Lokalsport: Janis Blaswich - "die achtarmige Krake"

Lokalsport : Janis Blaswich - "die achtarmige Krake"

Der 27-jährige Torhüter, der seine Laufbahn beim VfR Mehrhoog begann, hat großen Anteil daran, dass Hansa Rostock vom Aufstieg in die Zweite Liga träumen kann. Seine Mitspieler loben die Nummer eins in den höchsten Tönen.

Früh am Morgen bat Trainer Pavel Dotchev zum Auslaufen. Es war der letzte Sonntag im Juli vergangenen Jahres, wenige Stunden nach Hansa Rostocks Heimauftakt in der Dritten Fußball-Liga, einem 0:0 gegen Sonnenhof Großaspach. Erstmals hatte Janis Blaswich das Tor seines neuen Vereins im Ostsee-Stadion verteidigt, er hatte keinen Gegentreffer hinnehmen müssen, einen guten Einstand gefeiert - nur freuen konnte er sich nicht darüber.

Auf dem Trainingsgelände des Drittligisten war es ruhig am Tag danach. Die joggende Spielergruppe sprach nicht viel. Nur zwei Besucher waren da, ein Vater mit seinem kleinen Sohn. Blaswich kritzelte ihm später seine Signatur aufs Trikot, der Junge ging freudestrahlend heim. Hansas Torwart indessen haderte mit dem Remis. Wir hätten nur eine der vielen Großchancen nutzen müssen, sinnierte er. Viel hatte in diesem Spiel funktioniert, nur das Toreschießen nicht. Und deshalb sagte Blaswich auch: "Wenn wir als Mannschaft Woche für Woche so agieren, dann können wir einiges erreichen." Eine vage Formulierung einerseits. Andererseits jedoch auch ein Statement, das bei Lichte betrachtet verdeutlicht, wie viel der ganz frisch hinzugekommene Blaswich schon damals in dieser Mannschaft sah.

Ein halbes Jahr danach hat Hansa 24 Spiele absolviert, ist in der Tabelle auf Rang fünf gelistet - und plötzlich wieder obenauf nach fünf von Tristesse geprägten Drittliga-Runden. Platz 12, 13, 17, 10, zuletzt 15 im Schlusstableau - Jahr für Jahr stolperte der FC Hansa durch die Liga. Im Sommer 2017 folgte die personelle Vollsanierung: 17 neue Spieler kamen. Und in Fußballlehrer Pavel Dotchev ein neuer Frontmann. Zügig wuchs dieses Team zusammen - und ist nun sogar ein Aufstiegskandidat. Daran ändert auch die am vergangenen Wochenende kassierte 0:2-Niederlage bei Preußen Münster nichts.

Für Janis Blaswich, der seine Laufbahn beim VfR Mehrhoog gewann und dann bei Borussia Mönchengladbach Profi wurde, war es nur ein kleiner Dämpfer. "Klar ist doch, dass wir hier nicht durchmarschieren und überall Punkte holen. Wie wir mit dieser Niederlage umgehen, das ist entscheidend." Er sei da guter Dinge.

2019 will Hansa Rostock spätestens in die Zweite Liga zurückkehren, das ist das erklärte Ziel. Spielzeiten in Deutschlands dritter Profiklasse zehren an der Substanz, insbesondere finanziell. "Grundsätzlich ist es für Hansa schwierig, in der Dritten Liga die schwarze Null hinzubekommen. Dafür ist der Verein zu groß", sagte Rostocks Sportdirektor Markus Thiele kürzlich. Rund 12.000 Mitglieder zählt der Traditionsverein. Im Schnitt besuchen 11.500 Fans die Heimspiele, ein guter Wert, der zweitbeste der Liga. Nur: Das Ostsee-Stadion fasst deutlich mehr, ist zu nur 40 Prozent ausgelastet. Hinzu kommen die vorhandene Infrastruktur und das Nachwuchsleistungszentrum. All das frisst viel Geld, die Einnahmen sind zu gering. Insgesamt haben die Ostseestädter bereits 17 Millionen Euro Schulden angehäuft, auch in diesem Jahr werden wieder zwei Millionen hinzukommen. Hansa sehnt sich nach besseren Zeiten, sportlich und damit einhergehend finanziell.

