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Warum die Chefin der Weseler Kinderklinik für ein Impfrecht kämpft

Chefin der Weseler Kinderklinik : „Kinder haben Recht auf Covid-Impfung“

Die Chefärztin der Weseler Kinderklinik, Cordula Koerner-Rettberg, beklagt, dass junge Leute nach einer Infektion langfristig Symptome zeigen. Für sie ist klar, dass auch Kinder geimpft werden sollten.

RP Die Ständige Impfkommission hat sich kürzlich dafür ausgesprochen, nur Kinder gegen Covid zu impfen, wenn sie eine Vorerkrankung haben oder mit Menschen mit hohem Risiko zusammenleben. Was sagen Sie als Chefin der Weseler Kinderklinik dazu?

Koerner-Rettberg Über diese Entscheidung bin ich ein bisschen unglücklich. Das Problem ist nämlich, dass dann nur sehr wenige Kinder geimpft würden. Und zwar nur solche mit wirklich schweren Vorerkrankungen, mit Trisomie 21 und andere schwer chronisch Kranke. Das ist eine sehr kleine Gruppe. Für das Gros der Kinder gibt es also keine Impfempfehlung. Aus meiner Sicht ist die Frage der Risikobewertung nur unzureichend bearbeitet worden. Es geht nicht nur um die Covid-19-Akutverläufe. Das Thema Long Covid kommt in der aktuellen Diskussion nicht vor. Dass manche Erkrankte nach der akuten Erkrankung Symptome wie ständige Erschöpfung bis hin zu Luftnot, neurologischen Störungen oder starkem Schwindel zeigen, darüber muss geredet werden.

Sie haben Erfahrung mit Long Covid in der Weseler Kinderklinik gemacht?

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Koerner-Rettberg Wir haben in den vergangenen drei Wochen einige Kinder im Alter zwischen 14 und 17 Jahren behandelt, die nach einer Covid-19-Infektion langfristig Symptome zeigen. Vor allem Mädchen sind betroffen. Das tückische ist, dass Long Covid ein normal starkes Immunsystem braucht. Bei jungen Erwachsenen von 18 bis 40 sind solche Symptome schon heftig beschrieben. Die Häufigkeiten von Long Covid bei Erwachsenen betragen zehn bis 20 Prozent. Einige sind zum Teil über Monate nicht mehr arbeitsfähig. Aus meiner Sicht ist klar, dass vor diesem Hintergrund auch Kinder geimpft werden sollten.

Gibt es dazu in irgendeiner Form wissenschaftliche Untersuchungen, auf die Sie sich berufen?

Koerner-Rettberg Das UK-Office for National Statistics hat Ende Mai eine Statistik veröffentlicht, nach der 14,5 Prozent der Zwölf- bis 16-Jährigen, die an Covid-19 erkrank waren, noch fünf Wochen später Symptome gezeigt haben. Und eine Kinderklinik in Rom hat mitgeteilt, dass 40 Prozent der jungen Patienten noch vier Monate nach der Covid-19-Erkrankung Beschwerden hatten.

Wie viele junge Long-Covid-Patienten haben Sie konkret in der Weseler Kinderklinik?

Koerner-Rettberg Acht Patienten. Das ist aber nur die Spitze des Eisberges. Diese jungen Menschen haben sich bei uns vor allem wegen Atemwegsbeschwerden vorgestellt. Sie wussten nicht, dass es sich um Long Covid handelt. Wir konnten aber klassische Lungenerkrankungen wie beispielsweise Asthma ausschließen, und die Vielfalt der Symptome mit der typischen Fatigue, Konzentrationsstörungen, Bruststichen, Kreislaufproblemen, Herzrasen, Kopfschmerzen etc. führte zu der Diagnose Long Covid. Das werden in nächster Zeit garantiert noch mehr werden. Um es nochmals deutlich zu sagen: Ich bedaure, dass die Stiko so reagiert hat. Womöglich ging es in Zeiten, wo noch immer nicht genügend Impfstoff vorhanden ist, um eine Abwägung. Ich denke, das ist in die Entscheidung eingeflossen.

Wenn Sie in der Verantwortung stehen würden, welche Empfehlung würden Sie aussprechen?

Koerner-Rettberg Ganz klar: Wir müssen die Kinder impfen. Denn ich bin sicher, dass es immer mehr Long Covid auch bei Kindern und Jugendlichen geben wird. Leider haben wir dazu noch keine Studien aus Deutschland – diese brauchen wir nun ganz dringend. Aber wir Kinderärzte sehen jetzt schon solche betroffenen Kinder, die massiv leiden. Und noch ein anderer Aspekt: Wie Erwachsene haben auch Kinder ein Recht auf soziale Teilhabe. Diese Generation wird eine schwere Last tragen. Wir benötigen die Impfung auch für die Schüler, damit diese an Schule, Sport und Freizeit wieder regelmäßig und sicher teilnehmen können. Und wir brauchen auch Studien zur Sicherheit und Wirksamkeit einer SARS-CoV2-Impfung für Kinder unter zwölf. Diese laufen bereits. Ich hoffe sehr, dass diese Studien Anfang 2022 vorliegen.

Gibt es denn genügend Eltern, die ihre Kinder für solche Studien zur Verfügung stellen?

Koerner-Rettberg Die gibt es. Zumal solche Studien mit größtmöglicher Sicherheit stattfinden. Die Kinder werden gemonitort – also auf alle Nebenwirkungen überwacht. Wenn man den Benefit für die Kinder haben will, braucht man Studien. Auch wir machen Studien für Medikamente für Kinder zusammen mit der Pharmaindustrie. Die Eltern werden massiv aufgeklärt. Der Laie muss sich klarmachen, dass es keine Medikamente für Kinder geben würde, wenn diese Studien nicht durchgeführt würden.

(Wesel)