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Paul Breitner hält Vortrag in Schermbeck

Fußball : Paul Breitner ist und bleibt ein Original

Der ehemalige Fußballer hat im Landhotel Voshövel in Schermbeck witzige, ehrliche und kritische Anekdoten aus seiner Laufbahn erzählt. Grund für seinen Besuch war das Berufsjubiläum von Dietrich Hülsemann, Vorsitzender des TV Jahn Hiesfeld.

Paul Breitner brauchte erst einmal Wasser. Nicht nur, um die Stimme für einen 82 Minuten langen spritzigen und oft kritischen Vortrag über sein Leben, seine Fußballer-Karriere und die Gesellschaft zu ölen. „Ich bin etwas geschwächt“, sagt der Weltmeister von 1974. Eine kleine Magen-Darm-Verstimmung am Dienstag hatte den Vortrag des 67-jährigen kurzzeitig in Frage gestellt. Doch der Unternehmer ist eine Kämpfernatur mit eigenem Kopf – wie auch Dietrich Hülsemann.

Der Vorsitzende des Fußball-Oberligisten TV Jahn Hiesfeld lag wegen einer Hirnhautentzündung am 7. Juli 1974 in Oberhausen im Krankenhaus, als Breitner seinen Elfmeter im WM-Finale gegen die Niederlande verwandelte. „Genau dieses und das spätere 2:1-Siegtor durch Gerd Müller haben meine Kopfschmerzen gelindert“, sagt Hülsemann.

Fast 45 Jahre später kreuzen sich die Wege. Breitner sprach zu Hülsemanns 35-jährigem Rechtsanwalts-Jubiläum im Landhotel Voshövel in Schermbeck. „Pauls Leben ist deutlich spannender als meines, auch wenn mich meine Frau von der Hausarbeit komplett freigestellt hat“, sagt Hülsemann. Rund hundert Gäste hören zu.

Breitner spricht offen, ehrlich, kritisch, hart. So wie man ihn kennt. Schwungvoll ist er auch. Alle befürchten, dass er vom viel zu kleinen Stehpult stürzen könnte. Doch der Geschäftsmann ist trittsicher. Die Tücke des Objekts hält sogar einem Sprungtest stand, als Breitner den niederländischen Torhüter Jan Jongbloed in der erwähnten WM-Final-Elfmeterszene imitiert.

„Der Sport ist das echte Leben“, sagt Breitner. Es geht ihm um Leistung, Verantwortung, Freundschaft, gemeinsame Freude, aber auch um Individualismus. „Früher“, sagt Breitner, „war ich immer der Arsch, der seine Meinung gesagt hat. Der mit Abitur im Fußball ein Außerirdischer war und nicht das Hirn im Knie hatte, wie viele Menschen über Fußballer eben so gedacht haben in den 1970er-Jahren.“

Verantwortung ist ein Thema, das Paul Breitner bis heute beschäftigt. Beim WM-Turnier 1974 wollte niemand die Verantwortung eines Elfmeterschusses übernehmen, obwohl Bundestrainer Helmut Schön das Thema wieder und wieder aufbrachte. Müller, Beckenbauer, Hoeneß – alle wendeten sich ab.

„Als ich gegen Holland den Ball nach dem Elferpfiff nahe der Eckfahne geholt hatte, wollte ihn niemand haben. Da habe ich dann die Verantwortung übernommen“, sagt Breitner. Bundestrainer Schön hatte es im Turnier nicht geschafft, einen Schützen zu benennen. „Der Trainer war ein Sensibelchen.“

Breitner ist auch dann immens stark, wenn er seine Grundsätze vertritt. „Der Chef ist nie ein Teamplayer, er muss Lösungen für die anderen finden, wenn es Probleme gibt“, lautet ein Grundsatz. „Das wichtigste Wort in meinem Leben ist nein. Ein Nein schafft Platz im Kopf“, ist ein anderer Leitspruch. Oder etwa: „Die Meinungsfreiheit in Sozialen Medien ist unser tägliches Waterloo, eine moderne Hexenjagd. Der Begriff Freund wird mit Füßen getreten.“ Und: „Geiz ist geil, das ist der schlimmste Spruch überhaupt.“

Fußball bleibt Breitners Lebensbaustein. Doch der Abstand ist größer denn je. Breitner ist seit 2017 nicht mehr Bayern-Markenbotschafter. Ein Streit mit seinem früheren Zimmergenossen Uli Hoeneß hatte dafür gesorgt, dass er seine VIP-Karte für Bayerns Arena abgegeben hat.

Seit fast zwei Jahrzehnten investiert der Weltmeister in Beton, baut vor allem Seniorenheime. „Ich bin kein Sportfan. Wenn ich Fußball schaue, drehe ich meistens den Ton ab und lege Musik von Queen oder Mozart drüber. Damit ich nicht den ganzen Schmarrn hören muss, der da immer erzählt wird.“