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Sterben mit Covid-19: Eine Angehörige berichtet über 31 Tage des Leidens

Sterben mit Covid-19 : 31 Tage

Einen Monat lang hat Astrid Petersen gehofft, dass ihr Mann Covid-19 übersteht. Dann lässt sie die Maschinen im Universitätsklinikum Essen abschalten. Von der Einsamkeit des Leidens und Sterbens.

Bis Astrid Petersen ihre Hoffnung aufgibt, dauert es 31 Tage. Als ihr Mann auf die Intensivstation kommt, hofft sie. Als ihr Mann beatmet wird, hofft sie. Als ihr Mann in die Uniklinik kommt, hofft sie. Ich habe die meiste Zeit gehofft, dass es gut ausgeht, sagt sie. Die Hoffnung, sagt man, stirbt zuletzt. Aber das stimmt nicht.

Tag 31 fällt auf Freitag, den 2. Oktober. Wie jeden Morgen ruft Astrid Petersen auf der Covid-19-Station des Universitätsklinikums Essen an. Doch dort hebt niemand ab. Petersen, 50, kennt das. Sie weiß, dass Ärzte und Pfleger viel zu tun haben, sehr viel. Sie weiß noch nicht, was sie in den Minuten zu tun haben, in denen sie anruft.

An diesem Freitag hat Astrid Petersen ein schlechtes Gefühl. Sie schiebt es, wie an jedem der vergangenen 30 Tage, beiseite. Ich bin Mutter, sagt sie, ich kann ja nicht alles fallenlassen, weil ich mit der Situation nicht klarkomme.

Der Vormittag von Tag 31 ist bereits verstrichen, als das Telefon von Astrid Petersen klingelt. Wir haben den ganzen Morgen gekämpft, sagt der Arzt, Sie sollten sofort kommen. Es ist der Moment, in dem ihre Hoffnung stirbt. Ihr Mann Torsten, 55, aber lebt noch.

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Astrid Petersen muss nach Essen, aber sie ist unfähig, Auto zu fahren. Die Fahrt von ihrem Haus, das irgendwo zwischen Dinslaken und Hamminkeln im Kreis Wesel steht, zur Uniklinik in Essen dauert gute 45 Minuten. Ihre Freunde sind arbeiten, seine Eltern sind früh gestorben, ihre Mutter auch, ihr Vater lebt in Hamburg. Petersen fragt daher den Leihopa von Leon, ihrem neunjährigen Sohn, ob er sie nach Essen fahren kann.

Die Ärzte erklären Astrid Peter­sen, was am Morgen passiert ist. Ihr Mann, Leons Papa, hatte Hirnblutungen. Starke, sehr starke Blutungen. Bei dem Versuch, sie zu stillen, erlitt er einen septischen Schock. Ein Leben ist nicht mehr möglich, sagen die Ärzte.

Sie ist an diesem Freitag allein. So, wie sie in den 30 Tagen zuvor allein war. So, wie ihr Mann zuvor allein war. So, wie sie beide zuvor allein gelitten haben. Er an der Krankheit und an der Einsamkeit. Sie an der Einsamkeit und an dem Wissen um sein Leid. Covid-19 heißt: allein leiden, allein sterben.

Astrid Petersen steht an Tag 31 im Universitätsklinikum Essen und muss eine letzte Entscheidung treffen. Sie ruft niemanden an, ihren Sohn nicht, was soll der auch sagen, ihre Freunde nicht, was sollen die auch sagen. Sie sagt den Ärzten das, worauf sie sich mit ihrem Mann schon vor dieser Pandemie geeinigt hat: Schaltet die Maschinen ab.

Es ist ein überaus freundlicher Dezembermorgen, an dem Astrid Petersen die Richtung vorgibt. Hier links, einmal rechts, gerade rüber. Ein Waldstück am Niederrhein, der Boden ist noch matschig vom letzten Regen. Sonnenstrahlen dringen durch die Baumkronen, der Tau verzieht sich allmählich. Sie trägt einen knielangen Daunenmantel, einen rotkarierten Schal, einen kurzen Pferdeschwanz und FFP2-Maske.

Spaziergänge helfen, das Unerträgliche auszusprechen. Man kann den Zuhörer ignorieren, wenn man auf den Boden oder nach vorne schaut. Man kann sprechen und auf Augenkontakt verzichten. Astrid Petersen schaut, während sie spricht, meistens auf den Boden. Sie spricht unter ihrer Maske aus, was unerträglich ist. Jogger kommen ihr entgegen. Eine Frau mit Stirnband wäscht hüpfend ihre Walkingschuhe in einer Pfütze ab.

