskommt und nennt das vorgeschrieben Prozedere schlicht „den alltäglichen Wahnsinn“.

Und der sieht so aus: Kunde kommt mit Rezept. Medikament nicht da, erfahrungsgemäß auch nicht rasch verfügbar, muss aber angefragt werden. Ergebnis: nix. Apotheker muss die Anfrage nach zwei Stunden wiederholt versuchen. Bleibt der Kunde bis dahin da? Die Mannschaft der Büdericher Apotheke hat scherzhaft schon erwogen, für den Zeitvertreib der Patienten eine Kaffeebar zu eröffnen.

Deutlich schräger noch wird in der Branche empfunden, was für die Beschaffung von Ersatzmedikamenten mit identischen Wirkstoffen alles zu unternehmen ist. Das reicht von (mehrfachen) Rücksprachen mit Ärzten, Großhändlern und Herstellern bis hin zur schriftlichen Dokumentation dieser Vorgänge. Denn die Krankenkassen prüfen laut Michael Jilek die Rezepte am Ende „auf Punkt und Komma“. Dahinter steckten Verträge der Kassen mit Produzenten, die überdies alle halbe Jahre wechseln würden. So bekomme der Patient das, was für die Kasse günstig sei, „egal, was der Arzt aufschreibt“. Der Apotheker fragt in diesem Zusammenhang, ob man in Deutschland tatsächlich 100 Krankenkassen braucht oder ob deren Aufgabe nicht besser der Staat erledigen kann.

Auf ein gänzlich anderes Feld führt die Frage, warum Medikamente hier überhaupt knapp werden. Michael Jilek vermutet bessere Konditionen auf jenen Märkten, die sich gerade funktionierende Gesundheitssysteme aufbauen. Gemeint sind besonders China und Indien, wo zusammen derzeit etwa 2,7 Milliarden Menschen leben. „Irgendwo muss das Zeug ja bleiben“, sagt Jilek und stellt fest, dass seit etwa zweieinhalb Jahren immer mehr Wirkstoffe nicht lieferbar sind. Auch wandere die Fertigung immer mehr nach Fernost. Verschärft worden sei Mangel im Westen auch schon durch Fälle von verunreinigten Mitteln aus Indien. Unterm Strich sei die Versorgungsmisere aber so komplex und beziehungsreich, dass man sie kurz und knapp gar nicht darstellen könne.

Fest steht: Unser Gesundheitssystem krankt.

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