Und klar, auch Rostocks Fans wünschen ihren Verein zurück in die Zweite Liga. Aufbruchsstimmung ist zu verspüren. Nach der wenig erquicklichen Vorstellung gegen Preußen Münster wurden die niedergeschlagenen Akteure sogleich in die Kurve zitiert, Spieler und Anhänger klatschten sich demonstrativ ab. Gemeinsam wollen sie die Aufstiegschance schon jetzt ergreifen. Der Relegationsrang, um den es letztlich wohl nur geht, weil der 1. FC Magdeburg und der SC Paderborn schon weit voraus sind, ist nur einen Punkt entfernt. Zudem hat Hansa eine Partie weniger absolviert als die Widersacher SV Wehen Wiesbaden und Karlsruher SC.

Die Aufstiegshoffnung keimt deshalb - bei den Fans und bei den Spielern. Torwart Janis Blaswich, sonst eher zurückhaltend in seiner Formulierung, präzisierte im Interview mit dem Rostocker Lokalblatt Norddeutsche Neueste Nachrichten: "Der Aufstieg ist auf jeden Fall das Ziel. Sonst bräuchten wir auch nicht mehr starten." Sportdirektor Thiele schlägt derweil minimal leisere Töne an und weist daraufhin, dass Hansa "auch etwas Glück" brauche, um der dritten Spielklasse schon in diesem Jahr zu entkommen. Denn: "Wir sind noch keine Spitzenmannschaft."

Dafür mangelt es zu häufig an der Souveränität bei eigenem Ballbesitz. Die charakteristische Dominanz eines Top-Teams, das seinen Gegner einschnürt und spielerisch erdrückt, geht Hansa noch ab. Janis Blaswich spricht von Lernfortschritten, die er und die übrige Belegschaft allwöchentlich vollziehen müssten.

Dabei befindet er sich selbst schon auf hohem Niveau. Blaswich, als Nummer eins gesetzt, hat bislang 21 Ligapartien absolviert; drei verpasste er Ende 2017 wegen einer Leisten-Operation. 19 Gegentreffer musste er hinnehmen, zehn Mal spielte er zu Null. Der 26-Jährige ist ein Wortführer und Leistungsträger. Von seinem Mitspieler und Abwehrchef Oliver Hüsing wird Blaswich anerkennend als "achtarmige Krake" bezeichnet. Sebastian Pelzer, der als Kapitän 2011 letztmalig mit Hansa den Zweitliga-Aufstieg schaffte, rühmt die Führungsqualitäten des Keepers. Einen wie Blaswich, der vorweg gehe und Profil zeige, so einen brauche man, um zur Ligaspitze zu gehören. Und vom kicker Sportmagazin wurde Blaswich in der winterlichen Rangliste des deutschen Fußballs als "herausragend" eingestuft. Derzeit wird ihm viel Ehrerbietung zuteil.

Das registriert freilich auch Markus Thiele, als Sportlicher Leiter für die Kaderzusammenstellung verantwortlich. Gern würde er den von Borussia Mönchengladbach geliehenen Torhüter fest verpflichten. Sie seien in "intensiven Gesprächen", betonte Thiele neulich. Blaswich gibt sich schmallippig: "Klarheit gibt es dann, wenn etwas entschieden ist. Da mache ich mir jetzt noch keinen Kopf drum." Auch ihn treibt die Sehnsucht nach der Zweiten Liga.

Schon einmal gelang Blaswich der Aufstieg in diese Klasse, 2016 mit Dynamo Dresden. Auch damals war er Stammtorwart und Leihgabe von Borussia Mönchengladbach. Die angepeilte Weiterverpflichtung platzte indes - und mit ihr Blaswichs Traum von höherklassigem Sport. Mit Hansa Rostock nimmt er den nächsten Anlauf. Blaswich weiß, wie es funktioniert. Lässt sich Geschichte wiederholen?

An jenem Tag nach seinem Heimdebüt Ende Juli fing es plötzlich an zu regnen. Das komme im Norden wohl häufiger vor, sagte Blaswich und flüchtete in den Kraftraum. Als er rund eine Stunde später wieder herauskam, da strahlte wieder die Sonne. Rostock sei eine feine Stadt, sagte er, die Lebensqualität sei hoch. Das Wetter, sagte Blaswich und lachte, solle sich dem doch bitte anpassen - und, na klar, der sportliche Erfolg müsse sich einstellen für einen perfekten Aufenthalt an der Ostseeküste. Wie lange der andauern wird, ist unklar, ebenso, wo sich Hansa schlussendlich tabellarisch einsortiert. Sicher ist nur: Das Ziel Zweite Bundesliga ist kein Luftschloss. Für Hansa und Janis Blaswich ist viel möglich.

(RP)
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