Astrid Petersen erzählt an diesem Morgen chronologisch von den 31 furchtbarsten Tagen ihres Lebens. Sie erzählt die Geschichte einer Frau, die ihren Mann verliert. Sie erzählt die Geschichte eines Kindes, das seinen Vater verliert. Sie erzählt die Geschichte eines Mannes, der sein Leben verliert. Es ist eine Geschichte, die allein in Deutschland jeden Tag hundertfach neu entsteht. Es ist die Geschichte der Familie Petersen.

Tag 1 fällt auf Mittwoch, den 2. September. Torsten Petersen hat Fieber. Seine Hausärztin attestiert ihm eine Grippe, einen Test auf das Virus Sars-CoV-2 führt sie nicht durch. Weil es ihm nicht gut geht, begibt er sich in ein Krankenhaus in Dinslaken. Wenig später schreibt er seiner Frau Astrid bei Whatsapp: Bin positiv. Es ist der Tag, an dem sich beide das letzte Mal bei Bewusstsein sehen.

Für Astrid Petersen beginnt eine Zeit, in der sie viele Fragen hat, aber kaum Antworten. Sie informiert unmittelbar nach der Nachricht ihres Mannes das Gesundheitsamt über den positiven Corona-Test. Sie informiert Freunde, Bekannte und Eltern von Leons Klassenkameraden. Mutter und Sohn stellt das Amt unter Quarantäne. 14 Tage dürfen sie das Haus nicht verlassen. Auch nicht, um Torsten Petersen im Krankenhaus zu besuchen.

Jeden Tag geht es Torsten Petersen schlechter. Mal, erzählt seine Frau, gibt es eine positive Nachricht, kurz danach zwei schlechte. Astrid Petersen fragt sich, ob ihr Mann in einem Krankenhaus in Dinslaken gut aufgehoben ist, ob sie sich dort genug auskennen mit Covid-19. Ihre Freundin, eine Lungenfachärztin, beruhigt sie. Ja, die Ärzte wissen, was sie tun, sagt sie.

Aber die Sorgen werden nicht weniger. Astrid Petersen malt sich aus, wie es ihrem Mann gehen muss auf der Covid-19-Station in Dinslaken. Sie weiß, wie selten die Pflegekräfte in die Zimmer der Patienten gehen. Weil der Aufwand, jedes Mal neue Schutzkleidung anzulegen, groß ist. Weil die Gefahr, dass sie, die gegen Covid-19 kämpfen, selbst daran erkranken, groß ist. Was passiert mit ihm, wenn er plötzlich keine Luft mehr bekommt, fragt sich Astrid Petersen.

Unter Quarantäne halten sich Mutter und Sohn an alle Auflagen. Sie verlassen das Haus nicht, lassen für sich einkaufen. Die einzige Verbindung der Familie Petersen ist das Telefon. Die Qualität der Telefongespräche nimmt mit fortschreitender Krankheit ab. Ein Mensch, der kaum atmen kann, kann nicht sprechen. Astrid Petersen sagt, dass sie auch mal Schnaps trinkt, um das auszuhalten. Sonst trinkt sie nicht.

Nach einer Woche wird Torsten Petersen auf die Intensivstation verlegt. Am Telefon fleht er, intubiert zu werden, er bekommt keine Luft mehr. Astrid Petersen weiß, dass seine statistischen Überlebenschancen dann deutlich sinken. Sie sagt: „Komm, kämpf. Kämpf für uns.“

Es ist die dritte Woche im Krankenhaus Dinslaken. Die Quarantäne der Petersens ist aufgehoben, ein Schnelltest beim Roten Kreuz ist negativ. Astrid Petersen macht sich auf, ihren Mann zu besuchen. Im Krankenhaus angekommen, nimmt ein Arzt sie zur Seite und erklärt, dass der Besuch ausfallen muss. Ihr Mann werde nun intubiert, es gehe nicht mehr anders. Er hechelt wie ein Hund, sagt der Arzt.

Was genau ein Mensch wahrnimmt, wenn er intubiert wird, darüber gibt es unterschiedliche Meinungen. Während er einen 25 bis 30 Zentimeter langen Kunststoffschlauch in der Luftröhre hat und beatmet wird, befindet sich der Mensch durchgehend in einem schlafähnlichen Zustand, wie im künstlichen Koma. Die letzte Chance auf ein Gespräch zwischen Torsten und Astrid Petersen ist verstrichen.

Beide haben früh weite Teile ihrer Familie verloren, also haben sie wieder nach einer gesucht. Er in Oberhausen, sie in Hamburg. 2006 finden sie sich auf einer Plattform im Internet. Und das, obwohl beide ihren Suchradius auf 150 Kilometer begrenzt haben. Astrid Petersen sagt, der Computer hat sich wohl verrechnet. Wie bei Mono­poly, wenn es heißt, Bankirrtum zu deinen Gunsten.

