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Veranstalter Hilmar Schulz aus Wesel übers Überleben in Corona-Zeiten

Weseler Veranstalter im Gespräch : „Faktisch arbeite ich für einen Euro die Stunde“

Veranstaltern wie den „Klanghelden“ geht es in Corona-Zeiten schlecht. Der Weseler Hilmar Schulz hält sich mit Ideen wie einem Pop-Up-Biergarten über Wasser. Für seine Aktion „Kulturerhalten“ bekam er bundesweite Aufmerksamkeit.

Eigentlich könnte die Atmosphäre kaum schöner sein, als an einem belebten Tag im strahlenden Sonnenschein in einem Weseler Biergarten zu sitzen. Wir treffen Hilmar Schulz, Geschäftsführer der Eventagentur „Klanghelden“ und der Initiative „Kulturerhalten“. Im Gespräch lernt man, dass Biergärten nicht nur zum Sitzen da sind und dass es auf die momentane Situation immer zwei Perspektiven geben wird.

Herr Schulz, Sie sind mit Ihrer Agentur Klanghelden Veranstalter und somit von der Corona-Krise stark betroffen. Wie geht es Ihnen nach dem Ende des Lockdowns?

Hilmar Schulz Bescheiden. Also wir haben uns erst 2018 gegründet. 2019 hatten wir ein sehr erfolgreiches Jahr mit einem fünfstelligen Gewinn und circa 100 eigenen Veranstaltungen. Bis zum 13. März haben wir schon die Hälfte des Gewinns von 2019 erwirtschaften können. Der Lockdown hat dann natürlich den Stecker gezogen. Bis zum 31. Oktober sind ja vorläufig alle Großveranstaltungen verboten und von der Durchführung des kulturellen Rahmenprogramms der Landesgartenschau in Kamp-Lintfort mussten wir uns loslösen. Aber es geht irgendwie weiter und wir sehen optimistisch in die Zukunft, dass wir das alles schaffen werden, solange keine zweite Welle kommt. Schließlich sehen wir die Krise auch als Chance.

Wie das?

Schulz Während des Lockdowns haben wir uns zunächst auch mit Autokinos auseinandergesetzt und feststellen müssen, dass dies nicht unser Format ist. Auf der anderen Seite konnten wir dennoch auf Nachfrage unser Quizlabel „Fragemann&Söhne“ mit dem Autokino kombinieren. Dadurch ist beispielsweise eine Kooperation mit der Lichtburg in Dinslaken entstanden.

Welche Veranstaltungen sind denn momentan überhaupt möglich?

Schulz Momentan können wir im Freien Veranstaltungen mit bis zu 100 Menschen ohne Genehmigung durchführen. Auch die Kinos und Theater dürfen wieder öffnen, wobei man auch sagen muss, dass es sich für die Theater wirtschaftlich leider nicht rentiert. Die Klanghelden haben direkt zu den ersten Lockerungen wieder versucht, kleinere Veranstaltungen umzusetzen und dabei die Biergärten für sich entdeckt. Ende Mai hatten wir eine Comedy-Veranstaltung in Dortmund und hier in Wesel planen wir zurzeit einen Pop up-Biergarten auf der Wiese an der Niederrheinhalle mit 400 bis 500 Leuten, bei dem zwischen dem 12. und 16. August auch Markus Krebs und zum Beispiel Stoppok auftreten werden. Gerade kam die erste Anfrage für ein Firmenevent rein, was aber eine Ausnahme sein dürfte. Ansonsten habe ich auch schon von anderen Firmen gehört, die auch wieder größere Konzerte in Stadien auf die Beine stellen wollen. Grundsätzlich nehmen wir erstmal alles an, was wir kriegen können.

Wie wird das organisiert?

Schulz Da wir bei dem Event im August eine Bühne aufbauen wollen, mussten wir neben dem Gesundheitsamt und dem Ordnungsamt auch das Bauordnungsamt mit ins Boot holen. Wenn man unter der vom Innenministerium festgelegten Grenze zu einer Großveranstaltung bleibt, kann man dies genehmigen lassen, wofür wir dann auch ein Hygienekonzept erstellen müssen. In diesem Fall ist das 14 Seiten lang. In dem Beispiel bezüglich anderer Firmen gibt es auch die Idee, vor dem Eintritt Schnelltests durchzuführen und anschließend nur gesunde Menschen ins Stadion zu lassen. Da die Kosten für nur einen Test schon mehrere hundert Euro betragen, kann man sich ja vorstellen, dass sowas nur von großen Firmen getragen werden kann, die bei einem Event über mehrere Tage nicht nur am Eintrittspreis, sondern vor allem auch an dem Verzehr verdienen.

