Lokalsport: Eine Reiterfamilie lebt ihren Traum

Lokalsport : Eine Reiterfamilie lebt ihren Traum

Zusammen mit ihrem Ehemann Gerd betreibt die Weselerin Carolin van der Linde auf dem einstigen Hof Stegemann in Schermbeck den Dressurstall van der Linde. Auch die jüngere Schwester Verena bildet auf dem Hof aus.

Das Leben ist kein Ponyhof. Aber manchmal führt es einen auf ein Pferdegestüt, im besten Fall eines mit dem eigenen Namen. "Das ist schon ein Traum, aber auch viel Arbeit", sagt Carolin van der Linde. Zusammen mit ihrem Ehemann Gerd betreibt die Weselerin auf dem einstigen Hof Stegemann in Schermbeck den Dressurstall van der Linde.

Rückblende: Vor zehn Jahren mussten Carolin van der Linde und ihre Schwester Verena eine sportliche Zäsur in ihren bis dato so erfolgreichen Dressur-Karrieren verkraften. Mitchell, mit der die damals 19-jährige Verena van der Linde drei Silbermedaillen bei Europameisterschaften gewonnen hatte, wurde vom Besitzer ebenso verkauft wie Feinsinn NRW. Mit dem Hengst des NRW Landgestüts Warendorf ritt Carolin van der Linda innerhalb von vier Jahren unter anderem zu EM-Gold, DM-Gold und 27 Siegen in Dressuren der Klasse S.

In der Folge stand bei Mensch und Tier das Thema Ausbildung im Vordergrund. Mit Erfolg. Weitere vier Pferde hat Carolin van der Linde seither bis zur S-Klasse gebracht. Jüngst gelang dies mit dem acht Jahre alten Donna Wetter. In Ahlen blieben die beiden Starter des Reit- und Fahrvereins Hünxe Anfang Mai nur um 0,2 Prozent unter den "magischen" 70 Prozent und feierten den ersten gemeinsamen S*-Sieg.

"Wir setzen mit unserem Konzept auf Zucht, Aufzucht, Ausbildung und Verkauf", erläutert die 32-Jährige, die nach ihrer Babypause für die anderthalbjährige Emilia wieder fest im Sattel sitzt, aber zudem noch in der Finanzabteilung eines Weseler Unternehmens arbeitet. "Vereine haben einen anderen Fokus und meistens auch gar nicht die Möglichkeit, bis auf S-Niveau auszubilden."

Der Dressurstall van der Linde dagegen gleich dreifach. Auch Verena van der Linda hat "Diva" Dschibuti (10) selbst bis zum hohen S-Niveau ausgebildet. Allein bis zum Saisonende vergangenen Jahres konnte die Stute fünf Mal eine S*-Prüfung gewinnen und musste sich vier Mal nur knapp auf dem zweiten Platz geschlagen geben. "Es ist viel mehr Vorarbeit, als wenn man ein bereits ausgebildetes Pferd übernimmt, aber es macht Spaß. Mein nächstes großes Ziel ist es derzeit, in der Grand-Prix-Schiene Fuß zu fassen", verrät die 29-Jährige, der nur noch ein S-Sieg zum Goldenen Reitabzeichen fehlt. Auch sie geht einem "normalen" Beruf in der Buchhaltung eines Betriebes in Wesel nach, wo sie auch lebt. Was ihrer Meinung nach ein gutes Dressurpferd ausmacht? "Ein gutes Mittelmaß zwischen keine Schlaftablette und elektrisch sein", erläutert Verena van der Linde.

Über zu wenig Arbeit können sich alle Beteiligten nicht beschweren. "Der Stall ist voll und die Nachfrage gut", berichtet Gerd van der Linde. Diesen Nachnamen hat dem gelernten Pferdewirt aus Brandenburg die Heirat mit Carolin beschert. Während seiner 20-jährigen Tätigkeit auf dem NRW Landgestüt in Warendorf haben die beiden sich kennen und lieben gelernt. Neben der Ausbildung und Turniervorstellung der jungen Pferde kann auch Gerd van der Linde aktuell Siege und Platzierungen in der Dressur bis Klasse M aufweisen.

Ob er in den rund fünf Jahren, die der 41-Jährige mittlerweile komplett am Niederrhein lebt, Unterschiede zu den Westfalen festgestellt hat? "Klar, hier ist man schon ein bisschen lockerer", sagt Gert van der Linde und lacht. "Aber gut zurecht komme ich mit allen."

Vom "Virus infiziert", wie er es selbst nennt, ist mittlerweile auch Tobias Münker. "Damit hätte ich vor zehn Jahren niemals gerechnet", sagt der Verlobte von Verena van der Linde. "Ich würde mich nicht als Dressurreiter bezeichnen. Aber ich bin bei allen Turnieren dabei. Wenn man mit einer Reiterin zusammen ist, aber kein Interesse an Pferden hat, könnte das auf Dauer problematisch werden." Als "die wertvolle helfende Hand von unten" bezeichnet Verena van der Linde ihren Partner. "Und mittlerweile hat er auch Ahnung und sagt mir dann ziemlich deutlich, was er bei einem Ritt nicht so gut fand."

Richtig gut findet die gesamte Entwicklung des "Familienunternehmens" Tonius van der Linde. Der Vater von Verena und Carolin hatte 2009 den Vorsitz des damaligen Kreis-Pferdesportverbandes Wesel niedergelegt, nicht aber seine Freude am Pferdesport. "Für mich war das damals ehrenamtlich in einem Verband mit 43 Vereinen und über 8000 Mitgliedern beruflich nicht mehr unter einen Hut zu kriegen", berichtet Tonius van der Linde. "Aber hier helfe ich sehr gerne, wo ich kann."

Und Arbeit scheint es im Dressurstall van der Linde ja genug zu geben.

(RP)
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