Wesel: Ferdinand Karos im Interview über Gewalt auf den Fußballplätzen

Interview : „Wir brauchen im Fußball mehr Vorbilder“

Der 62-Jährige gehört dem neuen Lehrstab Konfliktmanagement im Fußball-Verband Niederrhein an.

Ferdinand Karos ist ein ausgeglichener Mensch. Der 62-Jährige spricht mit Bedacht, wählt seine Worte bewusst, Pauschalurteile liegen ihm fern. So scheint Karos für den neu vom Fußball-Verband Niederrhein eingerichteten Lehrstab Konfliktmanagement wie gemacht zu sein. Seit dem Jahreswechsel ist der Kranenburger, selbst jahrelang als Unparteiischer im Fußball-Kreis Kleve/Geldern aktiv, Mitglied des fünfköpfigen Teams, das physischer und verbaler Gewalt auf dem Sportplatz den Kampf ansagt.

Herr Karos, was umfasst Ihre Aufgabe als Konfliktmanager beim Fußball-Verband Niederrhein?

Ferdinand Karos Wir wollen als Lehrstab präventiv einer Entwicklung entgegenwirken, die wir alle seit Jahren beobachten: die Verrohung der Gesellschaft und eine stärkere Neigung zu Gewalt auf dem Sportplatz. Unser Lehrstab besteht aus Experten verschiedener Fachbereiche. Gemeinsam wollen wir Qualifizierungsmaßnahmen für Vereine, Mannschaften und Trainer durchführen, um eines klarzumachen: Die Fäuste dürfen auf dem Fußballplatz niemals eingesetzt werden.

Wie gewalttätig geht es denn auf den Plätzen im Fußball-Kreis Kleve/Geldern zu?

Karos Wir leben hier noch in einer heilen Welt. Wir sehen in den Fußball-Kreisen um uns herum, dass Gewalt zunimmt. Zum Glück kommt das bei uns selten vor.

Das liegt woran?

Karos Der Fußball ist, deutlich mehr als andere Sportarten, ein Spiegelbild der Gesellschaft. Daher würde ich sagen: Bei uns auf dem Land geht es sehr viel gemütlicher zu, daher ist es auch auf unseren Fußball-Plätzen ruhiger. Gewaltausbrüche sind im Kreis Kleve die Ausnahme. In den Großstädten knallt’s eben häufiger.

Ist es Fakt oder gefühlte Realität, dass in gewalttätige Auseinandersetzungen auf Sportplätzen häufig Menschen mit Migrationshintergrund verwickelt sind?

Karos Das kann ich nicht bestätigen. Vielleicht schauen wir bei Ausländern genauer hin, ich kann allerdings versichern: Es kommt auf Fußballplätzen häufig genug vor, dass Deutsche aufeinander losgehen. Außerdem weise ich darauf hin, dass Diskriminierung und Rassismus zunehmen.

Sie sprechen das Themenfeld der psychischen Gewalt an. Wie groß ist das Problem?

Karos Vermutlich größer, als wir glauben. Beleidigungen gegen Schiedsrichter sind alltäglich geworden, gerade von Zuschauern. Als ich noch Schiedsrichter war, habe ich bei Äußerungen von der Seitenlinie nie hingehört. Ich habe die Meinung vertreten: Wer am lautesten schreit, hat am wenigsten Ahnung. Aber nicht jeder Schiedsrichter kann damit gut umgehen. Das ist auch der Grund dafür, dass regelmäßig junge Schiris nach wenigen Begegnungen wieder aufhören.

Wie wirkt man dem entgegen?

Karos Wir müssen unbedingt das Bewusstsein aller Beteiligten schärfen. Dafür ist es wichtig, dass wir mit unseren Schulungen mehr Menschen erreichen. In den Lehrgängen machen wir Trainer und Spieler darauf aufmerksam, welche Folgen Gewalt haben kann und wie man seine Impulse unter Kontrolle bringen kann. Dieses Bewusstsein ist auf allen Ebenen wichtig: in der Bundesliga, der Kreisliga C und im Jugendfußball.

Wie bekommt man Eltern beruhigt, die bei Jugendspielen für hitzige Stimmung sorgen?

Karos Neulich habe ich von einer guten Methode gehört: In den Niederlanden hat man bei Jugendspielen Karten an die Eltern verteilt, auf denen stand, wie die Kinder sich wünschen würden, dass sich ihre Eltern auf dem Platz verhalten. Wenn Eltern damit konfrontiert werden, wie sie sich mitunter benehmen, kann ein Umdenken eingeleitet werden. Ich halte Aufklärung für ein besseres Mittel als Strafe.

Doch auch die sind verschärft worden. Immer häufiger hört man von mehrmonatigen Sperren. Ein guter Weg?

Karos Ja, Strafen müssen wehtun. Wenn ein Amateurspieler für sechs Monate gesperrt wird, dann tut ihm das weh. Ich halte es auch für einen guten Plan, dass künftig Akteure, die für einen längeren Zeitraum gesperrt werden, durch die Teilnahme an einem unserer Lehrgänge wieder schneller mitspielen dürfen. Das hilft, zu verstehen, was man getan hat.

Was war die schwerste Auseinandersetzung, die Sie im Kreis Kleve erlebt haben?

Karos Das war ein Faustschlag eines Zuschauers gegen den Schiedsrichter in Geldern. Der Schiedsrichter erlitt eine Gehirnerschütterung. Ein solcher Fall sollte uns Warnung sein. Damit sich diese Szenarien nicht wiederholen, braucht es mehr Leute, die mit gutem Beispiel vorangehen – Menschen, die anderen mit Respekt begegnen. Wir brauchen mehr Vorbilder im Fußball. Das fängt bei den Profis an.

Wie vorbildlich sind diese?

Karos Manchmal wundere ich mich schon, wie etwa Bundesliga-Trainer mit Schiedsrichtern umgehen. Da braucht man sich nicht zu wundern, wenn Trainer im Amateurfußball diese Manieren übernehmen. Für Spieler gilt das Gleiche.