Wie Kühe in Brünen für das Kartenspiel sorgen

Tradition in Hamminkeln : Wie Kühe in Brünen für das Kartenspiel sorgen

Die St.-Johann- und die Jungschützen treffen sich immer am 3. Januar. Schuld daran ist eine alte Tradition: Es geht um Kühe und Milch.

Der 3. Januar ist bei den Brüner Schützen mittlerweile – oder sollte man sagen wieder? – ein überaus geschätzter Feiertag. Dann steht sowohl für die Jungschützen als auch für die von St. Johann das so genannte Neujahrskarten auf dem Programm. Was andernorts allenfalls für ein verwirrtes Stirnrunzeln sorgt, ist für die Brüner eine liebgewonnene Tradition, die sie nicht missen mögen.

Die Mitglieder von „Zönnt Jann“ treffen sich bei Majert und die Jungschützen schräg gegenüber im Saal Golwotz, um Karten – genauer gesagt Doppelkopf – zu spielen und dabei das eine oder andere geistige Getränk zu sich zu nehmen – ausführlicher Dorfklatsch natürlich inklusive.

Rolf Brögeler, Ehrenpräsident von St. Johann, Dirk Holsteg, amtierender Präsident, sowie Bodo Witzler vom Vorstand wissen genau, warum es das Neujahrskarten am 3. Januar gibt. Die Kühe sind schuld, oder besser gesagt, deren Milch. Die musste früher in die im Jahr 1892 geöffnete Brüner Molkerei gekarrt werden. Dabei muss man wissen, dass nicht nur die Landwirte, sondern auch viele Brüner Handwerker sich ein wenig Milchvieh für den Eigenbedarf hielten oder den einen oder anderen Groschen dazuverdienen wollten. Und so schlossen sich die Brüner zu so genannten Melkkören zusammen – sozusagen ein landwirtschaftlicher Vorläufer der heutigen Fahrgemeinschaften.

Nur, dass nicht Personen, sondern Milchkannen transportiert wurden. Reihum war jeder einmal in der Woche dran, belud die schmale, aber lange Milchkarre mit den Kannen der Nachbarschaft und machte sich auf den Weg zur Molkerei, Bestellungen wie Butter oder Buttermilch inklusive. Und mit den geschrubbten Milchkannen und den Waren ging es dann wieder retour.

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Aber irgendwann muss ja mal abgerechnet werden. Und das taten die Brüner Melkköre immer am 3. Januar. Denn zwischen den Jahren ruhte die Arbeit auf den Höfen, das Vieh wurde zwar versorgt, aber ansonsten lief der Arbeitsalltag auf Sparflamme. Oft hatte das Gesinde in dieser Zeitspanne auch Urlaub, um die eigenen Familien zu besuchen.

Am 4. Januar hieß es für sie wieder „Antreten“. Der Tag vor Arbeitsantritt war für die Brüner deshalb der große Tag der Abrechnung. In der Molkerei trafen sie sich, schauten, wem wie viel Milch- und Fahrgeld zusteht, und traten anschließen zum gemeinsamen Kartenspielen den Gang in die Brüner Kneipen an, von denen es zu Hochzeiten wohl ganze 22 gegeben haben muss. Rolf Brögeler und Dirk Holsteg erinnern sich noch gut daran, wie sie selbst die Milch aus der Nachbarschaft zur Molkerei kutschiert haben.

Die Zeiten wurden schließlich moderner, die Fahrgemeinschaften starben aus – damit leider auch das Neujahrskarten. Doch die Jungschützen ließen den Brauch Mitte der 1980er Jahre wieder aufleben, der Schützenverein St. Johann folgte kurze Zeit später. Seitdem spielen sie alle immer am 3. Januar Doppelkopf.

Mittags besuchen „Zönt Jann“ die Jungschützen und wünschen ein frohes neues Jahr, nachmittags läuft es umgekehrt. Und es fließt – wie damals – der eine oder andere Tropfen die Kehle herunter.

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