Lokalsport: "Der Sport wird nicht mehr auferstehen"

Lokalsport : "Der Sport wird nicht mehr auferstehen"

Den früheren Dintrab-Geschäftsführer Werner Hansch überrascht das Aus für Trabrennen am Bärenkamp nicht. "Dass in Dinslaken überhaupt noch Rennen stattfinden, rechne ich den Verantwortlichen und vor allem Theo Lettgen hoch an."

Ein paar Laubblätter wehen über die verlassene Piste, an einigen Stellen zeugen noch Schneereste vom Wintereinbruch vor wenigen Tagen. Der Himmel weint kalte Regentropfen auf die Dinslakener Trabrennbahn. Es scheint, als sei die Zeit stehen geblieben. Die große Anzeigetafel auf dem Grünen im Inneren des Ovals kündigt noch mit einem kleinen Fehler den nächsten Renntag für Montag, "18. Dozember", an. Der Termin ist abgesagt, wegen der Witterung wurden zu wenige Pferde gemeldet.

Es hat nichts mit der Entscheidung zu tun, die die Mitglieder des Niederrheinischen Trabrennvereins einstimmig auf einer Versammlung trafen, aber es passt ins Bild: Die Rennen am Bärenkamp laufen bald aus. Nur noch bis zum 31. Dezember 2022 gilt der Pachtvertrag. 13 Jahre eher als ursprünglich vereinbart ist Schluss. Schluss mit Hufgetrappel, Schluss mit der eingängigen Amboss-Polka vor jedem Wettbewerb. Schluss mit Trabrennsport in Dinslaken.

Theo Lettgen sitzt wie immer schon früh im Verwaltungsbüro an der Rennbahn. Der 68-jährige Dintrab-Vorsitzende steht aller Voraussicht nach vor der unglückseligen Aufgabe, die letzten fünf Jahre des Rennbetriebs abzuwickeln. An Renntagen beschäftigt der Verein rund 100 Helfer, im alltäglichen Betrieb bewältigen vier Menschen die Aufgaben, die es rund um die Organisation und Durchführung der Veranstaltungen zu erledigen gibt. In diesem Jahr steht noch der traditionelle sportliche Abschluss zu Silvester auf dem Programm. Für 2018 sind 15 Renntage geplant. "Das sind so viele wie auf den Galopprennbahnen in Köln, Neuss und Düsseldorf zusammen", sagt Lettgen.

Dennoch musste er in den vergangenen Jahren die Erfahrung machen, dass der Trabrennsport mit immer mehr Problemen zu kämpfen hatte. Umsatzeinbußen, weniger Publikum, sinkende Startermeldungen auf der einen Seite, der Ruf aus der Politik nach alternativen Nutzungsmöglichkeiten des Areals auf der anderen. "Wir müssen der Realität ins Auge blicken", sagt Theo Lettgen, "wenn es am Ende zum Wohle der Stadt ist, dann ist es eben so". Seine Hoffnung für die Zukunft ist lediglich, "dass hier später auch wahr gemacht wird, was jetzt suggeriert wird: bezahlbarer Wohnraum."

Einer, der die besseren Zeiten des Trabrennsports in Dinslaken noch mitgemacht hat, ist Werner Hansch. Der langjährige Sportreporter führte von 1981 an elf Jahre lang hauptamtlich die Geschäfte beim Dinslakener Trabrennverein. Er erfuhr am Mittwoch vom nahenden Ende des Pferdesports an seiner ehemaligen Wirkungsstätte: "Friede seiner Asche", kommentiert der 79-Jährige spontan, "das ist eine nachvollziehbare und vernünftige Entscheidung".

Seiner Meinung nach ist der Sport "praktisch tot und wird auch nicht mehr auferstehen". Den sichtbaren Beweis hat Hansch als gebürtiger Recklinghausener in seiner Heimat: "Die dortige Rennbahn liegt seit Jahren brach und ist total verrottet." Dass in Dinslaken überhaupt noch Rennen veranstaltet werden, "rechne ich den dortigen Verantwortlichen und vor allem Theo Lettgen hoch an".

Zu seiner Zeit gab es auch Probleme, weiß der ehemalige Geschäftsführer: Damals wurde in Dinslaken zunächst samstagnachmittags getrabt, aber vor allem in der heißen Jahreszeit gingen die Umsätze und Besucherzahlen zurück. "Ich bin damals auf die Idee gekommen, den Montagabend als Renntag einzuführen", sagt Werner Hansch. "Das hat voll eingeschlagen. Dafür müsste der Verein mir im Nachhinein eigentlich fast noch ein Denkmal errichten."

Gemessen an den heutigen Nöten wirken die damaligen Sorgen allerdings winzig. Der Trabrenn-Boom ist lange vorbei, die Umsätze fallen seit geraumer Zeit, die Anzahl der gemeldeten Pferde nimmt ab. "Wenn es die Holländer nicht gäbe, wäre noch viel weniger los", sagt Hansch. "Und wenn ich mir die Rennpreise heutzutage anschaue. Dafür hätte in den 70-ern keiner sein Pferd aus der Box geholt."

Dazu kommt der stetige Besucherrückgang. Eine Ursache sieht der Experte darin, dass die Verantwortlichen im Trabrennsport vor einiger Zeit auf die Idee kamen, die Rennen in Buchmacherläden zu übertragen - in der Hoffnung, neue Umsätze zu generieren. "Dabei haben sie nicht bedacht, dass ein Großteil des Geldes in die Übertragungsleitungen gegangen ist." Und im Internet kann man heutzutage zwar auf alles wetten, "aber die Summe des zur Verfügung stehenden Geldes ist bei den potenziellen Wettern nicht mitgewachsen". Will heißen: Wer wettet, konzentriert sich auf populäre Sportarten wie Fußball, die Pferde seien praktisch "hinten rüber gefallen", wie Hansch formuliert.

Bei den Galoppern sehe die Situation noch etwas besser aus, doch insgesamt habe der Pferdesport keine Zukunft. "Ein bisschen Melancholie schwingt da bei mir mit. Ich habe Riesenrespekt vor Theo Lettgen und seinen Kollegen, dass sie die Sache noch so lange am Leben halten."

Er selbst traf schon vor langer Zeit für sich persönlich die beste Entscheidung: 1992 nahm er das Angebot an, den Job als Dintrab-Geschäftsführer für den des Fußballreporters beim privaten Fernsehsender Sat.1 aufzugeben. "Und ich habe es nie bereut".

(RP)
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