Aus dem Computerfehler entsteht eine Familie. Sie, unglücklich in Stadt und Studium, zieht für ihn ins Ruhrgebiet. Einen Ruhrpottler kriegt man nicht aus seiner Heimat weg, sagt Astrid Petersen. Seine Heimat wird nun ihre Heimat. Sie kaufen ein Haus am Niederrhein und bringen Leon auf die Welt, ihren Sohn. Es ist ein 14 Jahre währendes Glück.

Nach der Intubation dauert es zwei Tage, bis die Ärzte in Dinslaken Torsten Petersen in die Universitätsklinik Essen verlegen. Sein Zustand ist noch einmal schlechter geworden. Der Transport eines intubierten Covid-19-Patienten ist kompliziert. Eigentlich sollte er um 15 Uhr starten, Astrid Petersen sagt deswegen ihren Besuch ab. Der Wagen mit ihrem Mann fährt dann erst spät am Abend.

Auch wenn alle Nachrichten, die sie bekommt, schlecht sind, hofft Astrid Petersen. In einer Uniklinik, glaubt sie, könne ihrem Mann besser geholfen werden als in Dinslaken. Jetzt geht es aufwärts, jetzt wird es besser, sagt sie. Eine Woche lang darf sie ihn nicht besuchen, es gibt eine Besuchssperre für Covid-19-Patienten. Sie darf nur ins Zimmer hineinsehen, durch ein Fenster.

Fünf Tage nach der Intubation, es sind die letzten Tage des Septembers, bitten die Ärzte Astrid Petersen in die Uniklinik. Man müsse einen Luftröhrenschnitt durchführen, sagen sie, damit ihr Mann etwas selbstständiger atmen kann. Astrid Petersen gibt ihr Einverständnis. Zur gleichen Zeit wird ein Betreuungsverfahren eingeleitet, damit Astrid für Torsten Petersen entscheiden kann. Sie steht an der offenen Tür seines Zimmers, erzählt es ihm. Es ist das vorletzte Mal, dass er ihre Stimme hört.

An Tag 31, dem 2. Oktober, als die Ärzte fragen, ob sie die lebenserhaltenden Maschinen abstellen sollen, überlegt Astrid Petersen, wie sie sich von ihrem Mann verabschiedet. Wie lange dauert so ein Sterbeprozess?, fragt sie sich. Astrid Petersen zieht einen Kittel an, Handschuhe, FFP2-Maske, Schutzbrille, und setzt sich an das Bett ihres Mannes. Sie sagt, du musst keine Angst haben, du kommst jetzt zu deiner Schwester. Sie sagt, du musst keine Angst haben, ich passe auf Leon auf. Sie sagt, ich verspreche es.

Sterben, sagt Astrid Petersen beim Spaziergang in der Dezembersonne im niederrheinischen Wald, dauert gar nicht lange. Nach der Hoffnung stirbt ihr Mann, 31 Tage nach seinem positiven Corona-Test. Einzige bekannte Vorerkrankung: Bluthochdruck.

Anfangs hat Astrid Petersen überlegt, ob sie den Arbeitskollegen ihres Mannes, bei dem er sich wahrscheinlich angesteckt hat, anzeigt. Er sei, so erzählt sie es, mit Symptomen ins Büro gekommen. Rechtsanwälte haben ihr von der Anzeige abgeraten. Sie sagt, es sei schwierig zu sagen, du bist schuld, du warst das. Er sei derjenige, der mit der Schuld leben muss, ich weiß nicht, wie fair das ist, sagt sie.

In der Schule will die ganze Klasse mit Leon trauern, aber das will er nicht. Er will sein Leben weiterführen wie bisher. Eines Morgens erzählt Leon seiner Mutter, er habe geträumt, dass Papa zurückkommt. Astrid Petersen sagt ihm, dass das nicht stimmt. Leon sagt, doch, ich habe es geträumt. Seine Mutter fragt ihn, ob Emma wiedergekommen ist, seine Katze. Nein, sagt Leon.

Zwei Monate nach der Beerdigung ihres Mannes ist Weihnachten, das Fest der Familie. Gäbe es Leon nicht, würde sie Weihnachten nicht feiern, sagt Astrid Petersen. Aber sie hat Torsten versprochen, dass sie auf ihren Sohn aufpasst. Und dazu gehört auch, dass sie Weihnachten ­feiern.

Astrid Petersen hat Geschenke für Leon gekauft, sie packt sie auch ein. Sie werden auch etwas essen an Weihnachten, so sagt sie das. Und sie hat einen Weihnachtsbaum gekauft, einen kleinen. Den werden die Petersens auch schmücken. Mit Fotos von Torsten, ihrem Ehemann und Vater.

Familie Petersen und ihre Mitglieder heißen eigentlich anders. Auf ihren Wunsch haben wir die Namen geändert, sie sind der Redaktion bekannt.

Dieser Text ist am 7. Juni 2021 mit dem Axel-Springer-Preis für junge Journalisten in der Kategorie Lokaljournalismus ausgezeichnet worden.