Das klingt erstmal sehr aufwendig. Rentiert sich das?

Schulz Finanziell natürlich nicht, aber das ist auch gar nicht unsere Absicht. Wir machen zwar kein Minusgeschäft, aber von großartigem Gewinn kann man auch nicht sprechen. Vielmehr geht es in dieser Zeit um Zusammenhalt. Durch den Wegfall aller Einnahmequellen in der Veranstaltungsbranche gibt es natürlich schon erste Insolvenzen und es wird wahrscheinlich auch nicht besser, da sich die Welle durch das Verlegen der Veranstaltungen ins nächste Jahr verschiebt. Trotzdem ist Verlegen unsere einzige Chance, die Insolvenz zu vermeiden. Ich arbeite momentan selbst nur samstags im Büro und passe die restliche Zeit auf meine beiden Kinder auf. Die Veranstaltungen dienen daher eher dem Zweck, im Gespräch zu bleiben und das eigene Netzwerk aufzubauen. Daneben haben wir während des Lockdowns mit unseren Ersparnissen noch einmal in Equipment investiert, um möglichst autonom handeln zu können.

Und wie viel der früheren Einnahmen kann man damit generieren?

Schulz Vielleicht zehn bis 20 Prozent, wenn ich so auf 2019 gucke. Früher habe ich 80 bis 100 Karten am Tag verkauft, heute sind es im Schnitt zwei bis drei. Faktisch arbeite ich also für einen Euro die Stunde.

Wie reagieren denn die Kunden darauf?

Schulz Ich sage immer, dass es drei Arten von Kunden gibt. Die, die vollstes Verständnis haben, die, die zwar mürrisch sind, aber trotzdem einer Verlegung zustimmen und die, die uns mit dem Anwalt drohen. Wir als Veranstalter versuchen einfach möglichst viele Events zu verschieben oder Gutscheine auszustellen. Bei Stornierungen müssen wir schließlich das Geld zurückzahlen oder falls wir nur die Tickets vermittelt haben, die Provision wieder abtreten. In diesem Punkt sind wir also sogar abhängig von Dritten und fungieren sozusagen auch als Prellbock zwischen diesen und dem Kunden, wenn es in Bezug auf eine Stornierung Uneinigkeit gibt. Das ist für uns unbezahlte Arbeit, die wir daher auch oftmals weitergeben müssen. Vor allem, da der Kaufvertrag auch durch die nicht erbrachte Dienstleistung nichtig ist.

Sie haben das Format „Kulturerhalten“ erfunden, das bundesweit Resonanz fand. Wie kam es dazu?

Schulz Uns war relativ schnell bewusst, dass die ganze Situation nicht mal eben so ausgestanden sein würde. Daher haben wir zusammen mit der Agentur Onrio-Media aus Düsseldorf eine Facebookgruppe ins Leben gerufen, die erstmal hauptsächlich zur Organisation der Eventbranche dienen sollte. Mittlerweile sind wir ca. 6000 Agenturen, Techniker, Caterer, Künstler und Veranstalter, die sich zum einen untereinander helfen, als auch zum anderen durch „Kulturerhalten“ eine Repräsentation nach außen haben. Das ist für uns sehr wichtig, da wir anders als zum Beispiel Messen keinen Verbänden angehören und daher mehr oder weniger auf uns allein gestellt sind. Mit „Kulturerhalten“ konnten wir bis jetzt sowohl eine Konferenz mit dem CDU-Vorsitzenden des Landtages NRW als auch das Stellen unserer Forderungen in Berlin erreichen.

Und wie sieht es untereinander mit der Konkurrenz aus?

