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Unsere Woche: Unerträglich selbstherrlich

Unsere Woche : Unerträglich selbstherrlich

Mit dem Oberhausener Spatenstich feiern sich Spitzen aus Bund und Land sowie von der Bahn. Doch am Niederrhein ist Kampf um besten Schutz noch nicht zu Ende.

Wir mussten gestern nicht über den Atlantik nach Washington schauen, um Menschen mit krankhaft übersteigertem Narzissmus zu erleben. Ein Blick aufs nahe Oberhausen reichte. Außerdem waren da gleich mehrere Herren zu bestaunen, die uns weismachen wollten, wie toll das nun offiziell gestartete Projekt Bahnstreckenausbau wird. Entgegen besseren Wissens wurde dort der breite Protest an der Strecke von Oberhausen bis Emmerich ausgeblendet. Ronald Pofalla vom Bahnvorstand sah Lücken im europäischen Netz geschlossen und sprach von konstruktiver Kritik der Bürgerinitiativen, die zu einigen Verbesserungen geführt habe. NRW-Verkehrsminister Michael Groschek hielt den Ausbau für eine Stärkung des Landes als Logistikdrehscheibe Nummer eins und als Jobmotor. Der Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesverkehrsministerium Enak Ferlemann meinte gar, dass von verbessertem Schallschutz alle Anwohner profitieren. Kurz: Der Spatenstich war eine unerträglich selbstherrliche Bejubelung zum Start ins Wahljahr.

Nicht zuletzt in Oberhausen wird das milliardenschwere Vorhaben ganz anders beurteilt. Schließlich klagt die Stadt gegen den Planfeststellungsbeschluss für ihren Abschnitt. Andere Kommunen werden folgen. Auch Wesel bereitet sich darauf vor. Bester Lärmschutz für die Anwohner, das von den Feuerwehren geforderte Sicherheitskonzept und verträgliche Lösungen für Stadtentwicklung und -gestaltung sind weiter die Knackpunkte. Tausende kämpfen eine gefühlte Ewigkeit dafür und verzweifeln schier an der Sturheit der (Eisenbahn-)Behörden und der gestern wieder demonstrierten Realitätsferne der Politiker. 2017 jährt sich zum 25. Mal die folgenreiche Unterzeichnung des Vertrags von Warnemünde. Die Niederländer legten unmittelbar los und bauten eine hochmoderne Güterzugstrecke. Während die Züge längst in Massen durch unser Land rumpeln, beginnt hier gerade mal ein Ausbau, der nichts Anderes ist als das Ergebnis einer Wahl zwischen Pest und Cholera. Da sind die Sprüche von gestern blanker Hohn.

(RP)