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Lokalsport: Ein riesiges Maskottchen auf zwei Rädern

Lokalsport : Ein riesiges Maskottchen auf zwei Rädern

Radsport: Ludger Zens, Gründer des Schermbecker Teams "Zens & Friends", besitzt ein besonderes Tour-de-France-Andenken.

Er schaut mächtig grimmig drein, dieser riesige Radfahrer, der seit Wochen im Schermbecker Gewerbegebiet Heetwinkel zu bestaunen ist. Quasi über Nacht tauchte die überlebensgroße Figur aus Kunststoff und Lack dort auf - und hat das Zeug zum Wahrzeichen der 13 500-Seelen-Gemeinde. Der Kopf weit nach unten, das Hinterteil hoch in die Luft gestreckt, strömt er jede Menge Dynamik aus und erweckt den Eindruck, als befände er sich mit seinem Rennrad im Schlussspurt einer Tour-de-France-Etappe. Tatsächlich aber bewegte sich die Skulptur seit ihrer Ankunft keinen Zentimeter mehr. "Ich wollte immer einen Hingucker als Außenwerbung", sagt Ludger Zens. "Aber dieser ist nun wirklich sehr groß geraten." Das hauseigene Rennteam "Zens & Friends" besitzt nun auf jeden Fall ein neues Maskottchen - allerdings ein stationäres, kaum zu verrückendes.

Der Schermbecker Unternehmer muss seinen Kopf schon weit in den Nacken legen, wenn er zu seinem neuen Vorgarten-Bewohner aufschauen will. Zens, nicht nur Fahrrad-Händler mit großer Werkstatt, sondern selbst passionierter Radsportler auf der Straße und im Gelände, muss schmunzeln, wenn er die Geschichte erzählt, wie der 3,80 Meter große und 1,5 Tonnen schwere Koloss zu ihm kam. "Das war eine logistische Meisterleistung."

Gefunden hatte den Radfahrer ein Schrotthändler aus Holland, ein Geschäftspartner des Zweiradhandels. Auf der Wiese seines Nachbarn nahe Winterwijk verbrachte die Radlerfigur einen geruhsamen Lebensabend. Zum Start der Tour de France 2015 in Utrecht hatten ein paar radsportverrückte Holländer diesen Goliath zusammengebaut. Das Ungetüm wurde fotografiert, der Niederländer zeigte das Bild bei seinem nächsten Besuch in Schermbeck. "Den will ich haben", sagte Zens ohne Umschweife. "Was soll der kosten?"

Schon einen Tag später kam der Vollzug. Für 1000 Euro war der Kunststoffradler erworben, der in der Produktion einst fast 10 .000 Euro gekostet hatte. "Der gehört jetzt dir", hieß es am Telefon. Zens schlug ein. Einzige Bedingung: "Du bringst mir das Ding." Leichtsinnigerweise sagte der Mann aus den Niederlanden zu.

Denn bei einer Gesamthöhe von knapp fünf Metern mussten die beiden erst einmal eine Strecke für das Ungetüm ausbaldowern. Ohne Unterführung - und ohne Ampeln, die über einer Kreuzung hängen. Die Fahrt dauerte dann rund drei Stunden. "Das war im Grenzbereich der Legalität", sagt Zens, der sich aber nach gelungenem Transport über seinen neuen Blickfang freute. "Gelsenkirchen hat seinen Herkules, gestaltet vom Düsseldorfer Künstler Markus Lüppertz, Schermbeck nun seinen Zensi."

Der Werbeeffekt ist gewaltig. Jeden Tag halten zahlreiche Leute, um vor dem beeindruckenden Giganten ein Selfie zu machen. Ganz Schermbeck kennt mittlerweile den Riesen-Zensi. Höchste Zeit also, dass Gattin Gina ihr Vorhaben in die Tat umsetzt und dem Monstrum einen neuen Anstrich verpasst. Statt der holländischen Nationalfarben soll der Blickfang schon bald in den Trikotfarben des hauseigenen Rennteams "Zens &Friends" - schwarz, rot, grün und weiß - posieren. Den Rang eines Team-Maskottchens hat Zensi längst. Wobei die Verkleinerungsform schon sehr verniedlichend klingt. Ob er nicht ein wenig zu aggressiv schaue, der Neue im Team. "Ach, was", sagt Zens, "der ist maximal fokussiert."

Bereits seit zehn Jahren existiert das Radsportteam "Zens & Friends". Wobei die Ursprünge noch viel weiter zurückliegen. Ludger Zens, ehemaliger Leichtathlet, der noch unter Präsident Günter Eichberg für Schalke 04 startete, stieg schon vor mehr als 30 Jahren regelmäßig aufs Rad. Zunächst auf der Straße, später dann eroberte er seinen "Schermbeck Forrest". Gemeinsam mit seinem Bruder Kilian gehört er zu den Cross- und Mountain-Bike-Pionieren der Gegend. Die Single-Trails der Üfter Mark und rund um den Freudenberg mit ihrer Gesamtlänge von 45 Kilometern sowie das ausgedehnte Areal des Dämmerwaldes sind für ihn und seine Mitstreiter zum Dorado ihres Sports geworden. "Viele Wege", so Zens, "sind erst durch unsere jahrelange Fahrerei entstanden." Und weiter: "Was uns hier noch fehlt, ist ein Tausender." Damit meint er einen Berg entsprechender Höhe.

In der Gegenwart treffen sich jetzt jeden Mittwoch im Schatten des neuen Maskottchens mehr als ein Dutzend Radsport-Enthusiasten im Alter von 15 bis 60 Jahren, um in unterschiedlichsten Leistungskategorien durch den Wald zu jagen. Bei allem Wettkampf gilt: Safety first. "Jeder ist willkommen, aber ohne Helm nehmen wir niemanden mit", sagt Zens. Auch bei Wettkämpfen sind die Schermbecker mittlerweile gefürchtet. "Die vom Niederrhein sind wieder da, heißt es dann", so Zens. Gewonnen haben sie auch schon - unter anderem beim 24-Stunden-Rennen in Duisburg, als sie im Achterteam-Mixed den ersten Platz belegten. "Ich war mit 55 Jahren der Älteste in meiner Mannschaft, aber nicht der Schlechteste."

Mit ihrem Engagement möchten Ludger Zens und seine ebenso begeisterte Frau so viele Leute wie möglich zum Radsport bringen. Bei allen Ambitionen: Ein Verein sind sie in all den Jahren nicht geworden. Niemand im Team besitzt eine Profi-Lizenz. Das ist gewollt. "Wir sind ambitioniert und nehmen unseren Sport ernst", sagt Zens. "Aber am Ende steht die Geselligkeit über allem, wenn anschließend beim Bierchen gequatscht und gefrotzelt wird."

(RP)