Schulz Das ist der Punkt. Eigentlich ist die Eventbranche nach der Automobilbranche die Stärkste in Deutschland. Für uns ist jetzt aber unter anderem das schlimmste Szenario eingetroffen: Wir können nichts mehr planen und müssen irgendwie um unser Überleben kämpfen. Auch ich habe zwischenzeitlich Bewerbungen geschrieben, da ich meinen Unterhalt gesichert sehen wollte. Es bringt uns aber nichts, die Ellenbogen auszufahren und als kleine Firmen oder Solounternehmer auf dem Verdrängungsmarkt mitzumischen. Wenn man den Prognosen Glauben schenken mag, dass bei ähnlichem Verlauf am Ende des Jahres eine Marktbereinigung vorgenommen wurde und 30 bis 40 Prozent der Veranstaltungsbranche verschwunden sind, kann man zwar mit einer guten Aufstellung nach der Krise mehr Gewinn machen und wachsen, aber es werden auch immer neue Firmen nachkommen. Vielmehr ist es für uns wichtig, dass wir zusammen als Gruppe wachsen, sodass wir mit- und voneinander profitieren können und neue Projekte ins Leben rufen.

Auch mit der Night of Lights, bei der Gebäude Rot bestrahlt wurden, wurde auf die Veranstalterszene aufmerksam gemacht? War das ein Fortschritt?

 Schulz Bei der Night of Lights haben wir die Idee mit „Kulturerhalten“ kooperativ unterstützt. Das Großartige war natürlich, dass die Night of Lights eine so große Solidaritätsbekundung unter unterschiedlichsten Akteuren gewesen ist und das Ziel der Veranstalter, es in die Tagesthemen zu schaffen, wurde schließlich auch erreicht. Ich persönlich fand es gut, dass bei den Reden nicht vorwiegend gejammert wurde, sondern dass die klaren Vorschläge im Mittelpunkt standen. Marek Lieberberg von Live Nation und Gründer von Rock am Ring hat ja bereits für Großveranstaltungen Wege aufgezeigt.

Wie schätzen Sie das Handeln der Politiker in der momentanen Situation ein? Frustriert Sie das Verhalten gegenüber der Kultur?

Schulz Frustration ist das falsche Wort. Eher Unverständnis. Die Politik hat uns einfach nicht auf dem Schirm oder traut sich nicht, uns zu unterstützen, weil wir so vielfältig sind. Bei uns gibt es keinen festen Ansprechpartner, sondern nur kleine Gruppen oder Solisten, mit denen man sich einzeln auseinandersetzen muss. Man kann die Eventbranche vielleicht mit einem Pilz vergleichen, der aus einem großen Geflecht besteht. Ich sehe das Problem, dass Frau Grütters als Kulturstaatsministerin eher aus der Hochkultur kommt und daher weniger Berührungspunkte mit der freien Kultur hat. Außerdem ist der Ansatz von Markus Söder, dass die Arbeit wichtiger sei als in die Disco zu gehen, einfach nur absurd. Dabei wird schon mal schnell vergessen, dass an der Disco auch viele Arbeitsplätze hängen. Darüber hinaus fällt es vielen freien Künstlern schwer, sich in eine Grundsicherung zu begeben, da sie mit der Entscheidung, selbstständig zu sein und frei zu arbeiten, nicht kompatibel ist. Dazu kommt, dass viele Angst haben, wie es nach den ersten Monaten weitergeht, da dann ihre private Altersvorsorge nicht mehr geschützt wird. Allerdings werden viele in diese Situation gedrängt, da die Soforthilfe nur für Betriebskosten exklusive der Lohnkosten verwendet werden darf. Da der Soloselbstständige kaum Betriebskosten hat, kommt für ihn kaum etwas dabei rum und er muss weiterhin die Krankenversicherung und den Lebensunterhalt aus den Ersparnissen bezahlen. Für mich besteht also ein Gefühl von Vernachlässigung und Unverständnis, da sich in der schrittweisen Lockerung zum Beispiel drei Personen nebeneinander im Flugzeug, aber nicht im Theater befinden durften und die staatliche Hilfe aus zuvor genannten Gründen ein Witz ist. Trotzdem denke ich, dass die Politik vom Grundsatz nicht falsch handelt und sehe auch die Fortschritte in der Digitalisierung oder das Homeoffice und Kurzarbeitergeld, was vielen Angestellten wahrscheinlich geholfen hat. Der Eventbranche bringt es aber nichts.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Schulz Auf jeden Fall einen Impfstoff. Und dass die Leute, die Ticket gekauft haben und nicht auf das Geld angewiesen sind, Verständnis haben und ihre Tickets für einen Ersatztermin behalten, damit meine Firma am Markt bleiben kann. Naja, und irgendwann halt auch wieder Normalität.