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Vom Schweinestall ins Kunstquartier: Schermbecker fahren nach Berlin

Arbeit an „Grenzüberschreitungen“ : Vom Schweinestall ins Kunstquartier

Die Schermbecker Künstlergruppe Nebelhorn fährt am Sonntag nach Berlin, um dort vom 13. bis 22. August im Kunstquartier Bethanien ein künstlerisches Projekt zum Thema „Grenzüberschreitungen“ zu gestalten.

Der kurzzeitige Wechsel vom eigenen Atelier im ehemaligen Schweinestall der Stiftung Lühlerheim in die schmucken Atelierräume des Kunstquartiers Bethanien ist für die Mitglieder der Schermbecker Künstlergruppe Nebelhorn schon eine recht aufregende Angelegenheit. Am Sonntagmorgen fährt die Gruppe mit ihrem Leiter Raúl Avellaneda mit einem Lkw nach Berlin, um sich im Kunstquartier Bethanien mit Berliner Interessenten aller Altersgruppen mit und ohne Behinderung künstlerisch mit dem Thema „Grenzüberschreitungen“ zu befassen.

Die Idee zu einem Auftritt der Schermbecker Gruppe in Berlin entstand vor einem Jahr. Mitglieder von Nebelhorn beteiligten sich im September 2018 in Berlin am Kongress „Mitsprache“, dem weltweit größten Kongress von und für Betroffene von sexuellem Kindesmissbrauch aller Kontexte in Berlin. Ausgerichtet wurde die Veranstaltung von dem Betroffenenrat, einem Fachgremium beim Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauch (UBSKM). Mehr als 250 Teilnehmer tauschten in Workshops und Panels Wissen und Erfahrungen aus.

In Gesprächen mit den Veranstaltern und Teilnehmern verwies Raúl Avellaneda auf die von der Gruppe Nebelhorn durchgeführte Ausstellung „Macht-Missbrauch“, die im Herbst 2015 in der Duisburger Cubus-Kunsthalle stattfand und in deren Rahmenprogramm mehrere Referenten sich mit sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in Institutionen und von Erwachsenen befassten. „Die Qualität unserer künstlerischen Arbeit, die man auch von unserer Internet-Seite kannte, war so überzeugend, dass man Interesse an einem Projekt mit uns in Berlin zeigte“, erinnert Avellaneda an die Begegnungen in Berlin. Mit dem Angebot, im Kunstquartier Bethanien arbeiten zu dürfen, kehrten die Schermbecker in ihr Weselerwalder Atelier zurück. Man war sich einig, ein Projekt zum Thema „Grenzüberschreitung“ zu erarbeiten. Die Lebenshilfe Berlin signalisierte eine Förderung des Projektes durch Werbemaßnahmen und durch die Vermittlung von Partnern, die das Projekt unterstützen sollen. Dazu musste erst einmal die Finanzierung gesichert werden.

Bei der Aktion Mensch, die die Arbeit von Nebelhorn seit vielen Jahren schätzt, fanden die Schermbecker Künstler offene Ohren für ihr Anliegen und die Empfehlung, beim Paritätischen Wohlfahrtsverband einen Finanzierungsantrag zu stellen. Das bedeutete ein gehöriges Stück Arbeit für Raúl Avellaneda, um ein förderungsfähiges Konzept für ein 18 Monate währendes Projekt zum Thema „Grenzüberschreitungen“ vorlegen zu können.

Die Bewerbung fiel positiv aus. Wenn sich Nebelhorn an die Vorgaben des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes hält, dann übernimmt die Aktion Mensch die Finanzierung und schrittweise Auszahlung des Förderbetrages. Für die Projektsumme in Höhe von 140.000 Euro muss Nebelhorn einen zehnprozentigen Eigenanteil tragen, der bereits gesichert ist.

Am 1. August begann die Laufzeit des auf 18 Monate angelegten Projektes, das neben den künstlerischen Präsentationen in Berlin auch eine abschließende Ausstellung mit Katalog und Rahmenprogramm in NRW umfasst. Derzeit bemüht sich Avellaneda in Gesprächen mit mehreren NRW-Kommunen, Ausstellungsplätze zu finden.

Zu dem Projekt gehört auch eine wissenschaftliche Begleitung. Diese wird von der Fakultät Rehabilitationswissenschaften der Technischen Universität Dortmund übernommen, deren Mitarbeiterin Monika Schröttle bereits im Jahre 2015 als Referentin bei der Ausstellung „Macht-Missbrauch“ mitgetwirkt hatte.

In den vergangenen Monaten haben die Künstler von Nebelhorn sich Gedanken gemacht, wie sie ihre Projektarbeit in Berlin gestalten wollen. In der Zeit vom 11. bis 23. August wohnt die zwölfköpfige Gruppe im Metropol Hostel Berlin. Tagsüber treffen sich die Nebelhorn-Akteure im Kunstquartier Bethanien. Dort stehen ihnen mehrere Räume zur Verfügung, um sich als 24 Jahre alte Künstlergruppe zu präsentieren und mit Menschen künstlerisch am Thema „Grenzüberschreitungen“ zu arbeiten. Dazu können unterschiedliche Ausdrucksweisen genutzt werden.

„Die Besucher“, so Avellaneda, „werden Gelegenheit haben, anhand von Zeichnungen, Bildern, Collagen, Rauminstallationen, Texten, theatralischen Darstellungen, Tonaufnahmen, Fotografien und Filmen ihre persönlichen Erfahrungen und Meinungen zu der Problematik der Grenzüberschreitungen zu äußern. Vorkenntnisse sind nicht nötig.“

Ziel der Aktionen sei es laut Avellaneda, für das Thema zu sensibilisieren und Lösungen oder Anregungen zu finden.